Alle Jahre wieder geht ein Jahr zu Ende. Dieses Mal wird diese Ehre dem Jahr 2023 zu Teil, und nur die wenigsten werden ihm eine Träne hinterher weinen. Immerhin ließen mir die letzten 12 Monate aber wieder reichlich Zeit zum Lesen. Und ich habe dieses Angebot weidlich genutzt, wie die Liste meiner gelesenen Bücher zeigt.

Die Statistik lügt nicht: 31 gelesene Bücher habe ich in meiner Liste für 2023 festgehalten. Das sind ein paar weniger als noch im Jahr 2022, aber immerhin mehr als 2021, dem ersten Jahr, in dem ich blöd genug war, eine Liste zu führen.

Qualitativ war die Bandbreite diesmal hoch. Ich habe einige Male die Bewertung "herausragend" vergeben, aber ein Buch kam hingegen nicht über "na ja" hinaus. Ein "geht so" ist auch dabei. Ein Highlight, das mir im Gedächtnis blieb, war Joachim B. Schmidts "Tell" - der Klassiker-Stoff als knallharter Actionreißer. Als Entdeckung des Jahres kann sicherlich Dörte Hansen gelten. Ich hatte die Bestseller-Bücher dieser Autorin natürlich schon des Öfteren auf Bücherstapeln in Buchhandlungen liegen sehen, doch habe immer einen Bogen um sie gemacht. Vielleicht war diese ablehnende Haltung von Erfolg meiner Punk-Vergangenheit geschuldet - jedenfalls war sie ein großer Fehler, wie sich dieses Jahr zeigte. Ich habe alle drei bisher veröffentlichten Romane von Dörte Hansen nacheinander gelesen und war schwer begeistert.

Doch genug der Vorrede, hier kommt endlich die Liste. Angegeben ist jeweils der Monat, in dem ich das betreffende Buch ausgelesen habe.

Januar

Maria Lazar - "Leben verboten!"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Dieser Roman ist bereits 1934 erschienen – allerdings auf Englisch und vom schwedischen Exil aus. Seine Verfasserin Maria Lazar musste, wie so viele andere jüdische Autoren, vor den Nazis ins Ausland fliehen. Die österreichische Autorin geriet über Jahrzehnte völlig in Vergessenheit und wurde erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt. „Leben verboten!“ ist 2020 erstmals in vollständiger Originalfassung auf Deutsch veröffentlicht worden – und das ist ein Glück. Auch wenn der Nationalsozialismus nie wörtlich erwähnt wird, prägt sein Erstarken die gesamte faszinierende Handlung, die im Jahr 1932, also am Vorabend der Machtergreifung spielt. Das Verwirrspiel um den totgeglaubten Bänker Ernst von Ufermann, der aber nie das abgestürzte Flugzeug bestiegen hatte und nun im Untergrund ein anderes Leben lebt, ist unglaublich stark erzählt. Maria Lazar schreibt wie eine Mischung aus Oskar Maria Graf und Arthur Schnitzler – was ja auch gut zu ihrer Wiener Herkunft passt. Neben der (spannenden) Handlung spielt bei ihr auch immer die Psyche ihrer Charaktere eine Rolle, und sie lässt die Erzählstimme meisterhaft immer in andere Köpfe schlüpfen, aus deren Sicht dann erzählt wird. „Leben verboten!“ ist ein großer Lesegenuss.

Joachim B. Schmidt - "Tell"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Ein Roman wie ein Actionfilm! Die „Tell“-Adaption von Joachim B. Schmidt könnte gar nicht weiter entfernt von zähem Klassiker-Stoff á la Schiller sein. Der Klappentext verspricht nicht zu viel: Er greift nach den „Schweizer Kronjuwelen“ und presst ihn in eine atemlos inszenierte Story, die sich fast schon wie ein Thriller liest. Besonders zwei Aspekte haben mich fasziniert: zum einen, wie gekonnt Schmidt die Erzählperspektive einsetzt: jedes der kurzen, knappen Kapitel ist aus der Sicht von einem anderen Protagonisten geschildert und treibt trotzdem die Handlung voran. Zweitens, dass er sich nicht davor scheut, dem strahlenden Helden Wilhelm Tell unsympathische, schroffe und gar gewalttätige Züge zu verleihen. Und ihn zu psychologisieren. Ein großartiger Roman, den ich jedem bedingungslos weiterempfehlen würde.

