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Mark Read
Mark Read

Drei Leben

1. Ein portugiesisches Leben

Vor wenigen Tagen nahm mich mein Vater beiseite und sah mir tief in die Augen. „Sohn“, sagte er mit seiner mittlerweile bereits etwas brüchigen Stimme – mein Papa wird nächstes Jahr, so Gott will, siebzig Jahre alt – „Sohn“, sagte er also, „Du musst die Geschichte deiner Großmutter aufschreiben und für die Nachwelt festhalten. Du weißt, dass du der einzige in der Familie bist, der das Geschehene in Worte fassen kann.“

Hierzu mag ich mir kein Urteil erlauben. Doch es stimmt, dass ich in meiner Familie den Ruf eines Literaten genieße, der sich aber wohl einzig und alleine auf der Tatsache gründet, dass ich in meiner Jugend mit Begeisterung Werke unserer Nationaldichter Camoes und Pessoa und später auch einmal etwas von Saramago gelesen habe. Es trifft jedoch nicht zu, dass ich mich jeden Tag hinter Büchern vergrabe. Das lässt meine Zeit längst nicht mehr zu. Der Rest meiner Familie konnte der so genannten hohen Literatur seit jeher wenig abgewinnen. Von meiner Schwester Amelia und von meinem Vater weiß ich, dass sie regelmäßig die Zeitung und ab und an eine Illustrierte lesen, aber einen Roman oder dergleichen habe ich hier im Haus kaum je herumliegen sehen – immerhin hegt aber meine Nichte Yoani eine innige Liebe zu Harry Potter.

Vielleicht stimmt es also, was Papa sagt: Wenn es in unserer Familie einen Beauftragten für Literatur und Kultur gibt, so dürfte ich das sein. Selbst zu Papier gebracht habe ich jedoch bis heute noch nie etwas, und ich finde es gelinde gesagt abenteuerlich, dass mir ein Talent hierfür zugetraut wird. Aber seinem Vater widerspricht man nicht, erst recht nicht wenn es um eine so ungewöhnliche Geschichte geht wie die meiner seligen Großmutter, die in der Tat aufgeschrieben und festgehalten werden muss.

Während ich hier oben in der früheren Kammer meiner Großmutter sitze, an dem kleinen Holztisch am Fenster mit Blick auf die Straße, kann ich hören, wie unter mir gearbeitet wird. Deutlich dringt das Klappern des Geschirrs nach oben, das Prasseln des Spülwassers, die Gespräche aus der Küche. Es fühlt sich seltsam an, nicht selbst unten zu stehen und in meinem eigenen Restaurant mitzuhelfen. Doch mir wurde versprochen, dass der Betrieb auch ohne mich läuft. Meine Frau und die kleine, bezaubernde Amelia haben mir eigenhändig die Kochschürze abgenommen und mich in einen Sonderurlaub entlassen. Ich soll mich nur auf das Schreiben konzentrieren. In solchen Augenblicken merke ich, welch großes Glück mir mit dieser Familie zu Teil wurde.
Nun sitze ich also hier und versuche, die verworrenen Fäden zu ordnen, die verflossene Zeit wieder zurück zu holen und sie in passende Worte zu kleiden.

Wo beginne ich? Mit der Vorgeschichte, anders geht es wohl nicht. Der Mensch ist ohne seine Geschichte nichts wert. Meiner Meinung nach hatten viele der schlimmen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit ihre Ursache darin, dass Völker ihre eigene Geschichte nicht wertschätzten. Doch auch im Privaten, und ganz besonders im Falle meiner Großmutter, kann die Historie nicht genug gewürdigt werden.
Seit über einhundert Jahren ist die Familie De Sousa in Porto Covo zu Hause. Dieses kleine Dorf an der Westküste Portugals ist für uns mehr als nur eine Heimat. Es ist der Boden, in dem wir verwurzelt sind, aus dem wir unsere Lebenskraft ziehen. Auch wenn im Laufe der Zeit oft Mitglieder unserer Familie das Dorf verließen, um zum Beispiel nach Lissabon oder Porto zu ziehen oder an der Algarve Arbeit zu finden, so kamen sie früher oder später immer wieder zurück nach Porto Covo. Hier ist das Leben auch im 21. Jahrhundert immer noch unaufgeregt und einfach. Das meine ich in keinster Weise abwertend. Die moderne Welt hat auch diesen kleinen Ort längst erreicht. Fernsehen und Internet sind aus Porto Covo längst nicht mehr wegzudenken. Doch sogar heute, wo sich unzählige Touristen durch die engen Gassen in Richtung des Atlantiks schlängeln, hat unser Küstendorf nichts von seinem Charakter verloren.

Mein Urgroßvater Afonso de Sousa war es, der im Jahre 1922, lange vor Einsetzen des Massentourismus in unserem Land, eine zukunftsweisende Entscheidung traf: er eröffnete eine Gaststätte, das „O Estrela“, das wir heute noch unter dem selben Namen betreiben. Nach Afonsos Tod übernahm mein Großvater kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs das „O Estrela“, und nach seinem viel zu frühen Dahinscheiden führte mein damals noch nicht volljähriger Vater mit Hilfe meiner Großmutter die Geschäfte weiter. Vor zwei Jahren ging die Verantwortung auf mich über. Wir sind stolz darauf, dass wir das Lokal bis heute in Familienbesitz halten konnten. Auch wenn sich selbstverständlich einiges verändert hat.

Zu Dom Afonsos Zeiten war das „O Estrela“ noch eine Dorfwirtschaft. Damals versammelten sich hier hauptsächlich die Fischer, Landwirte und wenigen Handwerker aus Porto Covo, um bei Wein, Bier und Fisch über Politik zu debattieren. Hier wurden Lebensentscheidungen getroffen, hier spielten sich private Dramen ab und angeblich wurde in einem der Hinterzimmer sogar ein Kind gezeugt. Zumindest hat Fernando Carneiro meinem Vater gegenüber behauptet, dass seine Lebensgeschichte im "O Estrela" ihren Anfang genommen haben soll.

Ob das wirklich stimmt, habe ich nie überprüft. Aber ich bin gerne bereit, die Geschichte als realistisch einzustufen. Das Leben in Portugal war damals eben ein anderes als heute. Porto Covo war ein abgeschiedenes Dorf am Meer, der Tourismus heutiger Tage ein unbekanntes Phänomen. Schon damals herrschte große wirtschaftliche Not in unserem Land. Viele Portugiesen gingen in die Fremde, damit sie dort arbeiten und Geld an ihre Familie zu Hause schicken konnten. So auch mein Großvater, Henrique de Sousa. Mit seinem Abenteuer in der Fremde nimmt die Geschichte, die ich erzählen will, ihren Lauf.

Anfang der 1930er Jahre schlug sich mein Großvater nach Spanien und von dort über die Grenze nach Frankreich durch. Er arbeitete in einem Restaurant in Marseille als Tellerwäscher, später lebte er dann für einige Zeit in der fabelhaften Stadt Paris. Sein größtes Abenteuer war jedoch zweifellos ein fast einjähriger Aufenthalt in Hamburg. Später hat er oft von der Stimmung in den dunklen, verruchten Straßen von St. Pauli erzählt, von den düsteren Hafenkneipen, wo man am selben Abend den Himmel und die Hölle kennenlernen konnte.

Als die Lebensumstände während des Nazi-Regimes jedoch immer bedrückender wurden und sich zudem die Katastrophe des Weltkriegs zunehmend deutlicher am Horizont abzeichnete, verließ mein Vater Hamburg wieder. Es zog ihn zurück in die Heimat, quer durch den vom Hass bereits entstellten Kontinent.
Als er am 4. November 1939 wieder in Porto Covo eintraf, war er beinahe auf den Tag genau acht Jahre fort gewesen. Aufgebrochen als unbekümmerter Heranwachsender, kehrte er als nachdenklicher und gereifter Mann zurück nach Hause.

Niemand in unserem Dorf hatte so viel von der Welt gesehen wie er, und die Einheimischen saugten begierig alles auf, was er über das Leben in Frankreich und im barbarischen Nazi-Deutschland zu erzählen hatte.

All das weiß ich nur aus Erzählungen, denn ich habe meinen Großvater Dom Henrique nie kennen gelernt. Er starb elf Jahre vor meiner Geburt. Das meiste, was ich bis vor wenigen Jahren über sein Leben wusste, erzählte mir die Person, die ihn bei seiner Rückkehr nach Porto Covo begleitete: Meine Großmutter Maria.

Ihre Ankunft traf nicht nur unsere Familie völlig unvorbereitet, sondern war im ganzen Dorf ein Ereignis. Niemand hatte geahnt, dass mein Großvater auf seiner langen Reise durch Europa geheiratet hatte. Und dann auch noch eine Frau, die nicht aus dem Dorf stammte, ja nicht einmal aus der weiteren Umgebung. Das war damals sehr ungewöhnlich und sorgte für großes Aufsehen in unserer Gemeinde. Zwar nahm man halbwegs beruhigt zur Kenntnis, dass Maria immerhin keine Ausländerin war. Dennoch gab es anfangs im Dorf natürlich den üblichen Tratsch. Man misstraute grundsätzlich allen Fremden und blieb bevorzugt unter sich.

Mein Großvater gab zu Protokoll, dass er Maria an der Grenze zwischen Spanien und Portugal kennen gelernt hatte, im Dorf Altura. Ihr Elternhaus war abgebrannt, und die Flammen hatten Mutter und Vater verschlungen. Maria saß mitten in der Nacht weinend vor einem Café, als er sie antraf – umringt von einer Bande Halbwüchsiger. Sie wussten um ihre Notlage, und Gott weiß, was die Kerle mit ihr gemacht hätten. "Ich habe sie kurzerhand an der Hand genommen und als meine Verlobte angesprochen. Das hat diesen Typen den Wind aus den Segeln genommen", erzählte Großvater später. Er war ihr Retter in der Not, und dafür schenkte Oma ihm ihr Herz. Diese Geschichte rührte jeden hier im Dorf, und alle Vorbehalte gegenüber der fremden Frau waren bald vergessen.

"Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein", hat mein Vater einst zu mir gesagt, als wir auf die abenteuerlichen Umstände ihrer ersten Begegnung zu sprechen kamen. Das war vor vielen Jahren. Mittlerweile wissen wir, dass die Umstände noch abenteuerlicher waren als wir dachten – und dass mein Vater mit seiner Einschätzung völlig Recht hatte.

Meine Großmutter war ihr Leben lang eine bescheidene und fleißige Frau, die wenig sprach und sich nie am Geschwätz der anderen Dorfweiber beteiligte. Kein einziges Wort der Klage kam ihr je über die Lippen, egal wie hart die Umstände waren. Und das waren sie besonders in den ersten Jahren oft. Man begegnete ihr bald mit großem Respekt, auch wenn sich natürlich so manche Dame eine schnippische Bemerkung nicht verkneifen konnte.
"Mit Maria zu reden, ist so sinnvoll, wie Wasser ins Meer zu schütten." So lautete in früheren Jahren ein gängiger Spruch im Dorf, den sich freilich nur neidische Weiber gegenseitig ins Ohr tuschelten, denen in ihrer Ehe nicht so viel Glück und Zufriedenheit beschieden war wie meiner Oma.

Bis zuletzt war sie eine starke und tapfere Frau, meine Großmutter. Selbst, als sie schon weit über achtzig Jahre alt war und ihr Augenlicht nachgelassen hatte, als ihre Glieder schmerzten, hat sie nie gejammert. Ich erinnere mich genau, wie sie einmal in ihrer langsamen und bedächtigen Art zu mir sagte – ich war damals noch ein kleiner Junge von höchstens acht Jahren: "Du darfst nie vergessen, Joao, wie gut es uns hier gegangen ist. Wir mussten nie hungern, wir hatten immer eine Arbeit, und nie mussten wir um unser Leben fürchten. Wenn du älter wirst, wirst du verstehen, was für ein Geschenk das ist." Jetzt habe ich es verstanden. Die Umstände, unter denen ich dazu kam, es zu verstehen, will ich hier erzählen.

Vier Jahre, nachdem meine Großeltern nach Porto Covo zurückgekehrt waren, im Herbst 1943, kam mein Vater zur Welt. Er wurde auf den Namen Afonso getauft, wie mein Urgroßvater. Zwei Jahre später folgte meine Tante Amelia, mit der mich bis heute ein inniges Verhältnis verbindet, obwohl sie nicht mehr in unserem Dorf lebt, sondern etwas weiter südlich in Sines.
Mein Urgroßvater, dem eine Gelenkkrankheit schwer zu schaffen machte, übergab das "O Estrela" im Jahr nach Ende des Krieges an seinen Sohn. Gemeinsam schafften meine Großeltern es, das Restaurant über die Dorfgrenzen hinaus bekannt zu machen. Denn von seinen Reisen hatte er nicht nur unschätzbare Erfahrungen mitgebracht, sondern auch Eindrücke der französischen und sogar der deutschen Küche. Ich will nichts behaupten, was ich nicht beweisen kann. Aber es ist gut möglich, dass wir das erste Restaurant in Portugal waren, in dem es Bouillabaisse und deutschen Rollmops gab. Den Leuten hier hat es jedenfalls geschmeckt.

Leider war meinem Großvater nicht vergönnt, die Früchte seiner Arbeit im Ruhestand zu genießen. Er verstarb im Jahr 1960 an einer Lungenentzündung. Da war er gerade einmal fünfundvierzig Jahre alt.

Eigentlich hatten meine Großeltern vorgehabt, meinen Vater zum Studieren nach Lissabon zu schicken. Er hätte Anwalt werden sollen oder vielleicht auch eine Stelle beim Staat bekleiden, jedenfalls wollten sie ihm eine bessere Zukunft ermöglichen. Doch nach meines Großvaters viel zu frühem Tod war alles anders. Auch wenn es nie offiziell ausgesprochen wurde, so war es doch unmöglich, dass mein Vater meine trauernde Oma zurückließ und in die Stadt ging. Er blieb in Porto Covo und übernahm mit ihr gemeinsam das "O Estrela". Gerade einmal siebzehn Jahre alt war er da, ein unbedarfter Jüngling noch, aber voller Energie und mit Ideen.

Es gibt ein Foto, das ein Jahr nach Opas Tod gemacht wurde. Darauf steht mein Vater neben Oma vor der Tür des Restaurants. Oma trägt natürlich schwarz, so wie an jedem Tag nach dem Tod meines Großvaters. Mein Vater hat ein Sakko an, das ihm eigentlich zu groß ist – ein Erbstück meines Opas. Das dichte, schwarze Haar hat er lässig nach hinten gekämmt, ein wenig sieht er aus wie ein Gigolo. Doch man ahnt seine unbändige Lebensfreude, seine Energie, und man spürt den Charme, mit dem er schon bald die jungen Frauen im Dorf bezauberte.

Was folgte, will ich nur kurz abhandeln. Auf Betreiben meines Vaters erhielt das "O Estrela" Mitte der sechziger Jahre seine neue Terrasse mit Blick auf das Meer, wo wir noch heute unsere Gäste bewirten.
Er heiratete im Jahr 1967 meine Mutter Fernanda, eine geborene Caseiro, die Tochter des Gemeindevorstehers. Zwei Jahre später kam meine Schwester Amelia zur Welt – ja, eine weitere Amelia – und schließlich zwei weitere Jahre später ich. Das "O Estrela" blieb ein beliebter Treffpunkt für die Einheimischen, und nach dem Ende des Salazar-Regimes, nach der Nelkenrevolution und der Rückkehr unseres stolzen Landes zur Demokratie, kamen auch die Besucher aus anderen Ländern immer zahlreicher.

Vor allem Urlauber aus England und Deutschland genossen die Schönheit unserer Felsküste. Es waren zumeist freundliche Menschen, sehr höflich, und ich hatte als Kind schnell meine Scheu vor den Fremden überwunden. Bereits damals stellte ich die Unterschiede in der Mentalität der beiden Völker fest, an denen sich im Grunde bis heute wenig geändert hat. Die Engländer traten wesentlich selbstbewusster auf, wirkten im Ganzen ausschweifender, während die deutschen Gäste zumeist darauf bedacht waren, nicht unangenehm aufzufallen. Ich möchte das nicht werten, denn ich kenne natürlich die Geschichte. Was ich sagen kann, ist dass die ausländischen Gäste, die sich am meisten für die Umgebung unseres Ortes interessierten und die am meisten Mühe darauf verwendeten, ein paar Begriffe auf portugiesisch zu lernen, die Deutschen waren. Dieser zu Überkorrektheit neigende, hölzern und steif wirkende Menschenschlag war mir von Anfang an sympathisch.

Der Zustrom riss in den folgenden Jahren nicht ab. So kam es, dass mein Vater eines Tages im Jahr 1985 die Familie vollständig am Mittagstisch versammelte, um einen Plan zu besprechen, den er sich ausgedacht hatte. Mutter, meine Tante Amelia, Onkel Paulo, mein Cousin Lucas, meine Schwester und ich – alle waren da. Und natürlich Oma.

Er hatte sich etwas überlegt, um den deutschen Gästen den Aufenthalt in unserem Restaurant, ja im ganzen Dorf noch angenehmer zu gestalten. Als führender Gastronom des Dorfes sah Papa sich stets auch in der Verantwortung für das Wohl der Gemeinde.
"Einer aus unserer Familie muss Deutsch lernen, damit er sich mit den Gästen unterhalten kann. Sie sollen sich hier zuhause fühlen", verkündete er also. Ich brachte als vorlauter Heranwachsender den Einwand an, warum die Deutschen denn nicht einfach Portugiesisch lernen, wenn sie schon hierher kommen.
"Weil du nicht von hunderttausenden Menschen verlangen kannst, dass sie für einen zweiwöchigen Urlaub in der Fremde die dortige Sprache lernen. Das geht nicht, du Neunmalkluger!", gab er zurück. "Außerdem solltest du doch wissen, dass außerhalb Portugals niemand Portugiesisch spricht. Außer in Brasilien natürlich. Was lernt Ihr eigentlich in der Schule? Unsere Sprache ist international nicht annähernd so wichtig wie das Deutsche. Also jetzt noch einmal: Wer von uns opfert sich?" Er blickte in die Runde, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich ahnte, dass ich als Strafe für meine große Klappe die unangenehme Aufgabe erhalten würde. Doch ich war genauso wenig begabt für Fremdsprachen wie der Rest meiner Familie. In der Schule lernte ich zwar Spanisch, doch das war ja keine richtige Fremdsprache für uns, und außerdem auch Englisch, doch diese Sprache beherrschte ich selbst nach mehreren Jahren nur rudimentär. Die fremden Laute wollten sich einfach nicht in meiner Kehle formen. Das Portugiesische hat einen völlig anderen Klang als die anderen großen Sprachen Europas, vielleicht ist das ein Grund dafür, dass so wenige Besucher aus dem Ausland in der Lage sind, es zu sprechen.

