Lassen Sie uns über Revolution reden. Ja, ich kann Ihr Stöhnen verstehen. Revolution, nicht schon wieder. Es gibt vermutlich kaum einen Begriff, dessen Bedeutung sich in letzter Zeit derart abgenutzt und verwässert hat. Jede noch so windige Idee eines noch so kleinen Start-Ups wird heutzutage mit reichlich heißer Lifestyle-Luft künstlich aufgeblasen, und wenn es sich nur um einen Bürostuhl handelt, der „eine Revolution des Sitzens“ verspricht.

Wer die Ohren spitzt, hört deutlich, wie sich Fidel Castro bei Worthülsen wie dieser im Grab herumdreht.

Immerhin: In der Musik gab es viele Augenblicke, in denen der Begriff von der Revolution zu Recht benutzt wurde. Millionen kreischende Teenager(innen) können bezeugen, dass Beatles und Stones Anfang der Sechziger tatsächlich eine Revolution losgetreten haben. Ein knappes Jahrzehnt später waren die Sex Pistols, The Clash und andere Punk-Bands ebenso revolutionär – nicht obwohl, sondern weil die ältere Generation über diesen ungehobelten Lärm nur die Nase rümpfte. Anfang der Neunziger schlug dann die Stunde des Grunge: Noch so eine gelungene Revolution, schließlich haben Nirvana und Co. die damalige Popmusik und Jugendkultur gründlich gegen den Strich gebürstet. Weiter im Zeitraffer nach vorne kommen wir schließlich zur nächsten großen Revolution – nämlich zur Wiedergeburt des Indierocks in den Nullerjahren.

Oft ist hier von der „Class of 2005“ die Rede. Klar, viele Meilensteine erschienen in jenem Jahr. Maximo Park, Kaiser Chiefs, Bloc Party, Hard-Fi und wie sie alle hießen – gefühlt warfen die Plattenfirmen im Wochentakt neue Alben auf den Markt, die in britischen Medien durch die Decke gehypt wurden. Gut tanzbar und vollgepackt mit Hymnen zum Mitsingen waren sie alle, doch es gibt ein Album, das aus der Masse trotzdem heraussticht. Und das erschien nicht 2005, sondern schon ein Jahr früher: Das selbstbetitelte Debüt von Franz Ferdinand.

Pioniere im Indie-Goldrausch der Nullerjahre: Franz Ferdinand

Die Schotten sind bei der jungen Generation von Rockhörern vermutlich ein wenig in Vergessenheit geraden. Aber sie waren damals echte Pioniere im Goldrausch des Indierock-Booms. Als Band waren sie so smart wie ihre Songs. Leicht nerdige Kunststudenten, die Bock auf Tanzen hatten und im Wort Indierock die zweite Silbe betonten. Auf ihrem Debütalbum versammelten Franz Ferdinand elf Songs, die vor Energie fast zerplatzten, aber gleichzeitig unerhört melodiös und, ja, auch poetisch waren. Zumindest meistens. Es durfte natürlich auch mal simpler zugehen - dass der Klassiker „Take Me Out“ eher für den Tanzboden als das Philosophie-Proseminar geschrieben war, hat wohl jeder gemerkt, der schon einmal seine Glieder zu dem stampfenden Beat geschüttelt hat. Aber bitteschön: „Jacqueline“! „The Dark of the Matinee“! „Michael“! „Come on Home“! Das waren – und sind immer noch - große Songs, die Herz, Hirn und Beine gleichermaßen angesprochen haben. Dieses Kunststück hat außer Franz Ferdinand damals keine Band hinbekommen. Und Franz Ferdinand selbst übrigens danach auch nie wieder.

Aber selbst in einem Gesamtkunstwerk wie diesem Album schafft es ein Song, sich noch positiv abzuheben. Und das ist „Darts of Pleasure“ - einer der knackigsten, rockigsten und genialsten Songs auf der LP. Auf weniger als drei Minuten feuern Franz Ferdinand aus allen Rohren, versammeln einen unwiderstehlichen Beat, rauschartige Gitarren, starke Melodien und einen Schuss herrlichsten Dadaismus. Aber dazu später.

Ziemlich arty: Das Video zu "Darts of Pleasure"

So sexy kann ein Rock-Refrain klingen

Fangen wir ganz vorne an. „Darts of Pleasure“ fällt nämlich mit der Tür ins Haus und lässt ein zackiges Schlagzeug von der Leine. Doch es dauert nur kurz, bis Sänger Alex Kapranos knurrend die Richtung vorgibt: „You are the latest contender / you are the one to remember / you are the villain who sends a / Line of dark, fantastic passion“. Garniert von lässig heruntergeschrammelten Gitarren, die  man so laut garantiert nicht bei allen zarten Indierock-Jungs zu hören bekommt.

Wenn jemals ein Refrain das Adjektiv „sexy“ verdient hat, dann der von „Darts of Pleasure“. Über einen bedrohlich zischelnden Beat schnurrt Alex Kapranos Zeilen, die ebenso lieblich wie lüstern klingen: „You can feel my lips undress your eyes / Words of love and words of leisure / Words are poisoned darts of pleasure / Die and so you die“. Wer jetzt noch nicht wenigstens mit den Füßen mitzuckt, zuckt vermutlich gar nicht mehr.


"Schampus mit Lachsfisch" für alle

Doch den dicksten Hammer packen Franz Ferdinand nach rund zwei Dritteln des Songs aus. Dann kündigt sich ein Outro an, das man nur als Geniestreich bezeichnen kann. Über einen wummernden Bass steigert sich die Band in einen lauten Gitarrenrausch und schmettert dazu im Chor die denkwürdigste Parole des Rock-Jahrzehnts: „Ich heiße superfantastisch / Ich trinke Schampus mit Lachsfisch!“

Ja, richtig gelesen, auf Deutsch – oder zumindest etwas, das Deutsch sein soll. Selbst der stiernackige Hooligan aus dem Londoner Arbeiterviertel dürfte kapieren, dass das kein grammatikalisch korrektes oder gar sinnhaftes Deutsch ist. Aber wen interessiert das schon? Kurt Schwitters hätte seine Freude an diesem dadaistischen Auswurf, zudem wenn er so schmissig intoniert wird.

Selbst, wer weder Schampus trinkt noch Lachsfisch isst, und erst Recht nicht beides gleichzeitig konsumiert, muss hier einfach mitgrölen. Das launige Finale lässt beim Qualitäts-Hau-den-Lukas den Pegel in atemberaubende Höhen schnellen und macht „Darts of Pleasure“ von einem sehr guten zu einem überragenden Song. Auch mit fast zwei Jahrzehnten auf den Buckel klingt diese dreiminüte Ode an die Tanzfläche immer noch frisch wie am ersten Tag. Ein echter Klassiker aus der Zeit der großen Indierock-Revolution. Dass diese irgendwann ihre Kinder fressen würde, konnte damals ja noch keiner ahnen.