Florian Scherzer - "Selbstmordhunde"

Bewertung: geht so

Kommentar: Ich hatte mir von diesem Roman viel erwartet – vielleicht zu viel. Als großer Fan seines Debütromans „Neubayern“ war ich sehr gespannt auf Florian Scherzers drittes Werk. Doch „Selbstmordhunde“ hat mich am Ende verwirrt zurückgelassen. Kein kompletter Fehlschlag, ganz gewiss nicht – dazu ist die Story-Idee zu gut und besonders das Finale zu packend. Aber eben nicht so gut, wie er sein könnte, und auch nicht so gut wie der Vorgänger-Roman „Zeppelinpost“. Mir kam es zwischendrin vor, als hätte sich Scherzer von seiner Idee mitreißen lassen, im München des Jahres 1978 drei Sprecher von Jugend-Detektiv-Hörspielen in einem realen Vermisstenfall ermitteln zu lassen, und dabei sind die Pferde mit ihm durchgegangen. Plötzlich trifft Science-Fiction-Wahn auf Kriminalfall, geschichtlicher Exkurs auf persönliches Drama. Das war zu viel. Gegen Ende hin reißt er sich dann zwar zusammen und kriegt ein bewegendes, packendes Finale hin. Aber insgesamt bin ich von „Selbstmordhunde“ etwas enttäuscht. Trotz der genialen Idee, das im Buch vorkommende Hörspiel auch real anhörbar zu machen. Kleiner Zusatz: die enorm vielen Tippfehler und falschen Satzzeichen haben zum Genuss des Romans leider auch nicht beigetragen. Und dass der Buchtitel auf dem Buchrücken falsch geschrieben wird (nämlich „Sebstmordhunde“) darf eigentlich nicht passieren...

Wolf Haas - "Brennerova"

Bewertung: gut

Kommentar: Ob du es glaubst oder nicht: eigentlich liest man einen Brenner-Roman nicht einfach so. Weil besonderes Leseerlebnis. Ich natürlich entsprechend gespannt gewesen auf „Brennerova“, den 2014 erschienen x-ten Teil der Reihe. Wer einmal dem Erzählton von Wolf Haas verfallen ist, der kommt davon nicht mehr los. Kokain kein Vergleich, ja was glaubst du. Aber, obacht: auch wenn der Erzählton bei „Brennerova“ wieder so einmalig und genial ist wie bei allen anderen Haas-Krimis davor – die Story zündet nicht so richtig. Ich als Leser natürlich bisschen enttäuscht, weil Erwartung höher gewesen, und so weiter. Dabei geht es richtig stark los. Aber mittendrin zerfasert sich die eigentliche Handlung in mehrere Stränge, die am Ende ein bisschen gezwungen wieder zusammenlaufen. Schade ist das ja schon, weil der Brenner diesmal sogar geheiratet hat. Aber Fazit gezogen: schlecht ist „Brennerova“ deswegen nicht – sogar ein nicht überragender Krimi von Wolf Haas ist meilenweit besser als die meisten anderen deutschsprachigen Krimis.

Februar

Agatha Christie - "Morphium"

Bewertung: gut

Kommentar: Unglaublich, aber wahr: mein allererster Roman von Agatha Christie. Dabei habe ich ja eigentlich eine Vorliebe für Krimis der „alten Schule“ (siehe Simenon). Seltsam, dass ich bis jetzt um einen ihrer zahlreichen Klassiker herumgekommen bin. „Morphium“ ist ein Roman mit Hercule Poirot als ermittlender Figur. Wobei Poirot eigentlich erst ab der Hälfte des Romans überhaupt vorkommt. Zuvor baut Christie angenehm zurückhaltend den Plot auf, und das liest sich streckenweise wie ein – durchaus interessanter – Familienroman. Der eigentliche Mord kommt recht überraschend, und dass es die beschuldigte Elinor Carlisle nicht gewesen sein kann, ist relativ klar. Trotzdem hält Christie die Spannung bis zum Schluss aufrecht, weil im Grunde alle Möglichkeiten offen sind. Es hat schon seinen Grund, warum Agatha Christie als Großmeisterin des Kriminalromans gilt – sie versteht ihr Handwerk, das merkt man „Morphium“ auf jeder Seite an. Der Roman ist über 80 Jahre alt und liest sich trotzdem nicht altbacken. Aber natürlich gilt auch: man muss diese eher beschauliche Art schon mögen.

Joey Goebel - "Ich gegen Osborne"

Bewertung: gut

Kommentar: Eigentlich gibt es vieles, was ich an diesem High-School-Roman großartig finde. James Weinbach, die bitterböse Hauptfigur mit seiner unverhohlenen Verachtung für seine Mitschüler, die Gesellschaft und die Kultur der Gegenwart (im Jahr 1999), hat mich tatsächlich in manchen Punkten an mich selbst in der Kollegstufe erinnert. Ich war sicher nicht so zynisch wie James und trug auch keinen Anzug mit Krawatte, um mich von meinen Baggy-tragenden Mitschülern abzugrenzen. Aber ich empfand damals auch stark die Leere der Gegenwartskultur im Vergleich zu einer weitaus lebhafteren Jugendkultur der vorigen Generation. Und das mit dem Liebeskummer wegen der von ihm angebeteten Chloe, die sich für den (auf den ersten Blick) hirnlosen Mitschüler entscheidet – das hat James Weinbach auch nicht exklusiv. Joey Goebel schafft es, das Tempo hochzuhalten und seinen Protagonisten im Verlauf eines Schultags in immer neue Verstrickungen geraten zu lassen. Aber, und das ist der Grund, warum ich den Roman „nur gut“ finde: „Ich gegen Osborne“ krankt meiner Meinung nach ab etwa der Hälfte des Romans daran, dass es einfach zu viel wird. James' zynische Art ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr so ganz angemessen. Selbst als sich Mitschüler als ungeahnt gehaltvoll entpuppen und ihm in schwieriger Lage beistehen, schafft er es nicht, seine leicht arrogante Überheblichkeit abzuschütteln. Ein bisschen mehr Charakterzeichnung hätte dem Buch ab da nicht geschadet. Spaß gemacht hat es trotzdem – einen Protagonisten wie James Weinbach findet man zwischen Buchdeckeln nicht oft.