Doch gerade, als ich mich innerlich schon damit abgefunden hatte, künftig jeden Abend Deutschvokabeln zu pauken, meldete sich plötzlich meine Großmutter.
"Ich mache es", sagte sie mit ihrer leisen, zerbrechlichen Stimme. "Mama, du?" Auch mein Vater konnte es kaum glauben. Wir alle drehten der unauffälligen, wie immer komplett in schwarz gehüllten Person unsere Köpfe zu. Hätte sie sich nicht zu Wort gemeldet, hätten wir ihre Anwesenheit an diesem Abend vermutlich vergessen, wie an so vielen anderen Abenden auch. "Ich habe doch Zeit", sagte sie. "Ich bin über sechzig Jahre alt, das 'O Estrela' läuft längst auch ohne mich. Bevor ich mich am Dorfklatsch beteilige und mit den anderen Weibern dahin vegetiere, bringe ich mich lieber weiterhin aktiv ein." Vater kratzte sich an seinem bereits kahl werdenden Kopf.
"Na gut, wenn du meinst…", murmelte er und blickte sich etwas ratlos um. Niemand von uns konnte sich vorstellen, dass die stille, etwas langsam wirkende Frau, die meine Großmutter war, diese seltsame Sprache wirklich meistern würde. Das soll nun nicht abwertend klingen. Ich habe meine Großmutter immer von ganzem Herzen geliebt, sie war die gütigste Person, die ich je traf. Eine würdevolle Frau, die immer für sich selbst und andere sorgte. Doch ich gebe zu: auch ich hielt es nicht für möglich, dass sie Deutsch sprechen lernen würde. Sie äußerte ja schon auf Portugiesisch nur das Allernötigste, wie sollte das erst in der harten, komplizierten deutschen Sprache sein? Gleichwohl war ich natürlich heilfroh, dass der Kelch an mir vorüber gegangen war.

Ich fuhr mit meinem Vater nach Sines, die nächste größere Stadt. Doch hier konnten wir keinen Buchladen finden, der in seinem Sortiment ein Lehrbuch für die deutsche Sprache führte. Kurzerhand fuhren wir daher weiter bis nach Lissabon. Dass ich mit vierzehn Jahren zum ersten Mal die Pracht unserer Hauptstadt bewundern durfte, hatte ich also indirekt meiner Großmutter zu verdanken.

Während mein Vater in der Baixa nach einem Buchgeschäft suchte, streifte ich ein wenig durch die Straßen und spazierte über den riesigen Rossio-Platz. Schließlich konnten wir zufrieden die Rückfahrt nach Porto Covo antreten, denn Papa ergatterte tatsächlich ein Wörterbuch und sogar ein Arbeitsbuch zum Erlernen des Deutschen.

"Viel Spaß damit", feixte er, als er ihr die Geschenke überreichte, fügte aber etwas besorgt hinzu: "Und wenn es dir doch zu schwierig oder anstrengend ist, so kannst du es ruhig zugeben. Niemand wird es dir übel nehmen, Mutter." Oma sagte nur: "Hör auf mit dem Unsinn. Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es auch." Prompt zog sie sich in ihre winzige Kammer unter dem Dach unseres Hauses zurück und begann zu lernen.

Und, was soll ich sagen - etwa zwei Wochen später gab sie uns einige Kostproben, die für unsere freilich ungeübten Ohren schon nach korrektem Deutsch klangen. Und noch einmal einen Monat später übersetzte sie einen Artikel aus einer Illustrierten, die ein Restaurantgast zurückgelassen hatte. Es ging darin um die Sommerferien des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl an einem See namens Wolfgangsee – ein Name, den ich wohl für immer behalten werde, auch wenn ich nicht glaube, dass ich selbst je zu diesem See reisen werde.

Wir waren mehr als beeindruckt und konnten es kaum erwarten, meine Oma mit deutschen Besuchern sprechen zu hören. In einem Anflug von Begeisterung besorgte Papa ihr noch mehr Übungshefte und darüber hinaus auch ein Englischbuch, denn er wollte die unerwartete Begabung seiner Mutter so gut es ging ausnutzen.

Im Frühjahr darauf bekam Oma endlich die Gelegenheit, ihre Kenntnisse auszuprobieren. Eine Gruppe deutscher Touristen war mit dem Wohnmobil in unseren Ort gekommen und hatte beschlossen, im "O Estrela" eine Stärkung einzunehmen. Nachdem sie in unsicherem Englisch bestellt und ihren Fisch mit Genuss verspeist hatten, ging meine Großmutter zu den deutschen Gästen und begann mit ihnen eine Unterhaltung.

Ich erinnere mich noch genau an den seltsamen Anblick, den die unscheinbare und ganz in schwarz gewandete Dame neben den Besuchern abgab. Doch sie schaffte es, die Touristen in ein intensives Gespräch zu verwickeln. Immer wieder vernahm ich von meinem Küchenplatz aus bewundernde Ausrufe, gemischt mit lautem Gelächter. Nachdem die Gäste gegangen waren, rannte mein Vater gleich zu Oma hin.
"Und? Über was habt ihr gesprochen?", fragte er aufgeregt. "Oh, über dies und das", antwortete Oma gewohnt stoisch. "Es hat ihnen hier wunderbar gefallen, und sie waren angenehm davon überrascht, jemanden anzutreffen, der ihre Sprache versteht. Sie haben gesagt, dass sie nächstes Jahr hier wieder vorbeischauen."

Mein Vater konnte es kaum glauben, dass sich der Aufwand so schnell gelohnt hatte. Und tatsächlich schaute die Vierergruppe, die laut meiner Großmutter aus einer Stadt namens Karlsruhe stammte, im folgenden Jahr wieder vorbei. Es waren nicht die einzigen deutschen Besucher, mit denen sich Oma im Laufe der Jahre angeregt unterhielt und die sie mit ihrer höflichen, unaufdringlichen Art, eine Konversation zu führen, in Stammgäste verwandelte. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass meine Großmutter Maria zu einer Art Aushängeschild unseres Restaurants wurde, ja zu einer Attraktion. Einmal zeigte ihr ein Besucher aus Berlin einen deutschen Reiseführer, in dem sie namentlich erwähnt wurde.

Ja, meine Oma war glücklich in all den Jahren, in denen sie die Gäste auf Deutsch unterhielt. Glücklicher als davor? Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten will, weil ich es nicht kann. Ihr muss es an der Seite meines Großvaters ebenfalls gut gegangen sein. Sie hatte ihren festen Ort, an dem sie respektiert und geliebt wurde. Hier gehörte sie hin, nach Porto Covo und ins "O Estrela". Sicher hatte sie ein glückliches Leben, bevor sie Deutsch lernte. Doch erst in ihrer neuen Funktion blühte sie richtig auf. Nie sah ich sie öfter lachen und scherzen als mit den Gästen aus dem fernen Land, jenen Leuten mit der hellen Haut und den oftmals blonden Haaren. Und weil sie so glücklich wirkte, waren wir es auch.

Die Jahre gingen ins Land. Auch ich beendete meine schulische Ausbildung, und im Gegensatz zu meinem Vater war es mir vergönnt, tatsächlich zu studieren, nämlich an der berühmten Universität von Coimbra. Ich kam aber fast jedes Wochenende zurück nach Porto Covo, um im "O Estrela" mitzuhelfen. Und, wie das Leben nun einmal so spielt, einmal brachte ich dann jemanden mit nach Hause: Mariela, die ich auf einem Studentenball kennen gelernt hatte und die ich heute meine Ehefrau nennen darf. Wir heirateten kurz nach der Jahrtausendwende und bekamen später zwei wunderbare Kinder. Unsere Hochzeit war bis zu diesem Zeitpunkt der einzige Anlass, an dem ich Großmutter nicht schwarz tragen sah.

Ein paar Jahre voller Glück gingen noch ins Land, bevor das einschneidende Ereignis über uns kam, von dem ich hier erzählen will. Unsere Familie vergrößerte sich, junges Kinderlachen erfüllte das Haus, all die Freuden und Anstrengungen des Elterndaseins nahmen mich voll in Beschlag. Währenddessen arbeitete sich das Meer täglich an der Küste unter Porto Covo ab, kamen Besucher aus fernen Ländern in unser Restaurant, aßen, lachten, schossen Erinnerungsfotos und gingen wieder. So ging es weiter bis zum April 2005.

Es war ein ganz normaler Tag im "O Estrela". Einige Leute aus dem Dorf aßen auf unserer Terrasse mit Blick auf das brausende Meer zu Mittag, auch ein paar englische, deutsche und französische Touristen waren da. Wie immer unterhielt sich meine mittlerweile bereits gebrechlich wirkende Oma mit den deutschen Touristen, und weil dies ein Anblick war, an den ich mich längst gewöhnt hatte, beachtete ich sie kaum, während ich an der Theke Gläser spülte und Getränke eingoss. Erst als ich das Schweigen an dem Tisch bemerkte, an dem sie saß, blickte ich hin.

Großmutter saß mit zwei älteren Leuten um die sechzig und einem jüngeren Paar am Tisch. Der ältere Herr weinte, wie auch meiner Oma die Tränen über die Wange liefen. Sie schüttelte immer wieder den Kopf und sah auf ein Foto, das auf dem Tisch lag. Ich malte mir aus, dass in der Familie der Besucher ein schreckliches Schicksal zu beklagen war, das meine Oma sehr bewegte. Ich hatte sie nie zuvor weinen sehen.

Kurz war ich versucht, zum Tisch hinüber zu gehen und zu fragen, ob alles in Ordnung war. Doch die Leute trösteten sich gegenseitig, und auch meine Oma schien sich bald wieder gefangen zu haben. Sie nahm den fremden Mann in den Arm, was mir seltsam erschien. Neugierig wartete ich darauf, ob mir meine Großmutter von selbst den Anlass der traurigen Stimmung bei der Besuchergruppe erzählen wollte. Doch sie sagte nichts. Dass etwas sie beschäftigte, merkten wir dennoch alle schnell.

Seit jenem seltsamen Vorfall in unserem Restaurant war Oma nicht mehr dieselbe. Sie wirkte bedrückt, alle Freude schien von ihr abgefallen. Und sie sagte so gut wie gar nichts mehr. Nicht zu uns, und auch nicht zu den deutschen Besuchern, die in den nächsten Tagen ins Restaurant kamen.
"Großmutter, bist du krank? Geht es dir nicht gut?", fragten ich und Mariela immer wieder. Doch sie verneinte nur und brummte, man solle sie in Ruhe lassen, es gehe ihr bestens. Wir machten uns trotzdem sorgen. Mein Vater fragte den Dorfarzt, der sein Freund seit Kindertagen war, um Rat. Doch auch er konnte die Symptome ohne eine Untersuchung nicht deuten, und zum Arzt wollte meine Oma nicht gehen. "Ich war mein Leben lang noch nie beim Doktor, und ich brauche auch jetzt keinen", murmelte sie.

