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Mark Read
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Alles außer Sprachkritik #13 - Was Leiden schafft

Ein geflügeltes Wort besagt ja: Leidenschaft ist, was Leiden schafft. Diesem Diktum zu Folge ist ein Spaziergang durch die Straßen deutscher Großstädte neuerdings mit einem Lauf über glühende Kohlen gleichzusetzen: Er schafft Leiden und tut weh – weil an jeder Straßenecke die große Leidenschaft propagiert wird.

Egal, ob es die örtliche Backstube ist, die stolz verkündet, sie bereite ihre Waren "mit Leidenschaft" zu, egal ob der Kundenservice der Sparkasse keinen Zweifel daran lässt, die Anleger "mit Leidenschaft" abzuzo… zu beraten, oder ob vor der Tür der amerikanischen Coffeeshop-Kette zu lesen ist, dass hier die so genannten Baristas – übrigens ein Beruf, den es vor etwa zehn Jahren noch gar nicht gab - "mit Leidenschaft Kaffee-Kreationen zaubern": scheinbar geht nichts mehr ohne die Versicherung, dass das, was geschieht, den größtmöglichen Einsatz von Emotionen beinhaltet. Man sieht ihn förmlich vor sich, den schlecht bezahlten Kaffeekocher, dem beim bloßen Gedanken daran, dass er dem miesepetrigen Anzugträger am Tresen eine "Latte to go" zubereiten darf, ein Grinsen übers Gesicht huscht. "Ja, ist das geil!", ruft er sich selbst zu. "Ich liebe es einfach, Kaffee zu machen!" Das ist Leidenschaft pur.

Die Botschaft hinter derart plumpen Leidenschafts-Bekundung ist leicht zu durchschauen: Klar, unsere Welt ist globalisiert und unüberschaubar geworden - das Obst kommt aus Tunesien statt vom deutschen Bauern, wir führen Telefonkonferenzen mit seltsamen Asiaten oder Amerikanern, die wir nie in Person treffen werden und überhaupt passiert fast alles heutzutage virtuell im Internet – aber hey, wenigstens wir sind greifbar und machen etwas FÜR DICH mit Leidenschaft. Das Produkt unterscheidet sich zwar nicht von einem, das wir ohne Leidenschaft gemacht hätten, aber wen interessiert das schon? In dieser sterilen und chemisch gereinigten Web 2.0-Welt sind wenigstens wir noch mit Leidenschaft am Werk.

Das Wort "Leidenschaft" wurde in den letzten Jahren so überstrapaziert wie kaum ein anderes in der deutschen Sprache. Kaum ein ARD-Liebesfilm, geschweige denn eine Telenovela, die ohne diesen Sehnsuchtsbegriff auskommt. Leidenschaft, das klingt nach: echter, unkontrollierter Emotion, Abschied vom rationalen Vernunftdenken, Ausbruch aus dem geregelten und langweiligen Leben, Wahrheit. Was das alles mit dem Backen von Brötchen oder dem Einrühren von Milchschaum in Espresso zu tun hat, bleibt rätselhaft. Der wahre Grund für die Leidenschaft, mit der heutzutage ganze Berufsfelder ihrer Tätigkeit nachgehen beziehungsweise nachzugehen haben, liegt wohl – wieder einmal - im Marketing. Wer hätte das gedacht? Ich habe jedenfalls für mich festgestellt, dass nicht die Zubereitung mit oder ohne Leidenschaft entscheidend für die Qualität eines Cappuccinos ist. Sondern die Kaffeebohnen.

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(Fotocredit: Holly Lay / Creative Commons (CC BY 2.0))