Axel Hacke - "Ein Haus für viele Sommer"

Bewertung: gut

Kommentar: Ein wunderbares Porträt des Lebens in einem Dorf auf einer italienischen Insel. Man muss dazu wissen, dass das Dorf Capoliveri heißt und die Insel Elba – Axel Hacke ist dort (Mit-)Besitzer eines Ferienhauses, und das seit Jahrzehnten. Da ich selbst schon in Capoliveri war und die einzigartige Stimmung in diesem wunderschönen Flecken Erde – auf einem Bergrücken hoch über dem Meer – kennengelernt habe, war mir klar, dass ich Hackes Buch lesen musste. Es gibt darin viele wirklich großartige Stellen, zum Teil auch durchaus melancholisch eingefärbt, was aber zur Atmosphäre passt. Viele Anekdoten sind sehr unterhaltsam, andere fallen ein bisschen ab. Langweilig ist dieses Buch aber zu keiner Sekunde. Und zumindest bei mir hat es das Fernweh ordentlich angestachelt.

März

Georges Simenon - "Betty"

Bewertung: mittel

Kommentar: Einer der schwächeren Simenons. Ein extrem düsterer Roman, was an sich aber kein Problem wäre. Auch andere Nicht-Maigret-Romane von Simenon wie „Die Fantome des Hutmachers“ oder „Der Schnee war schmutzig“ haben eine sehr dunkle Atmosphäre und sind trotzdem großartig. Bei „Betty“ war es mir aber zu viel der tristen Melancholie. Die Hauptfigur, die ihre bürgerliche Existenz als Ehefrau eines reichen Anwalts aufs Spiel setzt und sich schließlich bewusst „dreckig macht“, besäuft und in verlotterten Bars versackt, hat sich mir nie so ganz erschlossen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich während der Lektüre zu viel anderes um die Ohren hatte und mich nie so richtig konzentrieren konnte, aber: „Betty“ hat mich stellenweise eher gelangweilt als beeindruckt.

Matthias Brandt - "Blackbird"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Positive Überraschung und ein über weite Strecken fantastischer Coming-of-Age-Roman mit wunderbar lakonischer Sprache. Ich kenne und schätze Matthias Brandt als Schauspieler schon seit Jahrzehnten, aber hatte (vermutlich eben deshalb) keine übertrieben hohen Erwartungen an seinen ersten Roman. Doch „Blackbird“ ist ein hinreißend gutes Buch. Geschildert aus der Sicht von Morten, genannt „Motte“ Schuhmacher, der in einer provinziell anmutenden Kleinstadt Ende der 1970er Jahre nicht nur die (genretypische) erste Liebe verarbeiten muss, sondern auch eine schwere Krankheit seines besten und einzigen Freundes. Er scheitert in fast jeder Hinsicht und weiß das auch. Er kommt aus einem weitgehend kaputten Elternhaus und akzeptiert auch das – und doch wächst er an seinen Herausforderungen. Brandt kann wirklich mitreißend schreiben, besonders ist das an der Sterbeszene von Mottes bestem Freund Bogi zu merken, wo der Kloß im Hals nicht zu leugnen war. Wäre das Ende von „Blackbird“ noch etwas prägnanter ausgefallen, dann wäre meine Begeisterung noch größer gewesen. Aber auch so: ein wirklich toller Roman.

Umberto Eco - "Nullnummer"

Bewertung: gut

Kommentar: Umberto Ecos letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman ist sein prägnantester, kürzester und vielleicht auch ungewöhnlichster. Eine Mischung aus Polit-Krimi und Geschichtswerk über die Entwicklung Italiens nach der Mussolini-Ära bis zum Aufkommen der populistischen Tycoons á la Berlusconi. Die Handlung spielt Anfang der 1990er vor dem Hintergrund des Aufstiegs Berlusconis. Ecos einmaliger Intellekt und die souveräne Erzählweise, die alle seine Romane so besonders macht – also seine Markenzeichen – sind natürlich auch bei „Nullnummer“ zu finden. Manchmal hätte der Handlung noch etwas mehr „Drive“ gut getan, der Roman balanciert hier und da an der Grenze zum Plauderhaften. Aber gut unterhalten hat mich „Nullnummer“ allemal. Und die im Buch von einer Figur lang und breit ausgebreiteten Verschwörungstheorien über die Macht der Geheimdienste und den nur vorgetäuschten Tod Mussolinis 1945 passen ja irgendwie auch gut in unsere verwirrte Zeit.

