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Mark Read
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Irrungen, Wirrungen und Bässe

Ein mindestens drei oder vier Jahre alter Text, den ich wiedergefunden und aufgemöbelt habe. Möglicherweise steckte sogar eine Idee dahinter. Eventuell lautete die: Zwei verkaterte Studenten treffen sich in der U-Bahn und tauschen sich über die typischen Studenten-Probleme aus - allerdings in einer Sprache, die aus einem Schiller'schen Sturm-und-Drang-Stück stammen könnte. Na ja.

Die Szene spielt in einer Münchener U-Bahn. Verschiedene Personen betreten den Wagen, andere verlassen ihn.

Stimme des Fahrers: "Bleibet zurück! Die Türen schließen und verwehren jedem den Eintritt, der nun noch über die Schwelle zu treten versucht!"

Der Zug fährt an.

Lukas: "Wie voll es hier wieder ist! Man fürchtet, dass einem der Nachbar bei der kleinsten Drehung einen Hieb mit dem Arme versetzen könnte. Wie unangenehm auch die Ausdünstungen sich ausnehmen, der Schweiß, der in die Nasenlöcher kriecht. Welch Dämon hat dem Menschengeschlechte nur eingeflüstert, es solle sich in diesem Maße vermehren? Es gibt einfach zu viele von uns! Irgendwann einmal werden wir leben müssen wie die Ameisen."

(Er blickt sich im Wagen um)

"Seht sie euch an! Zusammengepfercht wie Schweine im Stall, starren sie auf Bildschirme, die sie aus dem Diesseits in eine andere Realität entführen. Körperlich anwesend und doch nicht hier, ja, Geister sind sie! Und die anderen, die sich mit dieser schlechtesten aller Welten arrangiert haben, betragen sich unerträglich laut, lachen roh und nicken eifrig mit leeren Köpfen. Und wenn sie nicht nicken, schwätzen sie unbedacht in ihre kleinen Geräte hinein, ohne Gefühl dafür, ob es den Nächsten stören könnte. Nein, heute kann ich all dies nur schwerlich ertragen."

(Sein Blick bleibt an einer Person hängen)

"Wahrlich! Ist er's? Welch glücklicher Zufall. He! Heda! Gregor, hier, ich bin's!"

Gregor: "Wen erblickt mein Auge hier in dieser zufälligen Zusammenrottung? Lukas! Welch freudige Überraschung! Wie befindest du dich?"

Lukas: "Ich kann nicht über die Maßen klagen. Aber du errätst ja selbst, mit welch Strapazen einen das Dasein eines Studenten konfrontiert. Vor allem nach einem Tage wie dem Gestrigen."

Gregor: "In der Tat, blass siehst du aus, Freund. Sucht dich die Erkältung heim?"

Lukas: "Ach wo! Kerngesund bin ich! Aber du solltest doch wissen, dass ich freitags keine Verpflichtung in der Bildungskaserne habe und darum am Vorabend gerne der Zerstreuung fröne."

Gregor: "Dachte ich's mir doch! Du wilder Kerl! Sag's gleich, wo hast du dich gestern herumgetrieben, in wie viele Gläser hast du zu tief geblickt?"

Lukas: "Ich war in einer der riesigen Spelunken hinter dem östlichen Bahnhof, dort wo elektrifizierte Bässe die Ohren traktieren. Mein Weib begleitete mich, wir trafen eine Gruppe von Freunden, die unsere Absichten teilten. Ich muss gestehen, es war sehr vergnüglich. Doch dein Gefühl trog dich nicht - ich konnte dem Trunk in der Tat nicht widerstehen."

Gregor: "Ha! Du änderst dich eben nicht. Heraus damit, wie viel Krüge waren's? Kann man damit keine Wanne füllen, so bin ich nicht beeindruckt."

Lukas: "Quäl mich nicht! Es war zu viel, das kann ich mit Sicherheit sagen. Die Erinnerung lässt mich im Stich, irgendwann nach dem hundertsten Biere muss Schluss gewesen sein. Doch mein Betragen scheint unter den Umständen arg gelitten haben."

Gregor: "Was sagst du da?"

Lukas: "Mit finsterem Auge blickte mich mein Weibe heute früh an, als in meinem Kopf der Teufel den Hammer schwang und jede Windung meines Gehirnes weichklopfte. Sie hat den ganzen Tag noch nicht das Wort an mich gerichtet."