Und dann war sie plötzlich weg. Am Morgen des 16. April 2005 war ihr kleines Zimmer unter dem Dach leer.
Oma musste mitten in der Nacht das Haus verlassen haben. Da auch ihre wenigen Kleider verschwunden waren, mitsamt meines kleinen Koffers, ahnten wir, dass sie sich auf eine Reise begeben hatte. Schließlich fand mein Vater auf ihrem Nachttisch einen kleinen Zettel. Mit krakeliger Schrift hatte Großmutter dort eine Notiz hinterlassen:

"Sucht nicht nach mir. Macht euch keine Sorgen. Ich musste in meine Heimat reisen und mich der Vergangenheit stellen. Wenn alles gut geht, seht ihr mich bald wieder."

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir uns natürlich trotzdem Sorgen machten. "Sie ist fast 85 Jahre alt und schon so schwach! Sie kann unmöglich alleine durch das Land reisen!", rief mein Vater, und meine Tante Amelia stimmte mit ein: "Was, wenn sie überfallen wird? Sie ist ein leichtes Opfer! Und wenn sie unterwegs stürzt und sich verletzt, wer hilft ihr dann?" Nie zuvor hatte ich meine Familie derart in Aufruhr erlebt.

Schließlich war ich es, der sich auf die Suche begab. In ihrem Brief hatte sie geschrieben, dass sie in ihre Heimat gefahren war. Also setzten ich und Mariela uns ins Auto und fuhren an der Algarve entlang in Richtung spanischer Grenze zu Großmutters Heimatdorf Altura. Dort hofften wir, jemanden zu treffen, der uns Auskunft geben konnte über meine Urgroßeltern mütterlicherseits. Zwar wussten wir, dass Oma keine lebende Verwandtschaft mehr dort hatte, aber wir waren sicher, dass es jemanden geben musste, der die Familie gekannt hatte.

Den ganzen Tag gingen wir durch die Straßen und sprachen älter aussehende Passanten an. Eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme von meinen Großeltern, die irgendwann kurz nach ihrer Hochzeit entstanden sein musste, war unser einziger Anhaltspunkt.
"Kennen Sie die Frau auf dem Bild?", fragten Mariela und ich die Leute, "Können Sie sich an ihre Familie erinnern, die hier aus dem Ort stammte?" Doch wir ernteten nur Kopfschütteln und Schulterzucken. Niemand erkannte meine Großmutter wieder. Die Zeit hatte die Erinnerung an die junge Frau auf dem Bild fort geweht. Es war über sechzig Jahre her, dass sie das Dorf verlassen hatte. Und damals, in Zeiten großer wirtschaftlicher Not und der Diktatur des "Estadio Novo", war sie beileibe nicht die Einzige, die ein Leben in der Fremde dem traurigen Dasein in der Heimat vorzog. Auch an einen verheerenden Brand im Jahr 1939, dem ihre Eltern zum Opfer gefallen waren, konnte sich niemand erinnern. Altura hatte meine Großmutter vergessen.

Am Abend kehrten wir in einem Restaurant ein und aßen Fisch. Der Plan war, am nächsten Tag die Dörfer in der Umgebung abzufahren und dort nach Spuren von Omas Vergangenheit zu suchen. Es war nicht ausgeschlossen, dass sie gar nicht direkt in Altura aufgewachsen war, sondern in einem der kleinen Weiler im Umland.
Plötzlich klingelte das Mobiltelefon, und am anderen Ende rief mein Vater anstatt einer Begrüßung: "Ihr müsst sofort nach Porto Covo zurückkommen. Ich glaube, ich weiß, wohin deine Großmutter verschwunden ist!"
"Wohin, Vater? Raus mit der Sprache, mach kein Geheimnis daraus." "Nein, das erzähle ich dir hier. Du würdest es mir am Telefon nicht glauben. Du würdest denken, ich halte dich zum Besten! Aber ich habe jemanden gefunden, der uns weiterhelfen kann. Also, steigt ins Auto und kommt her."

Hastig aßen wir auf und fuhren an der Küste entlang zurück nach Porto Covo. Als wir zuhause ankamen, war es bereits tiefe Nacht, doch die gesamte Familie war noch auf den Beinen. Mein Vater saß mit seinem Bekannten Antonio Nunes im Wohnzimmer. Antonio war Busfahrer beim örtlichen Nahverkehrsunternehmen und fuhr jeden Tag außer Sonntag nach Sines. Natürlich kannte er meine Großmutter, auch wenn er, wie die meisten Dorfbewohner, noch nie eine längere Konversation mit ihr geführt hatte.

"Ich war überrascht, deine Frau Großmutter früh am Morgen im Bus sitzen zu sehen. Natürlich habe ich sie gefragt, wohin sie denn unterwegs sei. Und sie sagte mir, sie wolle sich ein wenig Sines ansehen. Das Kastell mit der Statue Vasco da Gamas und den Ausblick auf die Bucht. Mir kam es ein wenig seltsam vor, aber natürlich habe ich sie umsonst mitgenommen." "Ein wahrer Gentleman", bemerkte mein Vater nicht ohne Sarkasmus. "Ach ja", fuhr Antonio fort, ohne auf meines Vaters Einwurf einzugehen, "da war noch etwas: Sie ist dann nicht in der Altstadt ausgestiegen, sondern schon früher, am Busbahnhof." "Am Bahnhof?", rief ich aus. "Dann ist sie also noch weitergereist!" "Sehr richtig", sagte mein Vater. "Und ich habe bereits Nachforschungen angestellt. Mutter ist mit dem Bus nach Lissabon gefahren. Der Angestellte konnte sich an eine schwarz gekleidete ältere Dame erinnern, die etwa zur besagten Zeit ein Ticket gelöst hat."

Nach einer unruhigen Nacht fuhr ich am nächsten Tag alleine nach Lissabon. Ausgerüstet mit einem neueren Foto meiner Oma befragte ich Bahnhof Oriente die Angestellten am Ticketschalter. Diesmal waren meine Anstrengungen tatsächlich von Erfolg gekrönt: Eine junge Dame erkannte meine Großmutter sofort wieder.
"Eine sehr höfliche, stille Dame. Unaufdringlich. Ich fand es etwas seltsam, dass sie in ihrem hohen Alter noch alleine ins Ausland reisen will." "Ins Ausland?", brachte ich hervor. "Ja, sie hat eine Zugfahrkarte nach Hamburg gelöst und alles bar gezahlt."

Hamburg! Meine arme, alte Oma war in einen Zug nach Deutschland gestiegen. Einmal quer über den Kontinent. Was sie dort wollte, konnte ich nur vermuten. Doch in mir keimte sofort ein Verdacht, den mein Vater bestätigte, als ich ihm die Nachricht am Telefon übermittelte.
"Das hängt mit dieser deutschen Familie zusammen, mit der sie sich neulich unterhalten hat." "Was hat dieser Mann ihr nur gesagt?" "Ich glaube, er hat ihr sein Leid geklagt. Und sie ist ihm nach Deutschland gefolgt. Er war doch alleinstehend, oder?" "Vater – du meinst doch nicht ernsthaft, dass deine alte Mutter sich in einen Deutschen verliebt hat und seinetwegen Hals über Kopf ihre Familie verlässt? Sie ist doch keine Teenagerin!" "Ich sage nur, was ich vermute, mein Sohn. Deine Oma hatte schon immer eine geheimnisvolle, möglicherweise romantische Ader. Vielleicht wollte sie noch einmal ein großes Abenteuer wagen." "Aber warum hat sie uns das dann nicht in ihrem Brief geschrieben?" "Ich weiß es nicht. Aber eines steht fest: Du musst ihr hinterher fahren. Du musst sie finden und dafür sorgen, dass ihr nichts zustößt."

Keine Widerrede. Also nahm ich, nachdem Mariela mir eine Reisetasche mit Kleidern gebracht hatte, den nächsten Flieger nach Hamburg. Mit dem unguten Gefühl, dass meine Großmutter mir mein Leben lang etwas Entscheidendes verschwiegen hatte. Alle Gewissheiten schienen in diesen Tagen ins Wanken zu geraten.

2. Ein deutsches Leben

Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich deutschen Boden. Vom Flughafen aus fuhr ich mit dem Taxi auf direktem Weg zum Bahnhof, denn hier musste meine Großmutter angekommen sein. Mir gefiel die Atmosphäre in der riesigen Stadt am Meer, hektisch und doch auf eine gewisse Weise entspannt. Allerdings hatte ich meine Schwierigkeiten, mich verständlich zu machen, denn im Gegensatz zu meiner Oma sprach ich ja kein Deutsch, und auch mein Englisch war nicht mehr so gut, wie es nach vielen Jahren in der Schule und an der Universität eigentlich hätte sein sollen.
Immerhin schaffte ich es aber, mit einigen Taxifahrern in Nähe des Bahnhofs ins Gespräch zu kommen. Ich zeigte das aktuelle Foto von Oma herum und bat jeden der Fahrer – meist waren es Männer türkischer oder afrikanischer Herkunft – sich genau zu erinnern, ob ihnen diese Dame untergekommen sei.

Doch es dauerte viele Stunden, fast den ganzen Tag, bis ich endlich Erfolg hatte. Zwischendrin stand ich bereits kurz davor, die Flinte ins Korn zu werfen, erschöpft und frustriert von der Vorstellung, dass ich in dieser Millionenstadt meine arme, alte Oma ohne fremde Hilfe nie würde finden können. Mir wäre als nächster Schritt nur noch der Gang zur Polizei geblieben, um dort eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Doch mir war es entschieden lieber, sie selbst zu finden. Eine Gefahr für ihr Leben schien ja nicht akut zu bestehen – schließlich hatte sie sich offenbar ohne Probleme alleine bis hierhin durchgeschlagen – und ich ahnte, dass meine Großmutter sich über alle Maßen schämen würde, wenn sie von der Polizei gesucht würde wie eine Verbrecherin.
Erst im Nachhinein begriff ich, wie richtig ich gehandelt hatte, indem ich darauf verzichtet hatte, die Behörden einzuschalten und bei meinen Nachforschungen nicht aufgegeben hatte.

