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Mark Read
Mark Read

Zufällige Bekanntschaften

Der Zug arbeitet sich beharrlich vorwärts, von Süd nach Nord durch dieses große Land in der Mitte Europas. Ich blicke aus dem Fenster und sehe Straßen, Bäume und Wiesen vorbeiziehen, die nie lange genug präsent bleiben, um in meinem Gehirn einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ab und an durchqueren wir Ortschaften. Mal sind es kleine Dörfer und Städtchen, in denen sich frisch geweißte Einfamilienhäuser um die Kirche herum gruppieren wie eine Schafherde um den Hirten. Dann wiederum halten wir in großen Städten, deren Ausmaße wir auf der hastigen Durchreise nur erahnen können. Mehrstöckige Wohnhäuser in tristem Grau stemmen sich in den Himmel und scheinen sich damit abgefunden zu haben, immer und immer wieder mit wütenden Graffitis verziert zu werden. Zwischen all dem Beton ragt zuweilen eine Kirchturmspitze hervor oder der Dachgiebel eines viel älteren Hauses. Hinweise auf einen Kern in diesem unübersichtlichen Ameisenhaufen, eine Altstadt, die mit Sicherheit schöner ist als das, was man vom Zugfenster aus sieht. Immer wieder frage ich mich, warum in allen Städten auf der Welt die Gegend um den Bahnhof besonders hässlich ist.

Ich frage mich aber generell viele Dinge. Etwa, warum ich überhaupt in diesem Zug sitze, und dann auch noch alleine. Ausgerechnet die vermutlich sinnloseste Zugreise meines Lebens bestreite ich ohne Ina. Ich erinnere mich an den festen Vorsatz von heute früh: Nicht nachgrübeln. Nicht an Ina denken. Und dann grübele ich wieder nach, diesmal aber über die Frage, warum ich meinen festen Vorsätzen immer untreu werde.
Die Fahrtzeit scheint endlos. Dabei ist sie es selbstverständlich nicht. Sie ist so endlich wie alles im Leben. Sechs Stunden, was ist das schon? Nicht einmal ein Wimpernschlag im Leben eines Menschen. Etwas weniger als ein normaler Arbeitstag. Eine im Grunde überschaubare Zeitspanne. Und doch erscheinen mir die Zeiger meiner Armbanduhr starr wie der Gipfel des Berges am Horizont. Immer wieder versuche ich zu lesen, doch es gelingt mir nicht recht. Die Wörter gehorchen mir nicht, sie wollen nicht in mein Inneres vordringen. Sie ziehen vorbei wie die Landschaft vor meinem Fenster.

Ich vertreibe mir also die Zeit mit der Beobachtung von Menschen. Schon am Münchner Hauptbahnhof war mein Abteil voll, und an den Zwischenstopps hat sich daran nicht viel geändert. Leute sind ausgestiegen, andere nahmen ihre Plätze ein. Die Gesichter wechselten, die Typen blieben gleich. Es ist erstaunlich, wie leicht sich Zugreisende kategorisieren lassen.
Da sind zum Beispiel die Drohnen. So nenne ich Männer und Frauen meist mittleren Alters, die in aufgeklappte Laptops starren und schweigend geschäftliche Korrespondenz erledigen. Eine Frau, die neben mir sitzt, eine herbe Blondine in einem strengen Kostüm, wirkt müde und abgezehrt. Sie blickt genauso wenig je aus dem Fenster, wie es der Mann mit Hemd und Krawatte tut, der ihr gegenüber sitzt. Beide haben sich nichts zu sagen, sind zufällige Bekannte mit einem gemeinsamen Ziel, die sich nach der Ankunft höflich voneinander verabschieden und dann nie mehr wieder sehen werden.
Auch ich habe den beiden nichts zu sagen. Ich wüsste nicht, worüber ich mit ihnen reden sollte. Ich war nie eine Drohne und werde auch nie eine sein.