Maria Lazar - "Die Eingeborenen von Maria Blut"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Auch der zweite wiederentdeckte und neu aufgelegte Roman der lange Zeit völlig vergessenen österreichischen Schriftstellerin hat mir außerordentlich gut gefallen. Ursprünglich im Jahr 1935 veröffentlicht, spielt „Die Eingeborenen von Maria Blut“ in einer österreichischen Provinzstadt zur Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus. Dieser sehr dialoglastige Roman mit mehreren handelnden Personen zeigt brillant, in welchem Boden die von den Nazis gesäte Hass-Pflanze so wunderbar gedeihen konnte. Frömmigkeit, Wunderglaube an den „Erlöser“, Hass auf alles Fortschrittliche und Fremde, Antisemitismus und Kleingeistigkeit gehen in Maria Blut Hand in Hand. Maria Lazar hatte wohl schon deutlich früher als viele Mitbürger erkannt, wie anfällig ihre Nation (und nicht nur ihre) für das Gift der Nazis war. Sie floh schon 1933 nach Dänemark – auch wegen ihrer jüdischen Herkunft. Ich fand „Die Eingeborenen von Maria Blut“ fast noch spannender und packender als „Leben verboten!“, obwohl beide Romane sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Neben Feuchtwangers „Erfolg“ und Oskar Maria Grafs „Unruhe um einen Friedfertigen“ habe ich keinen anderen Roman gelesen, der das Setting, in dem der Nationalsozialismus Fuß fassen konnte, so gut beschreibt.

April

Philipp Winkler - "Hool"

Bewertung: extrem gut

Kommentar: Ein erschütternder, knallharter, ganz toller Roman. Philipp Winklers Blick auf die brutale Hooligan-Szene durch die Augen des Protagonisten Heiko Kolbe und seiner Blutsbrüder ist nicht immer leichte Kost, aber unbedingt lesenswert. Nein, man muss die Art zu Leben der Hooligans keineswegs gutheißen. Man kann und muss ihre Gewaltverherrlichung ablehnen und ihre Männlichkeitsrituale lächerlich finden. Das ändert aber nichts daran, dass diese Menschen existieren und dass es so erfrischend wie wichtig ist, auch über solche Randfiguren der bürgerlichen Gesellschaft zu lesen. Zumal Philipp Winkler mit „Hool“ nicht nur ein Szeneporträt geschrieben hat, sondern auch einen packenden Roman, der auf mehreren Ebenen funktioniert – auch als Beschreibung der dysfunktionalen Familie Heiko Kolbes.

Ewald Arenz - "Das Diamantenmädchen"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Nachdem mich „Der große Sommer“ begeistert hat wie kaum ein anderes Buch in den letzten Jahren, wollte ich unbedingt auch ältere Romane von Ewald Arenz lesen. „Das Diamantenmädchen“ von 2011 ist ein Kriminalroman, der im Berlin der 1920er Jahre angesiedelt ist. Zwar erreicht dieses Werk – verständlicherweise – nicht ganz die emotionale Wucht und lässige Eleganz von „Der große Sommer“, ist aber trotzdem ein großer Genuss. Dass Arenz im „echten Leben“ Geschichtslehrer ist, merkt man an den wunderbar recherchierten und in die Handlung eingebauten Alltagsbeobachtungen aus den „wilden 20ern“. Die Krimihandlung ist mehr als nur solide, frei von blutiger Effekthascherei, und mit Lili Kornfeld hat Arenz eine interessante und lebendige Hauptfigur geschaffen. Mein zweiter Arenz-Roman und der zweite Volltreffer.

Juni

Clemens J. Setz - "Monde vor der Landung"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: „Monde vor der Landung“ gibt die Lebensgeschichte des Weltkriegs-Veteranen und Schriftstellers Peter Bender wider, der ein glühender Verfechter der „Hohlwelt-Theorie“ war. Er war also überzeugt davon, dass wir in Wahrheit im Inneren der Erdkugel leben und nicht auf ihr. Nachdem er sich und seine Familie mehr recht als schlecht durch die Wirren der Weimarer Republik gebracht hat, wird ihm die Machtergreifung der Nazis zum Verhängnis. Denn seine Frau Charlotte ist Jüdin, und er selbst den Machthabern suspekt. Angesichts der Thematik mag es seltsam klingen, aber: „Monde vor der Landung“ ist vielleicht Clemens Setz' zugänglichstes und am wenigsten verschrobenes Buch. Was keineswegs heißt, dass er nicht auch hier seine unglaubliche Wortgewalt spielen lässt. Es gibt kaum einen Schriftsteller, der so virtuos mit schief wirkenden Sätzen perfekte Bilder im Kopf erzeugt. Der Roman liest sich auch packend und schafft es, seinen Protagonisten trotz seines offensichtlichen Sprungs in der Schüssel nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein paar Längen hier und da nimmt man gerne in Kauf für ein solches Lesevergnügen.

