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Mark Read
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Oberbayern vs. Pitcairn

Mich faszinieren Inseln. Nichts finde ich anziehender als den Gedanken, ringsum vom Meer umgeben zu sein, quasi im Einklang mit den Naturgewalten. Wenn die Insel dann auch noch klein ist und abgelegen, noch besser. Im Grunde kann es mir gar nicht klein und abgelegen genug sein.
Ich führe diese Liebe für weltentrückte Orte allein auf meine romantische Ader zurück. Denn realistisch betrachtet befähigt mich nichts zum Robinson Crusoe. Würde ich auf einer einsamen Insel stranden, könnte ich zwar zweifellos einige Wochen von meinem eingebauten Rettungsring zehren, selbst wenn sich keine Nahrungsquelle auftäte. An Einsamkeit oder Langeweile würde ich aber spätestens nach zwei Wochen eingehen.

Da die Gefahr, dass ich wirklich jemals an irgendeinem Strand angespült werde, aber sehr gering ist, gebe ich mich meiner Liebe für die kleinen, abgeschiedenen Flecken unserer Erde hemmungslos hin. Sankt Helena etwa fasziniert mich zutiefst, dieses schroffe Archipel, das so verdammt weit ab vom Schuss ist, dass es als Gefängnisinsel für Napoleon Bonaparte ausgewählt wurde. Selbst wenn der kleine Franzose hier wieder revolutionäre Comeback-Pläne verfolgt hätte – er hätte erst einmal jemanden finden müssen, der verrückt genug gewesen wäre, ihn tausende Kilometer über den atlantischen Ozean zu fahren. Also blieb er und starrte sieben Jahre lang auf das tosende Meer zu seinen Füßen.

Noch spannender finde ich Tristan da Cunha. Die kreisrunde Vulkaninsel gilt als abgelegenster Fleck der Erde – 3200 Kilometer von Brasilien und 2800 Kilometer von Südafrika entfernt. Die Einwohner, 265 an der Zahl, kommen aus sieben verschiedenen Familien, und ich stelle mir jede Menge Möglichkeiten für Romeo-und-Julia-Verwicklungen in der pulsierenden Inselhauptstadt namens "Edinburgh of the Seven Seas" vor.

Doch die größte Faszination üben auf mich die Pitcairninseln aus. Hat vermutlich noch nie jemand gehört. Sind aber großartig. Als ich das erste Mal etwas über das Leben auf Pitcairn las, kam mir mein eigenes Heimatdorf – oberbayrische Postkartenidylle, 1800 Einwohner, Kirche, Fußballplatz - mit einem mal geradezu großstädtisch vor.

Denn Pitcairn, das ist die größtmögliche Abgeschiedenheit, die ich mir vorstellen kann. Auf dem Pazifik-Archipel leben exakt 46 Einwohner, allesamt Nachfahren der legendären Meuterer von der "Bounty". Sechsundvierzig Menschen. Alle im einzigen Dorf auf der einzig bewohnten Insel.
Man stelle sich das nur einmal vor: Dieselben 45 Gesichter jeden Tag zu sehen, jedes Jahr, ein Leben lang. Und rein statistisch betrachtet ist bei 45 Mitmenschen mindestens ein Arschloch dabei, das man nicht ausstehen kann. Oder eine Ex-Freundin, der man nur zu gerne aus dem Weg gehen würde – es aber nicht kann, weil man sich auf einer drei Kilometer langen und maximal einen Kilometer breiten Insel zwangsläufig über den Weg läuft.
"Na und?", könnte man jetzt einwenden. "Dann fährt man halt weg, nimmt sich eine Auszeit, kriegt den Kopf frei." Gute Idee. Leider ist das auf Pitcairn aber so gut wie unmöglich.
Denn bis nach Neuseeland sind es rund 5.000 Kilometer, bis zum südamerikanischen Festland noch ein paar hundert Kilometer mehr. Selbst die Osterinsel - die mit den Steinköpfen - ist gottverdammte 2000 Kilometer weit entfernt. Dazwischen hauptsächlich tiefer, blauer Ozean.