Dann sind da die Deplatzierten. Es scheint sie in jedem Zug zu geben, und ein Prachtexemplar sitzt direkt hinter dem Krawattenmann. Ein älterer Herr, dessen gestreiftes Hemd sich über einen dicken Bauch spannt. Er wirkt hier auf irritierende Weise fehl am Platz. Seit Stunden tut er nichts, außer unruhig im Abteil umher zu blicken. Er hat keinen Laptop dabei, kein Buch, keine Musik, nichts, was ihn ablenken und unterhalten könnte. So als wäre er rein zufällig und ungeplant in einem Zug nach Berlin gelandet, als hätte er sich auf die sechsstündige Reise überhaupt nicht vorbereiten können. Aber er steht auch nicht auf und vertritt sich die Beine oder blickt wenigstens mal aus dem Fenster. Er sitzt einfach nur da wie die lebende Verkörperung eines Loriot-Cartoons.

Weil der Mann sich immer wieder zu einer zischenden Hydrauliktür umdreht, die unser Abteil vom nächsten trennt, wandert auch mein Blick zu der Gruppe Menschen, die ich der dritten Kategorie zurechne: den Nervtötern. Sie unterscheiden sich von den Drohnen und den Deplatzierten dadurch, dass sie sich dazu berufen fühlen, den gesamten Zug zu unterhalten.
Wie ekelhaft lässig sie dort drüben auf dem Boden hocken, drei junge Männer und zwei Frauen, und ihre Stimmen durch unser Abteil schallen lassen, wann immer die Hydraulik ihr Werk verrichtet und die Tür öffnet.
Schon beim Einsteigen sind sie laut lachend und schreiend durch den Zug gestapft und haben uns alle unaufgefordert an ihrem Leben teilhaben lassen. Es war eine Demonstration, die Eindruck hinterlassen sollte. Seht her, hier sind wir, das wollte diese absurde Bande verkünden. Nehmt uns wahr in unserer unbekümmerten, lauten Jugend. Ihr habt ohnehin keine andere Wahl. Denn wir machen das, was ihr euch nur zu gerne noch trauen würdet, wärt ihr nicht alt und langweilig und fett geworden und würdet ihr nicht pausenlos in eure Laptops starren und Geschäfts-Mails schreiben.
Eine stark geschminkte Blondine hat sich sofort als Mittelpunkt der Clique herauskristallisiert. Sie hat die lauteste Stimme, das schallendste Lachen und eine kokett-minderbemittelte Ader, die es unmöglich macht, sie zu ignorieren. Ab und an wirft sie neugierige Blicke zu uns herüber, als wären wir Tiere im Zoo. Einmal haben sich mein Blick und ihrer kurz getroffen. Sie hat amüsiert gelächelt. Im Grunde könnte ich sie hübsch finden - doch Worte können kaum beschreiben, wie sehr mich ihr Gehabe nervt. Was auch gut so ist, denn gerade nach der Geschichte mit Ina ist eine hübsche und sympathische Frau das letzte, was ich brauchen kann.
Vermutlich sind es fünf Studenten auf einem Partyausflug nach Berlin. Sollte das stimmen, dann lässt ihr Gesprächsniveau bedenkliche Rückschlüsse auf den Zustand deutscher Hochschulen zu. Der Alkoholpegel drüben steigt minütlich, das Lachen der Blondine wird immer schriller und die Gesprächsthemen in gleichem Maße banaler. Der Krawattenmann und die herbe Blondine neben mir blicken mit säuerlicher Miene von ihren Laptops auf, dann tippen sie weiter – etwas lauter als zuvor, oder bilde ich mir das nur ein?

Meine soziologische Beobachtung richtet sich nun auf einen Kerl mittleren Alters, der am kleinen Stehtischchen neben der Fünfergruppe seinen Laptop aufgeklappt hatte. Ich nehme an, er wollte dort arbeiten, ursprünglich zumindest. Er wurde ungewollt in ihren Zirkel hineingezogen, doch mittlerweile genießt er es. Es ist ihm anzumerken, dass er sich plötzlich jung fühlt und irgendwie auch hip, weil die Studenten ihm interessiert zuhören und ihm etwas Bier abgeben. Jetzt sind sie alle per Du. Eine Schicksalsgemeinschaft von Menschen aus unterschiedlichen Generationen und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, die einander außerhalb dieses Zuges niemals wahrgenommen hätten. Was auch immer der Mann in seinen Laptop hacken wollte, es ist jetzt zweitrangig. Er brüllt etwas in die Runde, die Blondine lacht und kreischt.