Castle Freeman - "Auf die sanfte Tour"

Bewertung: gut

Kommentar: Ein entspannter, zurückgenommener und charmanter Krimi, der trotz des eher gemütlichen Tempos keineswegs langweilt. Nach einem Einbruch in einem abgelegenen Landhaus in Vermont vermissen die Eigentümer ihren Safe. Dass die Eigentümer zur Russenmafia gehören und keineswegs zimperlich sind, merkt Sheriff Wing schnell. Castle Freeman skizziert den Protagonisten als einen, der um jeden Preis kühlen Kopf bewahren will, während um ihn herum alle nervös werden und durchdrehen – inklusive seines engsten Mitarbeiters. Was „Auf die sanfte Tour“ so interessant macht, ist, dass der Sheriff selbst immer wieder unsicher ist – nicht zuletzt als er merkt, dass auch seine Frau in den Fall involviert ist. Sicherlich ist „Auf die sanfte Tour“ kein einmaliges Meisterwerk, aber Spaß gemacht hat das Lesen allemal.

Ewald Arenz - "Alte Sorten"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Ich bin ja generell immer etwas skeptisch, wenn ein Werk von allen Seiten mit Lob überschüttet wurde. Trotzdem kann ich nach dem Beenden von „Alte Sorten“ festhalten, dass ich einen absolut großartigen Roman gelesen habe. Ewald Arenz' großer Durchbruchsroman ist tatsächlich genau so filigran, bewegend und handwerklich herausragend wie der Nachfolger „Der große Sommer“, der mich letztes Jahr so begeistert hat. Im Gegensatz zum eher jugendlich-frischen „Großen Sommer“ ist „Alte Sorten“ ein sehr stilles, zurückhaltendes Werk. Was vor allem an den Protagonistinnen liegt, die viel Ballast mit sich herumschleppen und nicht in der Lage sind, ihn angemessen zu artikulieren: die wütende, aggressive Schülerin Sally, die aus einer Privatklinik geflohen ist, in der sie wegen selbstverletztendem Verhalten saß. Und die Einzelgängerin Liss, die den alten Hof ihres Vaters alleine bewirtschaftet und bei der Sally Unterschlupf findet. Wie Ewald Arenz etwa ab der Mitte des Romans den Fokus von Sallys verkorkstem Familienleben langsam hin zu Liss' dunkler Vergangenheit lenkt, ist meisterhaft. Am Ende war ich in einem Sog wie schon lange nicht und habe die letzten 80 Seiten geradezu verschlungen.

Juli

Dror Mishani - "Vermisst"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Der erste Roman Dror Mishanis aus dem Jahr 2011 kommt zwar nicht ganz an sein immer noch überragendes Meisterwerk „Drei“ hin – aber fast. „Vermisst“ ist ein atmosphärisch sehr dichtes, stellenweise düsteres Erstlingswerk, das mit Avraham „Avi“ Avraham eine sehr interessante Ermittlerfigur einführt. Wie das melancholische, an seiner Gegenwart verzweifelnde Pendant zu Maigret kommt dieser Ermittler daher. Als er zu Beginn des Romans die Sorgen der Mutter des vermissten Jungen Ofer nicht ernst nimmt und dies später erkennt, lässt ihn sein Fehler nicht mehr los. Er verstrickt sich aus persönlicher Betroffenheit immer tiefer in den Fall, so dass ihn dieser am Ende fast mit reißt. „Vermisst“ bezieht seine Spannung zu einem großen Teil aus langen Dialogszenen, die Mishani aber so gekonnt konstruiert, dass sie nie überladen wirken. Zudem legt er ständig falsche Fährten, dies aber so subtil, dass es nie effekthascherisch daherkommt. Ein wunderbarer Krimi, der, nach einer gewissen Aufwärmphase, kaum noch aus der Hand zu bekommen war.

August

Ian McEwan - "Abbitte"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Es ist lange her, dass ich die Verfilmung dieses Romans mit Keira Knightley gesehen habe. So lange, dass ich kaum noch wusste, worum es darin eigentlich geht. Und nachdem ich Ian McEwans bekanntestes Werk nun gelesen habe, bin ich mir sicher, dass ich das, entgegen meiner Erinnerung, zuvor nicht schon einmal getan hatte. Zumindest kam mir die Handlung nicht bekannt vor – was es mir umso leichter machte, mich von der packenden Story fesseln zu lassen. Dabei muss man anfangs durchaus einen langen Atem mitbringen, denn McEwan lässt es im ersten Drittel des Romans gemächlich angehen. Er führt in langen Abschnitten die handelnden Personen wie die dreizehnjährige Briony, ihre ältere Schwester Cecilia und deren Angebeteten Robbie ein. Doch wie er dann in einer einzigen Szene den Kern des gesamten, sich entfaltenden Dramas sät, ist meisterhaft. Zumal im Anschluss die – einige Jahre später spielende – Story rasant und wuchtig fortgeführt wird. Das Ende bietet dann noch einmal einen großartigen Kniff, zu dem nur große Autoren in der Lage sind. „Abbitte“ ist zu Recht ein gefeierter Roman und ich bereue in keinster Weise, ihn nun endlich gelesen zu haben.