Das ist nun wirklich eine Lage, die selbst der ausgebuffteste Immobilienmakler nicht mehr als "zentral" verkaufen könnte. Das ist der sprichwörtliche Arsch der Welt.
Und ich hatte als Jugendlicher tatsächlich geglaubt, dass eine Entfernung von 40 Kilometern bis nach München mein Heimatdorf schon zum Ort fernab der Welt machen würde.

Wer nach Pitcairn reisen will, muss zunächst mit einem Charterflieger nach Französisch-Polynesien gelangen, und dann einige Tage mit einem Kreuzfahrtschiff über den Pazifik schippern. Angefahren wird die Insel allerdings nur, wenn es die Bedingungen zulassen und der Kapitän gerade Lust dazu verspürt. Ansonsten umkreist man den Felshaufen einmal, winkt den Einwohnern zu und fährt weiter.

Und ich fand es damals schon irgendwie krass, dass bei uns nur zweimal am Tag der Bus nach München fuhr.

Wenn man aber tatsächlich einmal auf Pitcairn angekommen ist, hat man entweder vier oder elf Tage Zeit, bis einen das nächste Schiff wieder mitnimmt. Was also unternimmt man so lange auf einer Insel, die nur geringfügig größer ist als der Englische Garten?

Die offizielle Tourismus-Webseite der Insel – ja, die gibt es – schlägt als Urlaubsaktivität unter anderem ein Match auf dem inseleigenen Tenniscourt vor. Nur gegen wen?
Alternativ setzt man sich zum Fischen ans Meer oder sieht bei der Fütterung der ortsansässigen Galapagos-Schildkröte zu. Schwimmen geht natürlich auch. Oder man starrt halt auf die Brandung und denkt nach. Über so ziemlich alles.

Für uns mag das irgendwie sympathisch und entspannt klingen. Aber, Herrgott, was muss den Leuten dort langweilig sein. Wie müssen sich die Pitcairner – nennt man sie so? – die Finger lecken nach einer gepflegten Partie Kreisklassen-Fußball, wie er in meinem Heimatdorf die bevorzugte Sonntagsbeschäftigung darstellte.
Ein tristes 0:0 gegen Albaching oder Rechtmehring auf dem kaputtgetretenen Fußballplatz unten an der Bundesstraße, mit schiefen Linien und rostigen Torpfosten, das muss für die Insulaner einen Adrenalinkick darstellen wie für uns damals der erste Ausflug alleine aufs Oktoberfest. So stelle ich es mir zumindest vor.

Aber man muss nicht immer nur auf die Unterschiede zwischen Oberbayern und Pitcairn blicken. Es gibt nämlich tatsächlich auch Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel die Ignoranz, mit der die jeweiligen Staatsoberhäupter beide Orte strafen. Weder hat jemals ein Ministerpräsident, Bundeskanzler oder Bundespräsident seinen Fuß in mein Heimatdorf gesetzt, noch hat Queen Elizabeth II. in über 60 Jahren auf dem Thron je Zeit gefunden, einmal das Kreuzfahrtschiff zu besteigen und ihre Untertanen im Atlantik zu besuchen. Ein Skandal sondergleichen.

Und ich? Werde ich je selbst nach Pitcairn gelangen, um die Probe aufs Exempel zu machen? Werde ich je die Galapagos-Schildkröte füttern oder den Dorfhäuptling im Tennismatch bezwingen? Aller Voraussicht nach nicht. Ist aber vermutlich besser so. Es sind schon genug meiner romantischen Vorstellungen an der Realität zerschellt. Ich will nicht auf Pitcairn ankommen und dann vor einer "Hans im Glück"-Filiale stehen.

Bild-Copyright: wileypics / flickr (CC BY 2.0)