Nach einem kurzen Abendessen in einem der Bahnhofs-Schnellrestaurants hatte ich es bei den Taxifahrern auf der anderen Seite des Gebäudes versucht. Hier traf ich schließlich auf einen Mann, der sich als René vorstellte und aus Frankreich stammte.
"Ich will Ihnen nichts versprechen", sagte er zu mir in schlechtem Englisch. "Aber ich habe mich gestern Abend kurz mit einem Kollegen von mir unterhalten, Pavel, einem Tschechen, der mir sagte, dass er eine gebrechlich aussehende alte Frau vom Bahnhof nach Eppendorf gefahren hat. Er fand das seltsam, dass sie alleine unterwegs war."

Ich überlegte, zum wievielten Male ich nun schon das Wort "seltsam" im Zusammenhang mit meiner Großmutter zu hören bekam.
"War sie ganz in schwarz gekleidet? Von kleiner Statur?", fragte ich. René zuckte mit den Schultern. "Wie gesagt, wir sprachen nur kurz über sie."
"Wo kann ich Pavel treffen?" "Heute hat er frei, aber ich glaube, morgen früh ist er wieder hier unterwegs. Kommen Sie einfach am Vormittag noch einmal her, dann sollten Sie ihn antreffen."

Erstmals hatte ich eine Spur. Die Hoffnung, meine Oma in diesem pulsierenden Ameisenhaufen zu finden, war wieder da. In der Bahnhofsbuchhandlung kaufte ich mir einen Reiseführer über Hamburg in portugiesischer Sprache und setzte mich damit an die Binnenalster, einen riesigen See von üppiger Schönheit mitten in der Innenstadt. Ausflugsboote fuhren umher, in der Mitte spritzte eine riesige Fontäne Wasser in die Höhe. Alle Menschen um mich herum wirkten zufrieden und entspannt. Trotzdem wollte es mir nicht in den Kopf, was eine alte, gebrechliche Portugiesin vom Land in eine moderne Metropole wie diese verschlagen könnte.

Aus dem Reiseführer erfuhr ich, dass Eppendorf ein gutbürgerlicher Stadtteil mit teilweise gehobenen Mieten war. Was wollte sie dort? Eine Wohnung mieten? Dazu hatte sie nicht das Geld.
Ich verbrachte den Rest des Tages damit, mir die Stadt anzusehen. In der Nähe der Landungsbrücken fand ich eine preiswerte Bleibe. Fasziniert sah ich den ein- und ausfahrenden Frachtern und Tankern zu. Obwohl ich fast mein gesamtes Leben am Meer verbracht hatte, hatte ich nie zuvor so viele Ungetüme des Meeres an einem Ort gesehen.

Am nächsten Tag traf ich am Taxistand wieder auf René, der mich zu seinem Kollegen führte. "Ja, die Frau habe ich gestern gefahren", sagte der Tscheche nach einem Blick auf das Foto. "Sehr höfliche Dame, hat ein gutes Trinkgeld gegeben."
Ich bat ihn, mich zur selben Adresse zu fahren und fischte wie zufällig einen Fünfzig-Euro-Schein aus meinem Geldbeutel. Eine knappe halbe Stunde später stand ich vor dem Haus in Eppendorf, wo meine Mutter ausgestiegen war. Es war ein reich verzierter Jugendstilbau, wie ich ihn zu Hause nur in Lissabon gesehen hatte. Die Umgebung wirkte ruhig und gehoben, ich sah einige kleine Läden und einen Supermarkt und vereinzelte Restaurants, die einen weitaus teureren Eindruck machten als das "O Estrela" zu Hause in Porto Covo.
Ich setzte mich an eine Bushaltestelle in unmittelbarer Nähe, von der aus ich das Haus im Blick behalten konnte. Denn ich wusste ja nicht, bei wem ich klingeln sollte. Hätte ich einfach wahllos bei allen Mietern des Hauses klingeln und sie in meinem unsicheren Englisch fragen sollen, ob sie zufällig eine gebrechliche, schwarz gekleidete Oma aus Portugal bei ihnen versteckten? Mir blieb zunächst nichts übrig, als zu warten.

Also saß ich für über eine Stunde an der Bushaltestelle und beobachtete das Haus. Verschiedene Männer und Frauen kamen hinaus oder gingen, mit Einkaufstüten bepackt, hinein. Als schließlich ein Fenster im zweiten Stock geschlossen wurde, schreckte ich auf. Bevor der Vorhang zugezogen wurde, konnte ich dort kurz den Umriss einer Frau erkennen, die aus der Entfernung wie meine Großmutter aussah. Unschlüssig wartete ich ab.
Kurze Zeit später kam sie tatsächlich aus der Haustür. Ja, diese Frau war meine geliebte Großmutter, doch ich hätte sie beinahe nicht erkannt. Anstatt ihres schwarzen Gewandes, das sie zu Hause jeden Tag seit Opas Tod getragen hatte, umhüllte ein beiger Mantel ihre schmalen Schultern. Auch auf das Kopftuch verzichtete sie, so dass ihr weißes Haar im Hamburger Wind flatterte.

Mit einer Einkaufstasche am Arm schlenderte sie die Straße hinunter. Vorsichtig folgte ich ihr in sicherer Entfernung bis zu dem kleinen Supermarkt. Während sie einkaufte, wartete ich draußen. Nun war der Zeitpunkt gekommen, mich bemerkbar zu machen.
"Darf ich dir die Sachen abnehmen, Oma?" Sie starrte mich überrascht an, doch es war nicht das Ausmaß an Verblüffung in ihrem Gesicht, mit dem ich gerechnet hatte.
"Ich ahnte bereits, dass du oder dein Vater kommen würden", sagte sie mit ihrer leisen Stimme. "Irgendwelche Spuren musste ich ja hinterlassen, ganz ohne ging es nun einmal nicht. Aber ja, nun, wo du mich tatsächlich hier gefunden hast, kannst du mir tragen helfen." "Was ist los, Oma? Weshalb bist du mitten in der Nacht abgehauen, und was machst du in Hamburg?" "Das will ich dir nicht hier auf der Straße erklären. Warte, bis wir im Haus sind, es ist ja nicht weit. Dann wirst du alles verstehen." "Hat es etwas mit dem Mann zu tun, der neulich im 'O Estrela' war?" Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich meine Großmutter leise auflachen.
"Ja, da hast du Recht, mein lieber Joao. Es hat tatsächlich etwas mit ihm zu tun." "Aber, Oma… ich kann das nicht glauben!" "Warte einfach ab, mein Lieber. Ich sagte doch bereits, du wirst gleich alles verstehen."

Sie führte mich zur Wohnung in den zweiten Stock. Wir betraten einen Vorraum mit hoher Altbau-Decke. Mehrere Türen zu beiden Seiten ließen auf eine große Wohnung mit mindestens fünf Zimmern schließen. Als meine Großmutter die Tür schloss, kam ein Mann aus einem der Zimmer gelaufen. Ich erkannte den älteren Herren wieder, der bei uns in Portugal im Restaurant gegessen und mit dem Foto meine Oma zum Weinen gebracht hatte. Die Überraschung stand ihm ebenso ins Gesicht geschrieben wie es wohl bei mir der Fall war. Sie unterhielten sich kurz auf Deutsch, dann kam der Mann auf mich zu und schüttelte mir die Hand.
"Ich heiße Peter", sagte er auf Englisch. "Sehr erfreut, dich hier bei uns begrüßen zu dürfen. Ich hole gleich meinen Vater."

Ich stammelte meinen Namen und sah verwirrt zu meiner Oma hin. Sie nahm mich am Arm und führte mich in einen großen, stilvoll eingerichteten Raum, der wohl das Wohnzimmer war. Wir setzten uns auf eine Ledercouch an der Wand. Tausend Fragen schwirrten in meinem Kopf umher. Im nächsten Augenblick kam Peter mit einem alten, schwer krank aussehenden Mann durch die Tür. Er war so alt wie meine Großmutter, wirkte jedoch noch gebrechlicher als sie – man spürte, dass er in den letzten Zügen lag. Schwer atmend und mit zitternden Gliedern ließ der alte Mann sich auf einen Sessel nieder und musterte mich aus seinen müden Augen. Meine Oma erhob sich und trat neben den Alten. Dann sagte zu mir:
"Joao, darf ich dir Hermann vorstellen? Er ist 89 Jahre alt. Außerdem ist er dein Großonkel. Und mein Bruder."

Was ich an jenem Apriltag in der Eppendorfer Wohnung erfuhr, war für niemanden aus meiner Familie leicht zu begreifen und verarbeiten. Die größten Probleme hatte mit Sicherheit mein Vater, der gleich am nächsten Tag mitsamt meiner Mutter und Mariela aus Portugal nach Hamburg kam. Er war damals 61 Jahre alt, ein gestandener Mann kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter, und als solcher musste er nun die Tatsache verarbeiten, dass seine eigene Mutter ihm ein Leben lang die Wahrheit über ihre Herkunft verschwiegen hatte. Dass sie keineswegs in Altura nahe der portugiesisch-spanischen Grenze das Licht der Welt erblickt hatte, sondern im Jahr 1920 als Maria Heinrich, Tochter eines angesehenen Kaufmanns, im Hamburger Stadtteil Barmbek. Dass sie erst mit neunzehn Jahren erstmals einen Fuß auf portugiesischen Boden gesetzt hatte. Dass sie mit so großem Geschick die Verhaltensweisen der Südeuropäer angenommen und die ihr völlig fremde Sprache beherrschen gelernt hatte, dass niemand die Geschichte anzweifelte, die sie und mein Großvater allen als die Wahrheit verkauften.