September

Dörte Hansen - "Mittagsstunde"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Was für ein wunderbarer, lakonischer und doch aufwühlender Roman. „Mittagsstunde“ schildert betont unaufgeregt die Geschichte eines kleinen Dorfes in der norddeutschen Provinz über viele Jahrzehnte hinweg – und parallel die Versuche eines aus diesem Dorf stammenden und von dort „entkommenen“ Wissenschaftlers, seine Gefühle gegenüber der Heimat in den Griff zu bekommen. In wunderbarer, unaufgesetzter Sprache wirft Dörte Hansen Schlaglichter auf verschiedene Menschen aus dem Dorf in bestimmten Situationen. Sie entwirft so ein Puzzle, das sich Stück für Stück zusammensetzt und deutlich macht, wie unsere moderne Welt das typische Dorfleben nach und nach erodiert hat. Das betrifft nicht nur das (offenbar fiktive) Brinkebüll in der norddeutschen Geest, sondern trifft gewiss in bestimmten Teilen auf Dörfer in anderen Teilen Deutschlands zu. Ich komme selbst vom Dorf, und auch wenn dieses mit Brinkebüll kaum zu vergleichen ist, konnte ich vieles von dem, was Dörte Hansen so wunderbar schildert, gut nachvollziehen. „Mittagsstunde“ ist ein Juwel von einem Roman, und die Lobeshymnen auf seine Autorin vollauf berechtigt.

Kazuo Ishiguro - "Bei Anbruch der Nacht"

Bewertung: gut

Kommentar: Diesen Erzählband kaufte ich auf Rügen aus einer Grabbelkiste als Mängelexemplar. Die 3 Euro investierte ich gerne, da mir der Klappentext fünf Erzählungen versprachen, die sich um das Thema Musik drehen. Außerdem hat mich Kazuo Ishiguros Roman „Was vom Tage übrig blieb“ sehr begeistert – und einen Nobelpreisträger liest man sowieso immer gerne. Trotzdem: Mir kam „Bei Anbruch der Nacht“ zwar gefällig und stellenweise durchaus unterhaltsam vor – aber das Gefühl von großer, bewegender Literatur stellte sich bei mir nicht ein. Man merkt, dass Ishiguros die Musik liebt und über Cellisten und Saxofonisten genauso gut schreiben kann wie über einen US-Schnulzensänger. Doch mir fehlte, um im Bild zu bleiben, der überraschende Break im Mittelteil der Songs. Es lief insgesamt zu gleichmäßig dahin.

Robert Seethaler - "Ein ganzes Leben"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Nach etwa acht oder neun Jahren habe ich dieses Buch zum zweiten Mal gelesen. Anlass: die Verfilmung, die im November im Kino anläuft. In meiner Erinnerung hat mich „Ein ganzes Leben“ beeindruckt wie kaum ein Roman davor oder danach und ich habe ihn im Laufe der Jahre mehreren Leuten ans Herz gelegt. Aber klar kann ein Buch beim zweiten Lesen eigentlich nur verlieren, wenn die eigene Erwartungshaltung so hoch ist. Dann muss man sich womöglich eingestehen, dass man die Qualität verklärt hat oder man inzwischen über die Handlung anders denkt als damals. Von wegen! „Ein ganzes Leben“ hat mich ganz genauso so begeistert wie beim ersten Mal. Es ist schwer zu begreifen, wie Robert Seethaler es fertig bringt, in diesem schmalen Werk eine so bewegende, tiefgründige und absolut glaubhafte Lebensgeschichte eines einfachen „Mannes aus den Bergen“ zu erzählen – ohne jemals in irgendeine Klischeefalle zu tappen. Andreas Egger ist in seiner Widersprüchlichkeit, Engstirnigkeit, Verschrobenheit und oft auch Hilflosigkeit eine durch und durch authentische Figur. Und wie Seethaler anhand seines Lebens, das sich etwa von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er erstreckt, Zeitgeschichte erzählt, ist atemberaubend. Wie die Seilbahnen, der Strom und die Touristen in die Berge kamen, wie die Einheimischen lernten, sich anzupassen oder weggeschwemmt zu werden – und wie Menschen sich verändern. Ich liebe diesen Roman. Große Literatur auf wenigen Seiten.