Ich wende meinen Blick von dem Treiben jenseits der Glastür ab und schaue wieder aus dem Fenster. Wir passieren einen kleinen Gebirgszug, an dessen Hängen sich die Bäume dicht aneinander schmiegen. Eine alte Burg thront auf einem Felsvorsprung, Zeuge einer Epoche, in der die Menschen noch nicht in ihre Laptops starrten, während sie das Land durchquerten. Wir sind mittlerweile in der Region angekommen, die in den Medien immer noch hartnäckig "Neue Bundesländer" genannt wird, obwohl sich die Zahl derer, die sich überhaupt noch an die Zeit erinnern können, in der diese Länder noch nicht Teil des Bundes waren, jährlich verringert. In vielen der Ortschaften, durch die wir hindurchrasen, sehe ich verwahrloste Mehrfamilienhäuser, in denen niemand zu wohnen scheint. Bei manchen Gebäuden sind die Dächer halb heruntergefallen. Die Frühlingssonne taucht die Szenerie in ein sattes und kräftiges Licht. Hätte ich Talent für das Malen und außerdem viel Zeit, und wäre ich nicht mit gebrochenem Herzen auf einer völlig unnötigen Reise quer durch die Republik – dann könnte ich das Setting gewiss in ein romantisches Verfalls-Gemälde basteln.
Ich stehe auf und wanke den Gang entlang, weg von dem Lärm, weg vom gackernden Gelächter und den gebrüllten Gesprächen über Scripted-Reality-Sendungen im Privatfernsehen. Und werde so auf die nächste Kategorie von Zugreisenden aufmerksam: die Autisten. So nenne ich Leute wie den jungen Mann auf dem Fensterplatz, der seit vier Stunden seine Haltung nicht verändert hat. Er trägt dicke, schwarze Kopfhörer und eine große Sonnenbrille. Er ist in seiner eigenen Welt, und nichts kann ihn hinüberholen in unsere. An einem Vierertisch weiter hinten sitzt eine Gruppe junger Asiaten. Drei von ihnen schlafen, der Vierte hört Musik und glotzt autistisch ins Nichts.

Ich finde eine leere Zweierreihe am anderen Ende des Abteils. Jetzt kann ich auf der anderen Seite des Zuges aus dem Fenster blicken. Auf einer großen Weide erkenne ich Kühe, im Hintergrund ein kleines Waldstück und dazwischen Hausdächer, die aus dieser Entfernung freilich kaum mehr sind als rote Farbtupfer in einem Gemälde von Bob Ross.
Vor mir starrt einer auf das Display seines Smartphones. Er hält es auf Gesichtshöhe, so dass mein Blick ungewollt dort hängen bleibt. Ich erkenne einen Mann, der es einer dunkelhäutigen Frau unter der Dusche besorgt. Tatsächlich, der Typ vor mir sieht sich während einer Zugfahrt einen harten Porno auf seinem Handy an. Es gibt also wirklich Menschen, deren ideale Vorstellung von Zeitvertreib es ist, dabei zuzusehen, wie Schwänze in Frauenhintern gerammt werden. Immerhin trägt er Kopfhörer und erspart uns die zum Porno gehörende Soundkulisse. Und müsste ich wählen, was mich gerade mehr stört – das schrille Lachen und das Gegacker der Blondine im hinteren Abteil oder laszives Gestöhne einer Darstellerin im Sexfilmchen – stünde ich vor einer schwierigen Entscheidung. Hier hinten ist es jedenfalls bedeutend ruhiger als auf meinem vorigen Platz. Ich nehme mein Buch zur Hand und versuche, mich in Hemingway zu vertiefen.

Es gelingt nur kurz. Ein lauter Klingelton reißt mich aus dem Paris der 1920er Jahre zurück in die Gegenwart. Eine junge Frau nimmt ab und presst halblaut in den Hörer, dass sie jetzt nicht lange sprechen könne, weil sie gerade im Zug sitze. Was denn los sei. Ich frage mich, warum sie so krampfhaft versucht, leise zu sprechen, wo doch der Klingelton in maximaler Lautstärke aus dem Handy schallte. Sie sieht aus wie tausende andere Frauen um die zwanzig und macht auch sonst keine Anstalten, etwas anderes als Durchschnitt zu verkörpern. Bestimmt muss sie sich jetzt die Durchschnittsprobleme ihrer Durchschnittsfreundin anhören, denn aufzulegen wäre ja unhöflich. Ich versuche, ihre Stimme auszublenden und den Satz von eben noch einmal zu lesen – doch dann lacht die Durchschnittsfrau plötzlich laut und spitz auf.
"Das gibt es doch nicht", ruft sie. "So etwas Irres! Sag bloß!" Ich klappe mein Buch zu.

