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Mark Read
Mark Read

Teil der Gemeinschaft

Auf dem Weg vom Bäcker zu seinem kleinen Häuschen begegnete Lenz keiner Menschenseele. Denn eine Begegnung kann nur zwischen Menschen stattfinden, die sich nicht aus dem Weg gehen. Doch alle Dorfbewohner wechselten die Straßenseite oder zogen sich in ihre Häuser zurück wie verängstigte Schnecken, als sie Lenz daherkommen sahen. Der wiederum hielt die ganze Zeit den Kopf gesenkt, interessierte sich weder für die Menschen noch für den Himmel, unter dem sie lebten. Als er schließlich das uralte und windschiefe Häuschen erreicht hatte, das ihm seit undenkbaren Zeiten als Refugium diente, schloss er die Tür doppelt ab, zog die Vorhänge zu, machte ein Feuer im Ofen und setzte sich an den kargen Holztisch in seiner winzigen Küche. Er verspeiste das Brot, das ihm der Bäcker hingestellt hatte, wortlos und ohne ihn eines Blickes zu würdigen, wie auch Lenz den Bäcker weder gegrüßt noch angesehen hatte.

Als es Nacht wurde, stand Lenz am Fenster seiner Schlafkammer im oberen Stockwerk und blickte in den dunklen Nachthimmel. Die Zeit schritt voran, er legte sich ins Bett und starrte im Dunkeln an die Decke. Aus der Nacht wurde ein Morgen. Lenz erwachte zur selben Uhrzeit wie jeden Tag, stand auf, wusch sich, setzte einen Kaffee auf und schmierte sich ein Brot. Dann ging er in seinen winzigen Vorgarten, um Unkraut zu jäten und nach den Äpfeln am schiefen Baum zu sehen. Ein paar Mal gingen Dorfbewohner auf dem ungepflasterten Pfad vor dem Haus vorbei, doch sie sahen Lenz nicht an und grüßten ihn nicht, und auch er blickte nie von seiner Arbeit auf.

Gegen Mittag verließ er seine vier Wände und spazierte in den Wald, der direkt hinter dem Grundstück begann. Nach wenigen Minuten bog er rechts ab und folgte einem kleinen Trampelpfad durch das Unterholz bis zu einer Lichtung, durch die ein Bachlauf floss. Hier setzte er sich auf einen Stein und blickte auf das gluckernde und rauschende Wasser. Stundenlang verharrte er in dieser Position, regungslos, und wer es nicht besser wusste, hätte ihn für eine leblose Skulptur halten können. Irgendwann jedoch kehrte Leben in seinen Körper zurück, er stand auf, ging zurück zu seinem Haus, trank noch eine Tasse Kaffee und schlug dann den Weg ins Dorf ein, um Besorgungen zu machen. Der Metzger grüßte ihn nicht, die Verkäuferin im Dorfladen nicht, und vom Bäcker sprachen wir ja bereits. Wie jeden Tag war der Bäcker Lenz‘ letzte Station vom dem Weg nach Hause, bei dem ihm die Leute wie stets aus dem Weg gingen.

Der nächste Tag war wie der vorige, und auf ihn folgte ein weiterer Tag nach dem selben Muster. Und bereits davor hatte es hunderte, vielleicht tausende dieser Art gegeben. Die Zeit war eine Wiese, auf die es immer wieder neu schneite. Lenz hatte längst aufgehört, Spuren hinterlassen zu wollen oder nach ihnen zu suchen.
An irgendeinem Tag erwachte Lenz wieder zur selben Uhrzeit wie jeden Tag, stand auf, wusch sich, setzte einen Kaffee auf und schmierte sich ein Brot. Als er es an seinem kargen Küchentisch verzehrte, klopfte es an der Haustür. Lenz ließ langsam das angebissene Brot sinken, ging zum Fenster und zog den Vorhang zurück. Vor der Tür stand eine schmächtige Frau. Lenz hatte sie im Dorf schon oft gesehen und wusste, dass sie die Tochter des Bäckers war. Sie war in ein schwarzes Gewand gehüllt und versteckte ihre Haare unter einer ebenso schwarzen Haube. Den Kopf gesenkt, stand sie vor der Tür und wartete darauf, hereingelassen zu werden.

Lenz ging zurück zum Tisch, aß sein Brot weiter und blickte hin und wieder zur Tür. Als er fertig war, schob er erneut den Vorhang zur Seite. Die Frau stand noch immer mit gesenktem Kopf auf der Türschwelle. Vor dem Gartenzaun hatten sich mittlerweile ein paar Schaulustige versammelt, die miteinander tuschelten und mit dem Finger auf die Frau zeigten. Lenz ging an diesem Morgen nicht zum Unkrautjäten vor die Tür. Er blieb einfach an seinem Tisch sitzen und blickte die Wände seiner Küche an.
Gegen Mittag, als er sich bereit machte für seinen Spaziergang in den Wald, war die Frau noch immer da. Ihre Haltung war keinen Deut weniger aufrecht als noch heute morgen. Eine große Menschenansammlung hatte sich inzwischen um Lenz‘ Gartenzaun herum aufgereiht. Er erkannte den Bürgermeister, daneben den Metzger, den Apotheker – und dann auch den Bäcker, der sich aufgebracht mit all den eben genannten unterhielt und dabei wild gestikulierte.
Immer wieder riefen einige der Umstehenden der Frau Schimpfwörter und Schmähungen zu. Einer warf einen Stein nach ihr, der sie nur knapp verfehlte. Schließlich spuckte der Bäckermeister über den Gartenzaum auf Lenz‘ Grundstück. Er deutete mit dem Finger auf seine Tochter und verfluchte sie in den schlimmsten Worten, die der menschliche Mund auszusprechen vermag.