Fast 65 Jahre lang hatte Maria ein Leben am anderen Ende des Kontinents gelebt, hatte Kinder geboren, die wiederum Nachkommen bekamen, während sie selbst immer mehr mit der Umgebung verwuchs, in der sie Wurzeln geschlagen hatte.

Erst als Peter Heinrich, Sohn ihres in Hamburg gebliebenen Bruders, über das Internet von der herzlichen, deutsch sprechenden Oma in Porto Covo erfuhr, als er daraufhin noch einmal den einzigen Brief las, den sein Vater nach dem Krieg je von seiner verschollenen Schwester erhalten hatte und in dem sie berichtete, dass sie vorerst in Portugal zu bleiben gedenke, bis klar sei, wie es mit Deutschland weitergehe, als dieser Neffe also daraufhin beschloss, den unwahrscheinlichen Verdacht, dass es sich bei der alten Frau aus Porto Covo tatsächlich um seine Tante handeln könnte, vor Ort zu untersuchen, wurde Maria schlagartig aus ihrem jetzigen Leben herausgerissen und von der Vergangenheit eingeholt. Peter legte ihr ein Foto vor, auf dem sie ihren Bruder sofort erkannte, schwerkrank, bleich, dem Tod geweiht. Hermanns letzter Wunsch war es, seine verschollene Schwester noch einmal zu sehen – so sie denn noch lebte. Also war sie gekommen. Kurzerhand hatte sie ihre portugiesische Existenz hinter sich gelassen und war zum zweiten Mal in ihrem Leben geflohen – diesmal in entgegen gesetzter Richtung. So spontan war ihr Entschluss gefallen, dass sie sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht hatte, in dem vor Jahrzehnten errichteten Lügengebilde die Fenster zu schließen.

Viele Fragen lagen in der Luft. Es war an Papa, die offensichtlichste davon zu stellen.

"Aber warum hast du uns nie die Wahrheit erzählt?", fragte er mit tränen erstickter Stimme, nachdem er im Wohnzimmer der Hamburger Wohnung Platz genommen hatte. Er holte tief Luft und stellte die Frage noch einmal in den Raum: "Warum habt ihr mir die wahre Geschichte verschwiegen? Du und Papa, ihr habt mir und Amelia ein Lügenmärchen aufgetischt. Was sollte das mit Altura? Warum die Lügen über deine Herkunft? Sag es mir, Mutter, ich will es begreifen!"

Meine Großmutter saß in aufrechter Haltung neben ihrem greisen Bruder. Die Hände hatte sie in den Schoß gelegt. Sie wirkte aufgeräumt und völlig mit sich im Reinen. Vor uns saß eine gänzlich andere Person als die gemütliche, stille Großmutter aus Porto Covo.
"Ich wollte es, mein geliebter Afonso, ich wollte es so oft. Doch ich konnte es nicht. Ich bitte dich nicht um Verzeihung, denn dafür ist es mindestens fünfzig Jahre zu spät. Aber um Vergebung bitte ich dich."

Sie nahm einen Schluck Wasser und blickte an uns vorbei aus dem Fenster.
"In den ersten Jahren, nachdem ich nach Portugal kam, ging es zunächst darum, nicht aufzufallen. Mein Portugiesisch war gut, denn bevor wir von Spanien aus über die Grenze gingen, hatte dein Großvater mit mir geübt. Monatelang, mehrere Stunden am Tag. Und ich lernte schnell. Doch in einem Gespräch hätte damals trotzdem jeder sofort gemerkt, dass ich Ausländerin war. Schlimmer noch, dass ich Deutsche war. Während der Weltkrieg andauerte, war ich nur bestrebt, mich einzuleben, nicht aufzufallen, meine Rolle auszufüllen und die Sicherheit, die sich mir in Porto Covo bot, nicht aufs Spiel zu setzen. Als der Krieg vorbei war, als du und Amelia auf die Welt kamt, fühlte es sich nicht richtig an, euch damit zu konfrontieren. Die Zeiten waren hart, es gab noch kaum Touristen, und wir mussten mit dem Restaurant über die Runden kommen. Du musst mir glauben, dass ich mit deinem Vater mehrfach darüber gesprochen habe, dass wir die Wahrheit sagen müssen."

"Aber ihr habt es nicht getan. Hattest du Angst davor, was mit dir passieren würde? Mutter, hast du dir im Dritten Reich etwas zu Schulden kommen lassen?" Er sah die Mitglieder der deutschen Familie an, die stumm im Raum herumstanden und der auf Portugiesisch geführten Debatte nicht folgen konnten. "Hat sich jemand aus deiner Familie etwas zu Schulden kommen lassen?" "Nein", entgegnete meine Oma mit Bestimmtheit. "Niemand von uns hat je Juden denunziert oder ausgeliefert. Es stimmt, dass mein Vater Mitglied in der Partei war. Und dass er zu den Versammlungen hier in Hamburg gegangen ist. Aber nur, weil er es musste, sonst hätte er mit geschäftlichen Nachteilen rechnen müssen. In der Kaufmannschaft herrschte eine stark antisemitische Stimmung, der man sich nicht entgegen stellen konnte, ohne ausgegrenzt zu werden." "Aber warum dann die Furcht davor, dich als Deutsche zu erkennen zu geben? Wieso hattest du nie das Verlangen, deine Heimat wieder zu sehen? Das ist…" "Weil ich einen Mord begangen habe", unterbrach ihn meine Mutter. "Was?", riefen wir alle gemeinsam aus.

Oma stand mühsam aus dem Sessel auf. Ihr greiser Bruder sah zu ihr hoch, als hätte er verstanden, was sie soeben auf Portugiesisch gesagt hatte. Wir waren alle wie vom Donner gerührt.
Ich hätte es nur zu gerne für einen schlechten Scherz meiner Großmutter gehalten, doch dafür kannte ich sie, trotz allem, zu gut. Es gab kaum jemanden auf dieser Welt, der charakterlich weniger für makabere Scherze geeignet war als meine Großmutter. Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass sie die Wahrheit sagte.

"Ja. Ich habe einen Menschen ermordet. Und dein Vater Henrique hat es gesehen." Omas Stimme klang, als käme sie aus dem Nachbarzimmer, doch sie stand direkt neben uns. Mein Papa ging zu ihr hin und sah ihr in die Augen. "Mutter, was sagst du da? Wen hast du getötet, und wieso?"
"Kannst du dir vorstellen, wie sich das Wissen anfühlt, jemanden getötet zu haben? Selbst wenn dieser jemand ein böser Mensch war, der mit mir womöglich dasselbe angestellt hätte? Kannst du dir ausmalen, wie viel Überwindung es kostet, nicht jeden Tag an den Augenblick zu denken, in dem dieser andere Mensch sein Leben ausgehaucht hat, direkt vor deinen Augen? Ja, ich habe es geschafft, diese Erinnerung zu verdrängen. Doch es hat viele Jahre gedauert, und ich musste dafür eine neue Existenz in einem weit entfernten Land aufbauen. Je weniger ich an mein Geburtsland dachte, an meine Kindheit, an meine Familie, desto einfacher wurde es für mich." Sie holte tief Luft.
"Ich hatte die Gewissheit, dass mein Bruder die Kriegswirren überlebt hatte – im Gegensatz zu meinen Eltern. Seinen letzten Brief erhielt ich über Umwege, die zu verschlungen sind, um sie hier zu erzählen, im Jahr 1946. Ich habe ihm nicht geantwortet, weil ich es nicht konnte. Auch dein Vater meinte, es sei besser, erst einmal zu warten, wie sich die Lage in Deutschland entwickelte. Wir haben gewartet, viel zu lange, bis es zu spät war. Ich habe alles verdrängt, nur so konnte ich nach dem Tod deines Vaters ein halbwegs sorgenfreies Leben führen. Irgendwann hatte ich die Erinnerungen an meine Kindheit, meine Jugend und an den Mord völlig ausgeblendet."

Mein Vater wollte sie unterbrechen, doch sie bedeutete ihm mit einer herrischen Geste zu schweigen.