Gregor: "Und - was vermutest du: bist du dir einer Schuld bewusst? Hast du einem andren holden Geschöpf schöne Augen gemacht?"

Lukas: "Ich sage es dir doch, ich weiß es nicht. Wie ein Vorhang hat sich der Schleier des Alkohols vor meine Erinnerung gelegt."

Gregor: "So kauf deiner Liebsten doch ein paar Blumen, das wird sie beruhigen."

Lukas: "Du fantasierst, mein Freund! Selbst wenn ich derart romantische Neigungen in mir verspüren würde, meine Börse gibt's nicht her. Wie soll ein Student sich solcherlei Späßchen leisten können? Doch genug von mir. Sage mir, wohin führt dich dein Weg an diesem Tage, an dem selbst der Himmel bittere Tränen vergießt?"

Gregor: "Ich muss Besorgungen machen, im Herzen der Stadt. Meine Reise soll mich in eines der wichtigen Handelshäuser am Marienplatze führen, wo der schnöde Mammon regiert und wo der betuchte Bürger sich alles erwerben kann, was sein Herz begehren mag. Genauer gesagt bedarf ich eines gewissen Buches. Ein Geschenk soll es sein, für meine alte Mutter."

Lukas: "Sieh an, ganz der brave Sohn! So sieht man es gerne, alter Freund."

Gregor: "Spotte meiner nicht! Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr es mir graust vor dem Geburtstage der Alten, dem Feste im Dorf meiner Kindheit, den Onkeln und Tanten, die mich mit grotesken Fragen zu meinem Studium überziehen. Du weißt, ich hege keinen bösen Gefühle für meine Erzeuger, doch ich bin nicht erpicht darauf, ihnen oft zu begegnen. Wie süß schmeckt uns jungen Menschen doch die Freiheit, da wir sie noch nicht all zu lange kosten durfen. Nichts liegt mir ferner, als diesen süßen Nektar gegen den schalen Geschmack meines Elternhauses einzutauschen. Doch dem Zwange wird wohl nicht beizukommen sein."

Lukas: "Nimm es wie ein Mann! Es ist doch nur für einen Tag oder zwei. Dann bist du wieder hier und wir werden gemeinsam durch die Spelunken streifen, auf der Suche nach billigem Fusel und Ablenkung."

Gregor: "Vorzüglich! Ich nehme dich beim Wort, alter Knabe. Dies versüßt mir die Aussicht doch erheblich. Viel zu lange ist es her, dass ich Abenteuer erlebte wie du gestern. Zu schwer lag die Bürde des Lernens auf mir in den letzten Tagen. Mein Oberstübchen ist vollgestopft wie der Speicher in meiner Großeltern Haus. Doch nur Krempel lagert darin, nutzloser Tand. Das wahre Wissen über die Welt erlangt man doch nur nachts in den Kneipen der Großstadt."

Stimme des Fahrers: "Der nächste Halt wird der Odeonsplatze sein. Wer den Zug verlassen will, möge dies auf der rechten Seite tun."

Gregor: "Hörst du's? Bei der übernächsten Haltestelle muss ich bereits aussteigen. Da dünkt mir, dass du mir noch gar nicht verraten hast, wohin es dich zieht?"

Lukas: "Meine Reise endet am Platz des großen deutschen Dichters Goethe. Du weißt, dort wohnt mein Brüderchen, dem ich einen Besuch abstatte." Gregor: "Beneidenswert! Eine feine Gegend der Stadt ist dies. Sage mir nur, wird sich deine Schwester auch zum Familientreffen einfinden?"

Lukas: "Sie hat mir noch keine Benachrichtigung darüber zukommen lassen. Doch warum fragst du, werter Freund? Sage nur, die anmutige Gestalt meiner kleinen Schwester hat es dir angetan? Schelm, zügelloser!"

Gregor:"Ach, mein Guter, mein Teuerster, wenn du nur wüsstest, wie leicht entflammbar meine Seele ist, wenn ich einer holden Maid Gewahr werde. Und ja, ich gebe es freimütig zu, deine Schwester ist gar entzückend anzusehen. Versteh' mich recht, guter Freund. Ich weiß, du wirst mich nicht dafür verurteilen, dass deine Schwester meine Gefühlswelt in Wallung versetzt. Als ich mit ihr ein paar Worte wechseln durfte, vor wenigen Wochen auf dem Feste in deiner bescheidenen Behausung, da war es mir, als würde sich die Welt um mich herum auflösen. Ich schien zu schweben."