Wenig später erreicht der Zug den nächsten Zwischenstopp mit dem schönen Namen Jena-Paradies. Seit Beginn der Reise habe ich mir viele Fragen gestellt, nun kommt noch eine weitere hinzu. Warum verlangt die Bahn von ihren Mitarbeitern, Durchsagen auch auf Englisch zu machen, wo es doch offensichtlich ist, dass die meisten Schaffner mit der korrekten Aussprache überfordert sind?
Wieder muss ich an Ina denken. Sie als studierte Anglistin fand diese Vergewaltigung des Englischen immer besonders grotesk. In England oder Amerika würde sich kein Schwein darüber Gedanken machen, ob deutsche Urlauber die Durchsagen verstehen, sagte sie. Niemand würde versuchen, extra für uns Durchsagen in schlechtem Deutsch zu machen. Nur wir wollen es wieder allen Recht machen, und das kommt dabei heraus. Ich glaube, sie hat sogar mal eine Mail an die Deutsche Bahn geschrieben und sich selbst als Sprecherin für englische Aufnahmen ins Gespräch gebracht. Alle Haltestellennamen in Deutschland hätte sie auf Band aufgenommen, nur um sich diese Art Durchsagen nicht mehr anhören zu müssen.
Ich bin schon wieder meinem festen Vorsatz von heute früh untreu geworden. Ich wollte Ina nicht den Gefallen tun und wehmütig an sie denken – und tue es doch. Während Ina gerade unter Garantie nicht an mich denkt. Warum sollte sie auch.

Ein kleines Kind von höchstens vier Jahren stolpert durch das Abteil. Sein Vater hinterher. Er ruft den Kleinen beim Namen, Fritz. "Fritz, jetzt warte doch einmal. Du sollst hierbleiben!"
Es ist kein Scherz, und auch kein Spitzname. Das Kind heißt wirklich Fritz. Jemand, der sein Kind heutzutage noch Fritz nennt, sollte juristisch belangt werden können, schießt es mir durch den Kopf.
Ich blicke den Gang hinunter und stelle fest, dass die Clique auf der anderen Seite der Glastür immer noch bei bester Laune ist.

Ich beschließe, es auch hier nicht mehr aushalten zu können und verlasse das Abteil durch die Schiebetür. Im Zwischengang lehnt ein bärtiger Mann an der Wand, die Hand auf seinem Gitarrenkoffer. Ich frage mich, ob er wohl in Berlin sein Glück als Straßenmusiker versuchen will. Als umherziehender Vagabund, auf der Suche nach Abenteuern. Allerdings passt diese romantische Vorstellung nicht mehr so recht in die heutige Zeit. Wie das wohl ist, kein festes Ziel zu haben? Einfach von Ort zu Ort reisen, je nachdem worauf man gerade Lust hat?
Im nächsten Abteil eine Mischung aus Drohnen und Autisten. Eine Handvoll Geschäftsleute starrt Löcher in Laptop-Displays oder schickt sinnlosen Smalltalk durch Business-Handys. Andere Leute schotten sich mit Kopfhörern vor jedem Einbruch der Wirklichkeit ab. Einige lesen aber auch Bücher. Ich erkenne die immer gleichen seichten Liebesromane aus dem Klischee-Baukasten, und selbstverständlich blitzt mir auch das Cover eines „Shades of Grey“-Buches entgegen.
Ein älterer Herr liest hingegen einen Krimi von John le Carré. Auch das gibt es also noch. Irgendwie beruhigend, dass der Mann keine Anstalten macht, sein sympathisches Aus-der-Zeit-Gefallensein zu verbergen. Ich blicke mich noch einmal um. Hier in diesem Abteil wäre es eindeutig erträglicher als im vorigen, aber es ist keine Sitzreihe mehr frei.