Lenz öffnete die Haustür. Die Menschenmenge verstummte in der selben Sekunde. Er machte einen Schritt zur Seite, woraufhin die schwarz gekleidete Frau mit langsamen, unsicheren Schritten ins Haus trat. Die Tür fiel wieder ins Schloss. Neugierig blickte sich die Bäckerstochter in den kargen Räumlichkeiten um. Lenz setzte sich wieder an den Tisch und sagte nichts. Sie stellte ihre Tasche ab und sah Lenz in die Augen. Er nickte.

Aus dem Frühjahr wurde Sommer, das grüne Laub wurde erst golden und fiel dann zu Boden, und schließlich kam der Schnee in das Dorf. Ein bitterkalter Wind fegte durch die leeren Straßen. Im Gasthof kauerte sich eine Gruppe um das warme Feuer und besprach wieder einmal die Schande, die sich seit Monaten am Dorfrand abspielte. Es stand außer Frage, dass der Zustand bereits viel zu lange andauerte und weiterhin nicht mehr toleriert werden könne.
Der Metzger, ein Mann der Tat, schlug vor, die Tür des kleinen Hauses mit Gewalt aufzusprengen und das widerwärtige Paar zu fesseln. Die Dorfgemeinschaft solle anschließend über ihr Schicksal entscheiden. Der Apotheker schüttelte den Kopf und gab zu Bedenken, dass eine solche Spur der Gewalt die moralische Überlegenheit der Dorfbewohner in Frage stellen könnte. Er sei in Besitz diverser philosophischer Bücher, aus denen man viele interessante Schlüsse gewinnen könne. Deshalb sei er der Meinung, man müsse behutsamer vorgehen. Während er dies sagte, zog er ein kleines Fläschchen aus seinem Beutel.
Ringsum erhob sich erstauntes Gemurmel und man fragte, was sich in der Flasche befände. Bereits zwei oder drei Tropfen dieser Flüssigkeit, so der Apotheker mit einem vielsagenden Lächeln, reichten aus, um einen Elefanten zu töten. Man müsse nur einen Weg finden, dem Lenz und seiner Hure die entsprechende Dosis zu verabreichen.
Der Bürgermeister hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser zitterten. Eine famose Idee sei das, sagte er. Er persönlich werde den grässlichen Menschen und seine Dirne hierher in den Gasthof auf ein Getränk einladen. Der Trank müsse natürlich entsprechend vorbereitet und das Fläschchen entsorgt werden. Dann habe man diese unangenehme Situation sauber und diskret gelöst. Doch der Wirt, der vom Tresen aus der Unterhaltung lauschte und nebenbei Gläser trocknete, ließ mit sonorer Stimme vernehmen, dass er keinesfalls daran denke, Kreaturen wie dem Lenz und der Bäckerstochter ein Getränk zu servieren. Nur über seine Leiche könne man ihn zu so etwas widerwärtigem zwingen.

In die entstandene Stille hinein fragte ein junger Mann, der am Tresen stand, ein Fremder auf der Durchreise, was es denn mit diesem Lenz und der Frau auf sich habe. Was hatte dieser Mann eigentlich verbrochen, welche Schande hatte er auf sich geladen, dass man ihn so hart bestrafen müsse? Niemand wagte die Antwort zu geben. Alle Blicke waren auf den Bürgermeister gerichtet, als dessen Pflicht es gesehen wurde, den Fremden in die Geschehnisse einzuweihen. Mühsam richtete sich der ältere Herr auf, strich sich seinen fleckigen Frack zu Recht, schlurfte hinüber zum Tresen und flüsterte dem Fremden einige Worte ins Ohr. Daraufhin wich der Fremde erschrocken zurück, die Augen starr geweitet und mit einem Gesicht, aus dem die Farbe binnen Sekunden gewichen war. Es dauerte, bis der junge Mann seine Sprache wiederfand. Nicht nur beim Bürgermeister entschuldigte er sich, sondern gleich bei allen Anwesenden, er habe ja nicht wissen können, was... an dieser Stelle brach er ab und bestellte beim Wirt einen doppelten Schnaps.