"Ich möchte erzählen, was damals passiert ist. Einmal muss es sein." Sie räusperte sich. "Als Hitler Reichskanzler wurde, war ich zwölf Jahre alt, ein unbedarftes und fröhliches Mädchen, das gerne schwimmen ging und davon träumte, Balletttänzerin zu werden. Was junge Mädchen damals eben so träumten. Ich unterschied mich in keinster Weise von zahllosen anderen Hamburger Mädchen jener Zeit. In unserer Nachbarschaft lebten zwei Kinder einer jüdischen Familie, sie hießen Jakob und Klara. Jakob war ein paar Jahre älter als ich und spielte mit Hermann in einer Fußballmannschaft. Klara war in meinem Alter, wir waren Freundinnen, die miteinander spielten, es war für mich das normalste auf der Welt. Dass sie Jüdin war, wusste ich lange nicht, weil es für uns auch keine Bedeutung hatte. Eine Vorstellung davon, welche Pläne die Nazis verfolgten, hatte niemand von uns. Wir haben zu Hause nie über Politik gesprochen, obwohl ich später begriff, dass meine Eltern von Anfang an die Lage realistisch eingeschätzt hatten. Ich erinnere mich noch an den Tag, als meine Mutter mich bei Seite nahm und sagte, ich dürfe nicht mehr mit Klara spielen. Das muss etwa ein Jahr nach der Machtergreifung gewesen sein. Als ich sie nach dem Grund fragte, sagte sie nur: 'Es gibt da Gerede über ihre Familie. Und wir wollen da nicht hinein gezogen werden.' Dass die Familie von Jakob und Klara wegen ihrer jüdischen Herkunft schikaniert und bedroht wurde, erfuhr ich erst später. Der Junge wurde aus dem Fußballteam ausgeschlossen und musste später auch das Gymnasium verlassen. Er starb 1942 in einem Konzentrationslager, in welchem, habe ich nie erfahren." Oma machte eine kurze Pause und trank einen Schluck Wasser.
"Und Klara?", fragte ich. "Klara", sagte Oma und seufzte tief. "Sie stand eines Abends plötzlich vor mir. Es waren Jahre vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, ich hatte gar nicht mehr an Klara gedacht. Zuerst hatte ich es natürlich traurig gefunden, dass ich sie nicht mehr sehen durfte. Doch ich fand andere Freundinnen, entwickelte andere Interessen. Nun war ich schon sechzehn und nicht mehr so unbedarft wie früher. Ich war Mitglied in der NS-Mädchenorganisation, wo wir natürlich indoktriniert wurden. Ob ich alles geglaubt habe, was uns dort erzählt wurde? Ob ich all die deutschen Volkslieder mit Inbrunst mitgesungen habe? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht. Außer Klara hatte ich nie eine jüdische Freundin gehabt, das wurde mir aber erst bewusst, als sie vor mir stand. Ich ging an einem Sommerabend alleine vom Tanzunterricht nach Hause, das mittlerweile hier in Eppendorf lag – und plötzlich war sie da. Sie war so abgemagert, ihre Kleidung zerrissen und ihr Gesicht schmutzig. Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt. 'Maria', sagte sie zu mir, 'Komm, wir gehen hier um die Ecke, wo uns niemand sieht'. Und dann fragte sie mich, ob ich ihr etwas zu essen geben könne. Sie sei von ihrer Familie getrennt worden und wisse nicht, wohin. Die Wohnung sei verriegelt gewesen, die Fensterscheiben mit dem Davidstern beschmiert. Seit Tagen verstecke sie sich in Parks, um nicht erwischt zu werden. Ihr müsst euch vorstellen, wie verwirrt ich war. Hier stand das Mädchen, mit dem ich früher auf der Straße gespielt hatte und das ich jetzt nicht mehr sehen durfte. Meine Jugendfreundin war eine Aussätzige geworden, ihr Leben in Gefahr."
Hermann unterbrach meine Oma und fragte sie etwas mit seiner schwachen, dünnen Stimme. Das Sprechen bereitete ihm so große Anstrengung, dass eine Ader auf seinem kahlen Schädel hervortrat. Er stirbt bald, dachte ich. Wir haben ihn gerade noch rechtzeitig getroffen. Sie wechselten ein paar Worte auf Deutsch, Oma legte ihm ihre Hand auf den Unterarm, dann sprach sie weiter.

"Obwohl ich wusste, dass ich mich damit in Gefahr begab, nahm ich Maria mit zu uns nach Hause. Aber nicht in die Wohnung. Damit hätte ich auch meine Familie in höchstem Maße gefährdet. Uns gehörte ein großer Teil des Kellers im Haus. Man konnte das Abteil absperren, und der Keller war so verwinkelt, dass unser Teil nur einsehbar war, wenn man direkt drin stand. Dort war Klara sicher, wenn sie sich unauffällig verhielt. Ich richtete ihr ein kleines Lager ein und brachte ihr eine Decke nach unten. Auch bekam sie von mir jeden Tag etwas zu essen. Es war nicht viel, was ich ihr von meinem Taschengeld kaufen oder unbemerkt vom Abendessen wegnehmen konnte. Doch es reichte ihr zum Überleben." "Wie lange blieb sie dort unten im Keller?", fragte mein Vater. "Fast ein Jahr. Bis zum Frühsommer 1938. Natürlich hat meine Familie es irgendwann gemerkt. Mein Vater rief mich zu sich ins Arbeitszimmer, und ich wusste, dass er mich nun bestrafen würde, weil ich die Familie in größte Gefahr brachte. Doch mein Vater sah mich nur an und trommelte mit den Fingern auf dem Schreibtisch. 'Wie lange ist sie schon da unten?', fragte er, und nachdem ich es ihm erzählt hatte, murmelte er: 'Der Winter steht vor der Tür. Wie stellst du dir das vor? Sie wird erfrieren.' Ich fing an zu weinen und musste zugeben, dass ich das noch nicht bedacht hatte. Nie werde ich vergessen, wie Papa zum Schrank im Schlafzimmer ging und zwei weitere Decken herausholte. 'Zu keinem ein Wort, verstanden? Zu deinen Freundinnen nicht, zu den Lehrern nicht, zu niemandem.' Damit war das Thema für ihn beendet. Maria bekam einen Zweitschlüssel für das Kellerabteil, damit konnte sie nachts nach draußen gehen und ihre Notdurft im nahe gelegenen Park verrichten. Wir hatten keine Ahnung, wie lange der Zustand andauern sollte, doch es war längst offensichtlich, was mit den Juden im Hamburg und im übrigen Reich passierte. Vermutlich wäre Klara in unserem Keller geblieben, bis zu dem Tag, an dem das Haus von einer Fliegerbombe getroffen wurde. Wäre da nicht der Zwischenfall mit dem Offizier gewesen."

Wir erfuhren, dass meine Oma das jüdische Mädchen an einem Maiabend des Jahres 1938 aus dem Keller holte, um im Schutz der Dunkelheit ein wenig durch den angrenzenden Park zu spazieren. Diese kurzen Ausflüge waren Klaras einzige Minuten an der frischen Luft. Sie war eine gesuchte Schwerverbrecherin, freilich eine, die nie ein Verbrechen begangen hatte, außer geboren worden zu sein.
In dieser Nacht waren Klara und Maria jedoch nicht vorsichtig genug. In der kleinen Parkanlage saß nämlich ein Offizier der Wehrmacht auf einer Parkbank, neben ihm eine junge Frau, der er den Hof zu machen versuchte. Sie waren ebenso in der Dunkelheit verborgen wie meine Oma und Klara, und weil sie so leise miteinander sprachen, bemerkten die beiden jungen Frauen sie erst, als es zu spät war.
Der Offizier begriff sofort, dass das schmutzige, verwahrlost aussehende Mädchen auf der Flucht war, er schlussfolgerte richtig, dass es sich um eine Jüdin handelte, doch bevor er sie zu fassen kriegte, war sie weg. Wie ein Blitz sauste Klara davon, rannte über Stock und Stein und durch Nebenstraßen, war bald in der Nacht verschwunden. Meine Großmutter hat sie nie wieder gesehen.

Der Offizier gab die Verfolgung schnell auf und befasste sich stattdessen mit meiner Oma, die vergeblich beteuerte, dass sie eine Deutsche sei und das Mädchen nur zufällig auf der Straße getroffen habe.

"Zufällig! Dass ich nicht lache! Du und diese Jüdin, ihr kanntet euch schon lange, verkaufe mich doch nicht für blöd. Und selbst wenn es ein Zufall war, dann hättest du dich nicht mit ihr abgeben dürfen. Du bist eine Schande für dein Volk", rief der Offizier und spuckte ihr ins Gesicht. "Aber auch Leute wie du werden die Ausrottung des jüdischen Volkes nicht aufhalten können!" Er packte sie am Handgelenk und schleifte sie hinter sich her. Auf die Frage meiner Oma, wohin er sie brachte, entgegnete der Offizier: "Das geht dich nichts an, aber gefallen wird es dir dort jedenfalls nicht" Als sie auf der Straße waren, drehte er sich zu meiner Großmutter um. "Du wirst bestraft werden, dumme Göre. Und bevor das Gesetz an der Reihe ist, übernehmen meine Kameraden die Bestrafung.". Meine Oma schrie um Hilfe, er verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Dann hielt er ihr den Mund zu, verfrachtete sie auf den Beifahrersitz seines Wagens und fuhr los in die Hamburger Nacht.

Was dann passierte, beschrieb meine Oma so anschaulich, als wäre es erst vorige Woche passiert und nicht vor über sechzig Jahren. Als der Wagen an einer Kreuzung abbremsen musste, kam ihr in ihrer Verzweiflung eine ebenso aberwitzige wie gefährliche Idee. Sie sprang auf, zeigte in die Straße zu ihrer Linken und schrie: "Da! Dort ist das Mädchen!" Als der Offizier in die Richtung blickte, stürzte sie sich aus der Beifahrertür und rannte davon.

"Der Nazi hatte eine Pistole, aber er hat nicht auf mich geschossen. Er war wohl zu überrascht, dass ein junges Mädchen wie ich ihn derart dreist hereingelegt hatte. Ich bin gelaufen wie der Wind, habe mich nicht umgedreht, doch ich konnte hören, dass er hinter mir her war. Immer weiter lief ich durch die Nacht, bog links ab, dann rechts, und erst als ich die schummrigen Kneipen und Restaurants auf beiden Seiten der Straße wahrnahm, wurde mir bewusst, dass ich in St. Pauli war."

Sie rannte in einen Hinterhof hinein. Kurzzeitig glaubte sie, den Verfolger abgehängt zu haben. Doch dann kamen die Schritte wieder näher.
"Wo bist du, kleine Hure? Ich werde dich töten müssen, das ist dir wohl klar. Niederträchtige, dreckige Judenfreundin, ich bring' dich um!"

Meine Oma drückte sich gegen die Wand und tastete sich seitwärts voran. Plötzlich streifte ihre Hand etwas warmes, und erschrocken stellte sie fest, dass ein weiterer Mann neben ihr stand. Er hatte eine Zigarette im Mund und starrte sie so überrascht an wie sie ihn. Niemand sagte ein Wort.

Das verzweifelte junge Mädchen begriff, dass der Mann im dunklen Hinterhof keine Gefahr für sie darstellte. Außerdem bemerkte sie das Messer in seiner Schürze. Dass er der Koch im Restaurant war, dass er Portugiese war und Henrique hieß, dass sie sich mit ihm nur schwer auf deutsch hätte unterhalten können – all das war in dieser Sekunde völlig egal. Ohne um Erlaubnis zu fragen, zog sie die Klinge heraus, schlich zurück zur Ecke – und als der Offizier an ihr vorbei stolperte, rammte sie ihm das Messer in den Bauch.