Eine junge Mutter ist sichtlich überfordert mit ihren beiden kleinen Kindern. Auf dem Tisch vor ihr liegt mehr Spielzeug, als in eine Reisetasche passt. Mir kommt ein verrückter Gedanke: Vielleicht sind die Kinder nicht deshalb so unerträglich laut, weil sie zu wenig Spielzeug haben, sondern weil sie zu viel davon haben?
Ich durchquere auch dieses Abteil und lande schließlich im Bordbistro. Alle Tische sind besetzt. Ganz vorne stehen zwei Kerle, höchstens dreißig Jahre alt, und trinken Weißbier. Sie reden in starkem Fränkisch über eine gewisse Carola, mit der einer von ihnen offenbar noch bis vor kurzem liiert war. Carola ist nicht Ina, rede ich mir ein. Das ist mir meiner Situation nicht zu vergleichen. Ina hat mich im Stich gelassen, als ich sie dringend gebraucht hätte.

Die Preisliste im Bordbistro ist erschreckend, doch weil es ohnehin keinen Sinn macht, sich darüber aufzuregen, zahle ich 3,50 Euro für einen aus Instantpulver und heißem Wasser gepanschten Cappuccino. Er schmeckt eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man vergisst, woraus er besteht.
Einer der Tische ist inzwischen frei geworden, und ich blicke mit aufgestützten Ellbogen aus dem Fenster. Die beiden Weißbiertrinker sind bei den aktuellen Fußballergebnissen und -debatten angekommen. Doch offenbaren sie eklatante Mängel, was Fachwissen und Hintergrundkenntnisse anbelangt. Im Grunde hören sie sich einfach nur gerne selbst reden und wollen, dass der jeweils andere ihre vom Boulevard übernommene Meinung bestätigt. Ich nippe an meinem Cappuccino, der mittlerweile nicht mehr so heiß ist, dass man sich die Zunge verbrüht.
Zischend öffnet sich die Tür, und herein kommen zwei der fünf Nervtöter aus meinem Abteil, darunter die Blondine mit der unerträglichen Lache. Sie ist inzwischen schon deutlich betrunken, oder tut im Rahmen ihrer allumfassenden Selbstinszenierung zumindest so. Kurz denke ich wieder an den Blickkontakt, diese seltsame Neugier in dem amüsierten Lächeln. Ein Fehler in der Matrix? Ansonsten ist alles an dieser Person glatt polierte Kantenlosigkeit.

Der Verkäufer im Bordbistro ahnt schon, dass er nun das Opfer ihrer überschäumenden und ans Unerträgliche grenzenden Lebensfreude werden wird. Und tatsächlich, sie versucht geradezu schamlos, ihn anzuflirten. Obwohl sie sich nicht allzu verständlich ausdrücken kann – oder will - und obwohl ihr Gehabe so übertrieben ist, dass sie in diesem Moment alles ist, nur nicht sexy, gibt sie alles.
Man merkt deutlich, das hier ist die Fahrt ihres Lebens, eine Reise in die Hauptstadt, und sie will verdammt noch mal Spaß haben. Ja, es soll gefeiert werden, als gäbe es kein Morgen, und aus ihrer Sicht gibt es den Morgen auch nicht. Ihr ist völlig egal, was in den nächsten Stunden passiert. In einem Zug, wo sich nun mal viele Menschen auf engstem Raum begegnen, ist das leider keine sozialverträgliche Einstellung.
Der Verkäufer bleibt professionell freundlich und erträgt ihr Getue mit stoischer Gelassenheit. Vermutlich wird sie ihm ein sattes Trinkgeld geben und ihren Freunden weiter hinten erzählen, er hätte ihr hemmungslosen Sex angeboten. Ich frage mich, warum sie das tut, was sie gerade tut. Dabei sollte es mir egal sein.

Ich blicke wieder aus dem Fenster. Eigentlich ist es ein schönes Land. Die Wiesen, die Bäume, die zuweilen auftauchenden Flüsse, das ist alles sehr anmutig. Auch die kleinen Ortschaften sind oftmals schön, das wird bei all den Lobgesängen auf Deutschlands Großstädte oft vergessen.
Wir sind schon auf der Zielgeraden Richtung Berlin. Dort angekommen, werden sich alle Insassen des Zuges aus den Augen verlieren, werden in die verschiedenen Ecken dieses unübersichtlichen Molochs verschwinden und ihr Leben weiterleben. Der Zug wird eine verdiente Verschnaufpause bekommen und dann wieder die selbe Strecke zurückfahren, mit anderen Leuten an Bord. Anderen Drohnen, Nervtötern, Deplatzierten und Autisten, mit zufälligen Bekanntschaften, die Smalltalk führen und sich dann in München höflich voneinander verabschieden. Vielleicht entstehen dabei auch mal echte Freundschaften, vielleicht zeugt auch mal jemand ein Baby in der Zugtoilette, wer weiß das schon. Doch in den allermeisten Fällen werden sich diese zusammengewürfelten Individuen am Zielort trennen und nie wieder begegnen.
Und hier, in diesem Zug? Ich versuche mir vorzustellen, was meine Mitreisenden in Berlin vorhaben.