Joachim B. Schmidt - "In Küstennähe"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Mein dritter Roman von Joachim B. Schmidt – und der dritte Volltreffer. „In Küstennähe“ erschien ursprünglich 2013 als sein Debütroman und wurde jetzt von Diogenes neu veröffentlicht. Es geht darin um den Hausmeister-Gehilfen Larús, der in einem Altenheim jobbt, aber nebenbei mit Drogendealen jede Menge Geld scheffelt. Im Altenheim trifft er auf den senil wirkenden Grimúr, genannt „der Schlächter“, der angeblich vor vielen Jahren seine Schwester ermordet haben soll. In unwiderstehlichem, teils lockerem Ton führt Schmidt diese beiden ungleichen Protagonisten zusammen und lässt sie nach und nach erkennen, dass sie mehr verbindet, als sie wahrhaben wollen. Angesiedelt in der Einöde der Westfjorde Islands, hat „In Küstennähe“ sowohl etwas von einem exotischen Abenteuerroman als auch von einer Coming-of-Age-Geschichte. Ein super Roman, der mich so gefesselt hat, dass ich ihn in nur 5 Tagen komplett ausgelesen hatte.

Oktober

Dörte Hansen - "Zur See"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Aus der Bücherei geliehen: nach der grandiosen Leseerfahrung mit „Mittagsstunde“ wollte ich unbedingt den neuesten Roman dieser Autorin auch noch lesen. Auch in dieser rauen und schnörkellosen Nordsee-Geschichte ist es ihre Sprache, die das Buch auf das höchste Level hebt. Dörte Hansen schreibt ohne jedes Pathos, ohne aufgesetzte Empathie, in oft knappen Sätzen – aber lässt ihre Charaktere trotzdem fühlen, leiden und leben. Mir fällt außer Friedrich Ani kein anderer deutschsprachiger Autor ein, der so meisterhaft ohne jede Ausschmückung schreibt. In „Zur See“ erzählt Hanson frei von jeglicher Inselromantik von dem Leben auf einer namentlich nicht benannten Nordseeinsel. Mich erinnerten viele Elemente an Amrum, es könnte aber genauso gut eine ostfriesische Insel sein. Der Verfall der Familie Sander und ihr Auseinanderbröckeln spiegelt das Auflösen der Inselgemeinschaft wider, die unter dem Druck des Tourismus erstickt. Keine Wohnungen mehr für Einheimische, eine fast ausschließlich auf Gäste ausgerichtete Infrastruktur und die Abwanderung der meisten jungen Insulaner – Dörte Hansen lässt zwar kaum ein gutes Haar am Tourismus, verkneift sich aber jede Moralkeule. Die Entwicklung ist, wie sie ist, das weiß sie genauso gut wie die Figuren in diesem großartigen Roman. Auch wenn er stellenweise schwer auszuhalten ist in seiner Gnadenlosigkeit – er ist erneut ein grandioses Lesevergnügen.

Martin von Arndt - "Der Tod ist ein Postmann mit Hut"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Wann habe ich zuletzt ein Buch innerhalb von 48 Stunden ausgelesen? Habe ich das überhaupt schonmal? Dieser Zufallsfund aus der Pfarrbücherei hat mich begeistert wie nur wenige Romane zuvor. Ich liebe Bücher, die Rätsel aufgeben und auf intelligente und gewitzte Weise versuchen, diese aufzulösen. Selbst, wenn das wichtigste Rätsel in „Der Tod ist ein Postmann mit Hut“ am Ende gar nicht aufgelöst wird: wer schickt denn nun dem geschiedenen und lethargisch vor sich hin lebenden Musiker Julio jeden Monat ein leeres Blatt Papier als Einschreiben? Martin von Arndt hat die innere Verlorenheit dieses gestrandeten Menschen grandios erfasst und schafft es, in seinem Roman keine Sekunde zu langweiligen.

Jennifer Egan - "Der größere Teil der Welt"

Bewertung: na ja

Kommentar: Über diesen Roman hatte ich schon so viel Gutes gehört und gelesen, dass die Erwartungen womöglich zu hoch waren. Ich fand ihn stellenweise interessant, aber über weite Strecken auch eher dröge. Mit den wechselnden Hauptfiguren bin ich nie so richtig warm geworden, vielleicht weil sie auch nicht sonderlich interessant geschildert sind. Seltsam, denn eigentlich müsste mich die Thematik von „Der größere Teil der Welt“ genau ansprechen: eine Hauptrolle spielt schließlich die Musik, genauer gesagt die Punk-Bewegung in den USA der frühen 1980er Jahre. Aber ich habe den Zugang zu diesem – immerhin mit dem Pulitzer-Preis gekrönten – Roman nie gefunden.

November

Owen Sheers - "I Saw a Man"

Bewertung: nicht beendet

Kommentar: Irgend etwas hat mich an diesem Buch so gestört, dass ich es etwa nach der Hälfte weggelegt habe. Ein sich sehr langsam entwickelnder Thriller mit einem, wie ich finde, sehr trägen und passiven Protagonisten. Es hat nicht gezündet.

Dörte Hansen - "Altes Land"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Dörte Hansens Debütroman hat mich genauso begeistert wie die anderen beiden, die ich – in fast umgekehrter Chronologie – zuerst gelesen habe. Unglaublich, dass diese wunderbare Autorin mit ihrer lakonischen und doch fesselnden Erzählweise so lange an mir vorbei gegangen ist. In „Altes Land“ behandelt sie Themen wie Vertreibung, Stadtflucht, Sehnsucht nach dem „romantischen Landleben“ und das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören – und das alles extrem souverän und intelligent.