Lukas: "Hört, hört! Man erfährt gar wunderliche Geheimnisse auf einer Fahrt durch den Untergrund der Stadt. Mein Freund, dich hat es erwischt!" Gregor: "Wie soll ich mich denn gegen dies schönste aller Gefühle wehren? Du hast es doch selbst schon erlebt. Ein Mann kann nun einmal nicht aus seiner Haut."

Lukas: "Gut gesprochen. An dir ist ein Dichter verlustig gegangen, treuer Gefährte."

Gregor: "Dies aus deinem Munde zu hören, beglückt mich zutiefst. Doch verrate mir, kannst du mir Hilfestellung geben? Deine Schwester steht dir doch nahe, oder trügt mich meine Beobachtung?"

Lukas: "Sie trügt dich nicht. Meine kleine Isabella und ich, wir würden alles füreinander tun."

Gregor: "So wirst du ein gutes Wort für mich einlegen? Wer weiß, welch Bild sie sonst von mir hat! Vielleicht hält sie mich für einen schamlosen Schwerenöter, einen Taugenichts gar. Ich mag zwar kein reicher Galan aus dem noblen Orte Grünwald sein, doch du weißt, durch welche immateriellen Vorzüge ich mich statt dessen auszeichne. Nicht wahr, du weißt es?"

Lukas: "Ja, ich weiß es! Mein Freund, ich kann dich nicht leiden sehen. Und meine Schwester hat, wenn ich dir das so freimütig zustecken darf, einen Mann in ihrem Leben bitter nötig. Wahrlich könnte ich mir diese Liaison gut vorstellen. Gar erquicklicke Zusammenkünfte zu viert male ich mir im Geiste aus. Ja, ich möchte sehen, was ich tun kann. Meine Schwester hört auf alles, was ich ihr sage."

Gregor: "Du bist ein wahrer Freund! Wenn es dir gelingt, ihr ein wohlgefälliges Bild von meiner Person zu vermitteln, so stehe ich für immer in deiner Schuld."

Lukas: "Nun stelle mich doch nicht als Samariter dar, alter Knabe. Du bist doch nun keine gar so schlechte Partie. Glaube nicht, dass ich mich in Fantastereien versteifen muss, um meiner Schwester gegenüber vorteilhafte Worte über dich zu verlieren."

Stimme des Fahrers: "Der nächste Halt rückt näher, es ist der Marienplatze. So mögen sich alle, die uns hier verlassen, auf der linken Seite des Gefährtes zum Ausstiege einfinden."

Gregor: "Du hörst es! Unsere Wege trennen sich hier. Aber wir werden doch voneinander hören, nicht wahr? Du kannst dir ausmalen, wie begierig ich bin, Neuigkeiten über die Gedanken im bewundernswerten Kopf deiner Schwester zu erhalten."

Lukas: "Sei unbesorgt, du liebestoller Narr. Wie könnte ich einen alten Freund im Safte der Ungewissheit schmoren lassen? Ich werde dich beizeiten kontaktieren. Doch nun genieße erst einmal den Tag und entbiete deiner Familien meinen Gruß. Hörst du?"

Gregor: "Dies werde ich tun. Ich danke dir, treuer Freund! Gehabe dich wohl."

Lukas: "Adieu."

(Gregor ab)

Lukas: "Der Arme! Ihm hat der Liebestaumel ordentlich die Sinne verdreht."

Fahrscheinkontrolleur: "Seid gegrüßt, junger Herr. Ich habe Befugnis, einen Blick in Ihren Fahrschein zu werfen, den Sie sicherlich ordnungsgemäß mit sich führen."

Lukas: "Verflucht! Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet heute. Das Schicksal verhöhnt mich, habe ich doch, meinem schweren Kopf sei Dank, meine Geldbörse mit dem Dokument darin in meinem Hause liegen lassen… Nun, werter Herr, meinen Fahrschein besitzt der Herr hinter Ihnen, mein bester Freund, der ihn immer für mich aufbewahrt. Wenn Sie die Güte besäßen, sich umzudrehen, mein Freund hält das Billett bereits in der Hand…"

(Fahrscheinkontrolleur dreht sich um, Lukas hastet davon durch das Abteil) (Vorhang)