Der Musiker, das ist wohl klar, wird nicht im Hotel Kempinski absteigen. Nein, er wird in die WG irgendeines Kumpels das Sofa okkupieren und dort gedankenverloren ein paar Akkorde auf seiner Gitarre anschlagen. Auf demselben Sofa wird er nachts schlafen, und es wird ihm gar nichts ausmachen. Tagsüber wird er sich mit ein paar Flaschen Bier ans Spreeufer bei der Museumsinsel setzen, um dort ein paar hübsche Touristinnen aufzureißen. Die beiden fränkischen Fußballfans werden vermutlich keine Sightseeing-Tour durch die Stadt machen, weil ihnen Etiketten wie "Sehenswürdigkeit" oder "Architektonisches Highlight" nur entfernt etwas bedeuten. Sie werden eine Vielzahl von Kneipen ausprobieren, eventuell ebenfalls versuchen, bei Touristinnen zu landen, auf jeden Fall werden sie sich hemmungslos betrinken. Hinterher können sie dann daheim erzählen, wie toll die Atmosphäre in der Hauptstadt doch sei. Die vier stillen Asiaten hingegen, die werden auf jeden Fall Sightseeing machen, unzählige Fotos schießen und sich mit Hilfe ihres Reiseführers mit der Geschichte und Kultur der Stadt vertraut machen. Von uns Mitteleuropäern werden sie immer belächelt, dabei nehmen sie uns im Grunde viel ernster, als wir es selbst tun.

Die Blondine hat mittlerweile den Versuch aufgegeben, beim Bistroverkäufer zu landen. Aber sie hat ein neues Bier in der Hand und versucht, dieses möglichst stilvoll mit ihren Fingern zu umklammern. Als wäre eine Kamera auf sie gerichtet. Ihr Begleiter hat ebenfalls schon Schlagseite vom Alkohol, dackelt ihr aber tapfer hinterher. Er will sie rumkriegen. Ihr treuer Begleiter sein, auch in Situationen wie dieser hier: angetrunken im Bordbistro eines Zuges stehend und wildfremde Leute anschwatzend. Seiner Ansicht nach schweißt so etwas zusammen und sorgt zwangsläufig dafür, dass sie irgendwann einmal seinen wahren Wert erkennt. Happy End. Ob es so kommen wird, wage ich nicht zu prognostizieren. Die Blondine kommt nun direkt bei mir vorbei. Sie stolpert und fällt fast hin, die Bierflasche verliert einen Teil ihres Inhalts über meinem Schuh. Sie hält sich in gespielter Unschuld die Hand vor das Gesicht und schaut mich dann ganz ernst an.
"Das tut mir jetzt aber ziemlich leid", sagt sie. "Schon in Ordnung", sage ich. "Hauptsache, es ist noch was vom Bier übrig."

"Bist du alleine unterwegs?", fragt sie mich. Ich nicke und versuche, keine Miene zu verziehen. Sie überlegt offenbar fieberhaft, ob sie den Nachsatz "Wie schade" noch bringen soll oder nicht. Dann lässt sie es bleiben. In welchem Bett sie heute wohl schläft, und mit wem? Wieder begegnen sich unsere Blicke. Und ich merke, dass sie sich ernsthaft für mich interessiert. Sie hat unter ihrer meterdicken Schminke im Grunde ein nettes Gesicht. Aber ich kann nicht, will nicht, habe keinen Bedarf, will einfach nur hier weg.

"Und was treibst du so in Berlin, ganz allein?", fragt sie mit einem Lächeln.

"Das ist eine ziemlich blöde und ziemlich langweilige Geschichte. Ehrlich."

"Macht nichts. Ich höre zu." Ihren Begleiter aus der Fünfergruppe hat sie offenbar vergessen. Der steht mittlerweile etwas abseits und muss sich mit der Hand an der Wand abstützen.