Er sackte zusammen und fiel bäuchlings auf den Boden. Daraufhin stach sie noch zweimal in den Rücken. Der Offizier röchelte und wollte um Hilfe schreien. Meine Oma ließ das Messer fallen. Sie realisierte, dass der Mann zu ihren Füßen sein Leben aushauchte. Von einer Sekunde auf die andere wich ihre Entschlossenheit blankem Entsetzen. Man würde sie verhaften und einsperren. Vielleicht in eines der Konzentrationslager, von denen man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte. Oder man würde sie als Verräterin am eigenen Volk standrechtlich erschießen.

In jener Sekunde, in der mein Großvater von hinten an sie herantrat, sie an der Hand nahm und mit ihr in die Hamburger Nacht floh, ging der erste Teil ihres Lebens zu Ende.

16 Monate dauerte die Flucht, die das Paar über die Niederlande, Belgien, Frankreich und Spanien bis nach Portugal führte. Der portugiesische Koch und das Hamburger Mädchen schliefen in billigen Pensionen, auf dem Rücksitz eines verlassenen Autos, im Heuschober eines Bauernhofs, und im Hochsommer sogar einige Nächte unter freiem Himmel. In Frankreich wäre mein Großvater fast ertrunken, als er ein Bad in einem Fluss nehmen wollte und ein Landwirt vom benachbarten Grundstück, der ihn für einen Viehdieb hielt, mit einem Gewehr beschoss.

Als sie die Grenze überquert und portugiesischen Boden betreten hatten, war vom unbedarften Mädchen, das Tanzunterricht genommen und die Veranstaltungen im Frauenbund besucht hatte, nichts mehr übrig. Es begann der zweite Teil ihres Lebens. Und als meine Großmutter am Ende ihrer Erzählung schließlich müde ihre Augen schloss und sich im Sessel zurücklehnte, beschlich mich das Gefühl, als wäre damit nun auch dieser zweite Teil vorüber, den sie als Maria de Sousa in Portugal verbracht hatte.

3. Ein vollendetes Leben

Man kann nicht behaupten, dass das Zusammenwachsen der Familien de Sousa und Heinrich reibungslos verlief. Ich für meinen Teil freundete mich zwar schnell mit dem Gedanken an, nunmehr einige neue Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen in Deutschland zu haben. Als großes Hindernis erwies sich anfangs jedoch die Kommunikation. Auf Englisch konnte man sich nur holprig und oberflächlich unterhalten. Die portugiesische Sprache war für meine deutschen Verwandten ein ähnlich großes Hindernis wie für uns die Deutsche.

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten fiel der erste Besuch meines deutschen Onkels Peter und meiner Tante Heike mit ihren beiden Familien in Porto Covo herzlich aus. Ich hatte bald nach meiner Rückkehr aus Hamburg damit begonnen, Deutschunterricht zu nehmen. Es dauerte jedoch lange, bis ich in der Lage war, mich mit meinen neuen Verwandten einigermaßen flüssig zu unterhalten.
Mein Vater hat sich die Mühe gar nicht gemacht. Er versucht stattdessen jedes Mal, wenn "die Hamburger", wie er sie nennt, zu Besuch kommen, ihnen ein paar Brocken Portugiesisch beizubringen. Es ist rührend, ihren Versuchen, die weichen Laute unserer Sprache fehlerfrei auszusprechen, zuzuhören. Wobei ich natürlich keineswegs behaupten möchte, dass meine Aussprache des Deutschen besser klingt.

Mein Großonkel Hermann, der Bruder meiner Oma, starb zwei Wochen nach unserer Rückkehr. Ich bin sehr froh, dass ich ihn noch kennen gelernt habe. Das Ausmaß seiner Leiden in französischer Kriegsgefangenschaft konnte ich freilich nur erahnen. Man sagte mir jedoch, dass er trotz seiner Gebrechen glückliche letzte Lebenswochen hatte. Schließlich war es doch noch zu der von ihm erträumten Familienzusammenführung gekommen.
Oma lebte nach ihrer Rückkehr noch drei Jahre in Porto Covo, ehe sie schließlich im Frühsommer 2008 von uns ging, wenige Wochen vor ihrem 88. Geburtstag. Wir beerdigten sie auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin auf dem kleinen Friedhof von Porto Covo. Auf meine Frage, ob sie, nun da sie uns alles erzählt hatte, nicht lieber in Hamburg geblieben wäre, wo doch ihre Wurzeln lagen, schüttelte sie nur den Kopf.

"Ich gehöre hierher. Der Atlantik, die Küste, das ist meine Heimat. Was soll ich in Hamburg, wo mich doch nur alles an mein früheres Leben erinnert?"
Sie betrachtete sich als Portugiesin, obwohl sie nie ein gültiges Ausweisdokument besessen hatte. Ihren portugiesischen Pass aus dem Jahr 1939 hatte ein spanischer Vertrauter meines Großvaters gefälscht. Ich bin mir sicher, dass Oma nach ihrer großen Beichte einen zufriedenen Lebensabend hatte, trotz der Schmerzen, die sie in ihren letzten Monaten heimsuchten. Einige Monate vor ihrem Tod saß sie mit mir und meinem Vater auf der Terrasse des "O Estrela" und blickte versonnen aufs tobende Meer. Ohne konkreten Zusammenhang sagte sie: "Es hat seinen Grund, warum die Dinge so geschehen sind."

Wir blickten uns verwundert an, und schließlich fragte ich sie, was sie damit meinte.
"Henriques Tod hat damals meinen Entschluss zu schweigen endgültig besiegelt. Er war der einzige, der von meiner Herkunft wusste. Nach seinem Verlust gab es niemanden mehr, und ich habe den Zeitpunkt, an dem ich alles erzählen wollte, immer wieder verschoben. Die Zeit hat alles überspült wie das Meer die Felsen vor der Küste. Ich weiß nicht, ob das jüdische Mädchen überlebt hat. Aber ich habe alles versucht, um sie zu retten. Ich habe sogar einen Mord für sie begangen. Hätte ich nicht so lange über meine Herkunft geschwiegen, hätte ich wohl auch diese Episode meines Lebens längst vergessen. Aber so war ich gezwungen, mich nach über sechzig Jahren noch einmal der Vergangenheit zu stellen."

Dann seufzte sie.

Ich glaube, ich verstehe, was sie meinte. Und ich habe nie Zorn verspürt, weil sie es uns so lange verschwiegen hat. Auch mein Vater hat ihr nie einen Vorwurf gemacht.
Als immer deutlicher wurde, dass meine Großmutter auf die Zielgerade ihres Lebens einbog, kam mir eine Idee, auf die ich schon weitaus früher hätte kommen müssen. Aber noch war es nicht zu spät.
Ich begann im Internet über ihre jüdische Jugendfreundin Klara zu recherchieren. Es gab mehrere Personen mit ihrem Nachnamen, doch keine von ihnen lebte in den 1930ern in Hamburg. Also nahm ich Kontakt zu einem Bekannten aus Universitätstagen auf, der mittlerweile in Berlin lebt. Er kannte wiederum jemanden, der in einem Zeitgeschichtlichen Institut arbeitete, und so kam eines zum anderen.

Eines Abends setzte ich mich mit einem Papierausdruck an Omas Bett. Sie war mittlerweile so schwach, dass sie kaum noch aufstehen konnte.
"Großmutter", sagte ich. "Was würdest du sagen, wenn ich behaupte, dass du einem Menschen das Leben gerettet hast?" Sie richtete sich mühsam auf und sah mich mit offenem Mund an.
"Ich habe recherchiert, Oma. Ich weiß nun, was mit dem jüdischen Mädchen Klara passiert ist. Sie hat den Krieg überlebt." "Was sagst du da? Sie hat überlebt?", murmelte sie, und ich konnte das Zittern in ihrer Stimme hören. "Ja. Es gelang ihr, von Hamburg aus über Sylt nach Dänemark zu fliehen. 1947 ist sie nach Deutschland zurückgekommen. Nach Hamburg." Meine Großmutter hielt sich die Hand vor den Mund.
"Trotz aller schrecklichen Erlebnisse, und obwohl sie die einzige Überlebende ihrer Familie war, ist sie wieder in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt. Hier hat sie geheiratet und viele Jahre als Bibliothekarin gearbeitet. 1978 ist sie leider an Krebs gestorben. Aber ich habe mit ihrer Tochter telefoniert, und sie hat mir das hier geschickt." Ich zeigte ihr den Ausdruck eines schwarz-weißen Fotos, das Klara neben ihrer damals noch jugendlichen Tochter zeigte.
"Das ist sie", sagte meine Oma. "Klara. Ich erkenne sie wieder. Sie sieht natürlich viel älter aus als in meiner Erinnerung, aber das Gesicht…" Eine Träne lief ihr über die Wange. "Lies den Text darunter. Das ist die E-Mail von Klaras Tochter." "Erst kurz vor ihrem Tod hat mir meine Mutter von der Geschichte in Hamburg erzählt", las meine Mutter auf Deutsch vor. "Sie hat das Verhalten ihrer Frau Großmutter als Hauptgrund dafür angeführt, dass sie nach dem Krieg wieder nach Hamburg zurückkehrte. Sie hat Maria nie vergessen. Wie auch? Sie hatte die Erinnerung ja jeden Tag vor Augen." Sie stockte. "Richten Sie Ihrer Großmutter meine tief empfundene Dankbarkeit für ihr mutiges Verhalten aus. Mit den herzlichsten Grüßen, Maria Schrader."

"Leider konnte sie nicht persönlich kommen, da sie sich um ihren schwer kranken Vater kümmern muss", sagte ich nach einer Weile. "Aber ich denke, du glaubst ihr auch so." Ich legte meine Hand auf die zitternde Schulter meiner Oma, die ich im hohen Alter von 87 Jahren zum zweiten Mal weinen sah.

(c) 2015 / 2016 Mark Read

Projekt "Best Of": Ich stelle nacheinander meine Lieblings-Kurzgeschichten der Jahre 2013 bis 2017 online. Manche in Originalform, manche leicht überarbeitet. Dies ist Teil 7 der Reihe, hier gibt es alle Texte im Überblick