Noch in der selben Nacht, die Uhr ging bereits auf Mitternacht, zog eine Gruppe von etwa zwanzig Mann, unter ihnen der Bürgermeister, der Metzger, der Apotheker, der Wirt, der junge Fremde und auch der Bäcker selbst, durch das menschenleere und stockdunkle Dorf. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten, als wolle er eine Warnung in Richtung des kleinen Häuschens am Ortsrand aussenden. Die Männer näherten sich schweigend der Baracke, in der Lenz und die Bäckerstochter in Schande hausten. Nur eine einzelne Fackel, der Metzger trug sie in der Hand, erhellte ihren Weg. Als sie das Häuschen erreicht hatten, übergab der Metzger dem Bürgermeister die Fackel und bedeutete ihm mit dem Kopf, dass er voranzugehen hatte. Der Bürgermeister seufzte, tat aber dann, wie ihm geheißen. Er öffnete das Gartentor, das ein lautes Quietschen von sich gab. Kaum hatte der Bürgermeister zwei oder drei Schritte in den Garten gewagt, blieb er abrupt stehen. Der Widerschein der Fackel zeigte einen von Unkraut völlig überwucherten Garten. Hier hatte seit Monaten kein Mensch mehr gejätet.

Zögerlich ging er weiter bis zur Haustür und klopfte. Noch einmal. Und noch einmal. Niemand öffnete. Die anderen Männer standen noch immer am Gartenzaun, und alles, was hinter ihnen lag, wurde von absoluter Dunkelheit verschluckt. Der Bürgermeister wollte etwas sagen, doch der Metzger, Apotheker, Bäcker und auch der Fremde aus dem Gasthaus bedeuteten ihm, dass er die Tür einfach öffnen solle.
Die Fackel wie eine Waffe vor sich haltend, ging er hinein, und kam nach wenigen Augenblicken wieder hinaus geeilt. Wie die anderen Männer im Widerschein des Feuers erkennen konnten, war sein Gesicht kreidebleich geworden, und der sonst so aufrechte Mann zitterte am ganzen Leib. Er war kaum in der Lage zu sprechen, stammelte vor sich hin und brauchte lange, um ganze Sätze zu bilden.
Er habe ja keine Ahnung gehabt, sagte der Bürgermeister, er habe es wirklich nicht gewusst, also, es konnte doch nicht so lange her sein, dass man den Lenz oder die Bäckerstochter zuletzt gesehen habe. Oder etwa doch? Es könne doch unmöglich sein, dass die beiden vor ihrer aller Augen... nun, dass sie... an dieser Stelle brach er erneut ab, doch ein stechender Verwesungsgeruch, der aus dem Inneren des Häuschens drang, verriet den Umstehenden alles, was sie wissen mussten. An dieser Stelle riss der Bäcker dem Bürgermeister die Fackel aus der Hand und rannte zum Haus. Doch auch eher kam schnell wieder hinaus, zitternd und heulend wie ein geprügelter Hund, lautstark den Himmel und alle seine Götter anklagend.
Niemand legte ihm die Hände auf die Schulter, niemand kam, ihn zu trösten. Der Bürgermeister, mittlerweile im Vollbesitz seiner Kräfte, nahm die Fackel wieder an sich und begann zu sprechen. Er habe noch weitere Dinge in dem Haus gesehen, sagte er. Auf dem Küchentisch sei ein Korb gestanden. Darin ein kleiner, lebloser Körper, offenbar verhungert. Ein entsetztes Raunen ging durch die Gruppe. Flüsternd begann man sich zu fragen, ob es denn wirklich möglich war, dass niemandem etwas aufgefallen war. Einer gab zu, seit langer Zeit weder den Lenz noch seine Dirne gesehen zu haben. Ein anderer stimmte ein und meinte, vielleicht zuletzt an Ostern. Oder gar noch früher, sagte ein Dritter, im Grunde wohl seit dem Einzug der Bäckerstochter nicht mehr...

Schweigen machte sich breit. Nur das Schluchzen des Bäckers war noch zu hören. Ohne ihn anzusehen, sprach der Bürgermeister weiter, dass dieses Unheil nie über das Dorf hätte kommen dürfen. Und es sei doch sehr klar, wer die Verantwortung für all das trage. Es sei klar, wer einschreiten hätte müssen. Eine Dorfgemeinschaft sei nur stark, wenn jeder seinen Teil beitrage. Und der Bäckermeister habe seinen Dienst an der Gemeinschaft auf schändliche Weise verweigert. Er für seinen Teil wolle mit einem solchen Menschen fortan nichts mehr zu schaffen haben.
Die Menge murmelte Zustimmung. Niemand drehte sich zum Bäcker um, der mittlerweile auf dem Boden saß wie ein kleines Kind und seine verweinten Augen geschlossen hielt. Der Fackelzug entfernte sich in Richtung des Dorfes. Zurück blieb ein Schluchzen in der Dunkelheit und der Geruch von Verwesung.

(c) 2017 Mark Read

Projekt "Best Of": Ich stelle nacheinander meine Lieblings-Kurzgeschichten der Jahre 2013 bis 2017 online. Manche in Originalform, manche leicht überarbeitet. Am Ende soll daraus ein Sammelband entstehen. Dies ist Teil 5 der Reihe, hier gibt es alle Texte im Überblick

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