"Ich bin unterwegs zu einer Gerichtsverhandlung."

"Was, wie, ehrlich? Das ist ja hart! Was hast du denn angestellt, jemanden erschossen oder so?" Und dann kommt es, das schallende Lachen, direkt in mein Gesicht.

"Nein, ich habe gar nichts angestellt, ich bin nur als Zeuge geladen. Ich habe einen Autounfall beobachtet, wo so ein Typ Fahrerflucht begangen hat. Und dann bin ich zur Polizei gegangen, weil ich mir das Kennzeichen gemerkt hatte. Tja, dann stellte sich heraus, dass der Kerl ein gesuchter Bankräuber war."

"Ist nicht wahr."

"Doch. Sie haben ihn ein paar Wochen später in Karlsruhe geschnappt. In dem selben Auto, das auch noch gestohlen war. Und ich darf jetzt in Berlin beim Prozess aussagen."

"Aber das ist doch geil! Ich meine, das ist doch total gut, damit leistest du ja einen super Beitrag für die Gerechtigkeit..."

"Schon. Aber ich habe überhaupt nichts beizutragen. Ich bin mindestens hundert Meter entfernt gestanden beim Unfall, und den Typen hab ich überhaupt nicht richtig gesehen. Wegen meiner Aussage werden sie den ganz bestimmt nicht einbuchten."

Sie stellt die Bierflasche auf den Tisch. Plötzlich kommt sie mir überhaupt nicht mehr betrunken vor, und ich muss wieder an meine Theorie von der allumfassenden Selbstinszenierung denken.
"Trotzdem", sagt sie. "Musst du da hin, das finde ich mega. Das werde ich gleich allen erzählen, dass ich jetzt jemanden kenne, der vor Gericht aussagt. Das glaubt mir keiner!"

"Aber ich habe gar keine Lust auf das Gericht. Ich habe keine Lust auf Berlin, auf gar nichts", sage ich plötzlich.

"Warum denn nicht?"

"Meine Freundin hat vorgestern mit mir Schluss gemacht", sage ich. Das wollte ich nicht, aber jetzt ist es raus. Und es ist eh schon alles egal. Ich werde ihr noch viel mehr hinkippen, alles, was ich seit Beginn dieser Zugfahrt, nein, seit Wochen mit mir herumtrage. Wem, wenn nicht dieser fremden Frau, einer zufälligen Bekannten, die ich nach dem Aussteigen am Berliner Hauptbahnhof niemals wieder sehen werde? Alles muss raus, im Schlussverkauf, jetzt oder nie.

"Wir wollten eigentlich die Reise für einen schönen Städtetrip zu zweit nutzen. Einfach mal an nichts denken außer an uns. Hätten wir bitter nötig gehabt. Aber jetzt ist sie weg, Hals über Kopf, und hängt mit irgendwelchen Studienfreundinnen an der Algarve rum. Ich war ihr zu verstockt, zu stumm, zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Das waren ihre Worte. Sie hält es nicht mehr aus, hat sie gesagt."

"Das ist ja hart", sagt die Blondine, und fällt zum ersten Mal sichtbar aus ihrer Rolle. Denn sie findet es wirklich hart, sie kann darauf nichts Lautes, kokettes erwidern.

"Ja, und das ist noch nicht alles. Ina hat sich von mir getrennt, drei Wochen nachdem meine Mutter gestorben ist und ich sie verdammt dringend gebraucht hätte. Sie stand neben mir auf dem Friedhof. Sie wusste, wie sehr mich das alles mitgenommen hat. Aber nun hat sie für sich eben andere Prioritäten gesetzt."

"Oh, das..." Sie blickt sich im Bordbistro um, so als könnten ihr die beiden fränkischen Fußballfans oder ihr restlos betrunkener Begleiter einen wertvollen Ratschlag für Situationen wie diese geben. "Das tut mir echt total leid. Das ist echt eine verdammt miese Nummer."

"Das ist es."

"Ich meine, woran ist... deine Mutter..."

"Darmkrebs."

"Oh nein." Sie ringt nach Worten, und ich kann ihr dabei nicht helfen. Mir fällt auch nichts ein, um dieses Gespräch noch zu retten.

"Kann ich … kann ich irgendwas für dich tun? Dir irgendwie helfen?"