Robert Seethaler - "Das Café ohne Namen"

Bewertung: gut

Kommentar: Nachdem mich Seethalers Nachfolgewerke zu seinem Meisterwerk „Ein ganzes Leben“ nie so ganz überzeugen konnten, kann ich nun festhalten, dass sein neuester Roman „Das Café ohne Namen“ sehr gelungen ist. Er erreicht zwar nicht die lakonische Wucht von „Ein ganzes Leben“, ist aber trotzdem eine wunderbar zu lesende Erzählung über das Wien der 1960er und frühen 1970er Jahre. Ein Zeitalter, in dem viel Altes verschwand und Platz machte für das, was wir heute für selbstverständlich halten. Eingeflochten in die Perspektive des jungen Cafébetreibers Robert Simon sind immer wieder Nebenstränge mit anderen Figuren, die teils sehr berührend sind (zum Beispiel das tragische Schicksal von Mila und Robert und ihrem ungeborenen Kind).

Dezember

Michel Decar - "Tausend deutsche Diskotheken"

Bewertung: sehr gut

Kommentar: Zum zweiten Mal gelesen nach 2019. Damals hörte ich Michel Decar bei den Wortspielen in München live aus dem Roman lesen, mit dem er kurz darauf den Wortspiele-Preis gewann. Ich fand „Tausend deutsche Diskotheken“ schon damals großartig und höchst unterhaltsam. Und weil ich diesen wilden 80er-Jahre-Krimi in so guter Erinnerung hatte, überkam mich jetzt die Lust, ihn nochmal zu lesen. Der Unterhaltungsfaktor war genauso hoch wie beim ersten Mal. Michel Decar hat eine einmalige Erzählperspektive gefunden, mit der er die wilde und zunehmend ins paranoide abdriftende Detektivgeschichte um den Privatermittler Frankie schildert.

Erich Kästner - "Fabian"

Bewertung: herausragend

Kommentar: Ein zeitlos grandioser Roman, den ich ohne konkreten Anlass vermutlich nicht gelesen hätte. Dieser Anlass war, dass ich Karten für die Theateraufführung dieses Stoffs im Volkstheater München hatte. Ich bin aber froh über den Anlass, diesen fast 100 Jahre alten Großstadtroman zu lesen. Erich Kästners Sprache klingt erstaunlich, fast schon erschreckend frisch und zeitgemäß. Und nicht nur das, sie ist auch noch gewitzt, ironisch und auf allerhöchstem Niveau unterhaltsam. Gleichzeitig hebt „Fabian“ nie hochnäsig den Zeigefinger. Betont unromantisch lässt er seine Protagonisten an einer Zeit scheitern, die der heutigen (leider) gar nicht so unähnlich ist. Die Menschen sind überreizt, nervös, orientierungslos und angesichts der drohenden Gefahr einerseits wie gelähmt, andererseits hektisch. Jakob Fabian und sein bester Freund Labude können in dieser Welt aus verschiedenen Gründen nicht existieren.

Walter Kappacher - "Der Fliegenpalast"

Bewertung: gut

Kommentar: Ein absoluter Zufallskauf: beim Bücherflohmarkt der Kinderkrebshilfe Sonnenherz in Freising fand ich den Klappentext dieses Romans interessant genug, um ihn mitzunehmen. Weder vom Autor noch vom Roman hatte ich je zuvor gehört – und erst hinterher habe ich erfahren, dass Walter Kappacher für dieses Werk 2009 den Georg-Büchner-Preis erhielt. „Der Fliegenpalast“ erzählt eine Episode aus den letzten Lebensjahren Hugo von Hofmannsthals. Er besucht, unter einer Schreibblockade und an Selbstzweifeln leidend, den Urlaubsort seiner Jugend in den Salzburger Alpen. Nicht nur der Ort hat sich seit seinem letzten Besuch rasant verändert – das ganze Land, ja die ganze Welt scheint für Hofmannsthal aus den Fugen geraten. Kappacher erzählt in betont gemächlicher und langsamer Weise aus einer aufregenden Zeit Ende der 1920er Jahre. Man darf keinen Actionthriller erwarten, vieles der Handlung spielt sich eher im Inneren ab. Aber durch die wunderbare Sprache und die perfekt beschriebene Umgebung und Epoche (über die ich immerhin meine Germanistik-Abschlussprüfung ablegte) hat mich das Buch dennoch gepackt.

Und jetzt?

Wie, und jetzt? 2023 ist vorbei, doch die gute Nachricht lautet: ein neues Jahr steht schon in den Startlöchern. Es hört auf den Namen 2024 und bietet aller Voraussicht nach wieder mehr als genug Anlässe zum Lesen. Und sei es nur, um der oft ja schwer erträglichen Wirklichkeit ein paar Stunden lang die kalte Schulter zu zeigen.