"Danke. Geht schon. Danke fürs Zuhören."

Vor mir steht in diesem Augenblick ein völlig anderer Mensch als noch vor zehn Minuten. Vermutlich habe ich mich in ihr getäuscht, und ich würde wetten, das gilt auch anders herum. Die Blondine zögert noch kurz, dann nimmt sie die Bierflasche vom Tisch, dreht sich zu ihrem Begleiter um und stützt ihn, damit er im Vollrausch nicht hinfällt.
"Also, das klingt jetzt blöd, aber ich muss leider wieder..." "Klar. Mach‘s gut und habt viel Spaß in Berlin."

"Also, wenn du willst, dann komm doch mit uns mit. Wir finden schon noch irgendwo ein Bett für dich, und das wäre doch total lustig! Komm doch jetzt einfach mit! Wird dir guttun, glaube ich." Ich schüttele den Kopf und lasse mir die tollsten Ausreden einfallen, warum das nicht geht, irgendetwas von "bin noch nicht soweit" und "möchte jetzt alleine sein". Sie will noch etwas sagen, lässt es dann aber bleiben und geht, ihren Verehrer hinter sich herschleifend, den Gang hinunter.
Ein seltsamer Moment der Stille geht zu Ende. Ein plötzliches unangenehmes Gefühl zwingt mich, wieder zurück in Richtung meines eigentlichen Platzes zu gehen. Ich will nicht darüber nachdenken, sondern den kurzen Rest der Fahrt nutzen, um mit Hemingway weiter zu kommen.

Der alte Mann im gestreiften Hemd sitzt immer noch unruhig auf seinem Einzelplatz. Hat er sich überhaupt einmal bewegt in den knapp sechs Stunden? Ich versuche zu lesen, doch ich denke immer wieder an Ina und an die Algarve. Und an Menschen, die zwei Gesichter haben. Eines, mit dem man nicht gerechnet hätte.

Die modernen Häuser und Bürotürme der Hauptstadt rücken allmählich ins Blickfeld vor dem Fenster. Die Reise neigt sich dem Ende zu, der Zug fährt unaufgeregt in den gläsernen und hoch aufragenden Hauptbahnhof ein. Wie immer blockieren schon zehn Minuten vor der Ankunft Menschen mit ihrem Gepäck den engen Gang. Sie könnten sitzen bleiben und warten, bis der Zug zum Stillstand kommt, wie normale Leute. Aber sie tun es nicht, sie sind unruhig, sie wollen allen Mitreisenden demonstrieren, dass sie es eilig haben, hier heraus zu kommen. Vermutlich soll jeder sehen, dass draußen in der Stadt wichtige Termine auf sie warten. Sie haben nun, am Ende der langen Fahrt, kein Bedürfnis mehr, so zu tun, als würde sie mit den Mitreisenden auch nur irgendetwas verbinden. Der Smalltalk ist beendet, alle Gemeinsamkeiten beseitigt.

Nachdem ich gewartet habe, bis sich die Schlange aus Dränglern aus dem Waggon gequetscht hat, nehme auch ich mein Gepäck und gehe hinaus auf den Bahnsteig. Schon interessant, so eine Reise durch die Republik, denke ich mir und atme tief ein. Interessant und aufschlussreich. Drohnen, Autisten, Nervtöter und Deplatzierte trennen sich und verlaufen sich im Gewühl. Die Asiaten gehen mit ihren kleinen Koffern zielstrebig durch die Bahnhofshalle auf den Eingang zur U-Bahn zu. Für sie beginnt nun die Zeit des Lernens, des Aufsaugens der Eindrücke. Ich höre laute Stimmen und Gelächter. Die fünf Studenten stehen wenige Meter neben mir auf dem Bahnsteig und sind immer noch extrem angeheitert. Ich gehe in gebührendem Abstand an ihnen vorbei und schaue hinüber zur Blondine. Sie schultert gerade ihren Rucksack und bemerkt meinen Blick. Sie lächelt, ich auch.

(c) 2014 Mark Read ; überarbeitet 2019

Projekt "Best Of": Ich stelle nacheinander meine Lieblings-Kurzgeschichten der Jahre 2013 bis 2017 online. Manche in Originalform, manche leicht überarbeitet. Dies ist Teil 8 der Reihe, hier gibt es alle Texte im Überblick