Mark wer? · Veröffentlichungen · Weltempfänger · Newsletter · Impressum ·
Mark Read
Mark Read

Alles außer Sprachkritik - #3

Der Shitstorm im Wasserglas

Mit Modebegriffen ist das so eine Sache. Sie kommen scheinbar aus dem Nichts, machen sich zunächst in der Jugendsprache breit, wandern dann oftmals in die „höhere Sprache“ der Erwachsenen und manchmal sogar der Nachrichten ab und haben nach dem endgültigen Durchbruch in die Alltagssprache zweierlei Möglichkeiten. Entweder sie verschaffen sich dort einen langfristigen Platz und werden von der nachfolgenden Generation weiter verwendet, oder sie landen nach relativ kurzer Zeit auf der Sprachmüllhalde und werden fortan nur noch von den Ewiggestrigen und von ziemlich unhippen Eigenbrötlern gebraucht.

Die allermeisten wissen, dass auch ein heutzutage völlig geläufiges Wort wie „cool“ mal ein Modebegriff der Jugend war, über den die ältere Generation den Kopf schüttelte. Oder dass „geil“ vor ein paar Jahrzehnten noch eine andere Bedeutung hatte als heute (wer es nicht weiß: Großeltern fragen!). „Simsen“, „surfen“ oder „skypen“ sind allesamt Modebegriffe des Internetzeitalters und als solche auch absolut sinnvoll und wichtig. Auf das Wort „Shitstorm“ trifft das allerdings überhaupt nicht zu, denn dieses ist vor allem eins: nervig. Das hat weniger mit dem Wort selbst zu tun als mit der Art, wie es verwendet wird.

Dass heutzutage in gewissen Internetportalen schon die geringste Unzufriedenheit von Nutzern mit einer Sache oder einer Person zum bösartigen Shitstorm stilisiert wird, ist schlimm genug. Das, was früher eine kritische Anmerkung oder eine Unmutsäußerung war, ist seit Neuestem sofort ein Fäkalsturm. Und weil im Netz nun mal viel kritisiert wird, wimmelt es derzeit nur so vor Shitstorms. Jeden Tag zieht ein neues Sturmtief auf und überzieht irgendwen mit menschlichen Ausscheidungen - zumindest, wenn man den Nachrichten glauben darf. Doch wer genauer hinsieht, dem fällt schnell auf, dass hinter den meisten Orkanböen lediglich der Hype um das Wort "Shitstorm" steht.

Ebenso ärgerlich wie sein inflationärer Gebrauch ist allerdings die Tatsache, dass der Begriff immer öfter von seriösen Medien übernommen wird – zu keinem anderen Zweck, als sich der vom Jugendwahn durchsetzten Gesellschaft gegenüber zeitgemäß und total aufgeschlossen zu präsentieren. Außerdem: Shitstorm, das klingt wuchtig und mächtig! Geht gut ins Ohr, und ein Fäkalbegriff kommt auch noch darin vor. Eine Verlockung, der simpel gestrickte Menschen offenbar nicht widerstehen können.

Was genau ist ein Shitstorm überhaupt?

Laut Duden, in den es das Trendwort mittlerweile auch schon geschafft hat, handelt es sich beim Shitstorm um einen „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Gemeint sind vor allem Kommentare bei Facebook, unter Blogeinträgen, bei Twitter und so weiter. Diese Definition klingt zunächst einmal sinnvoll und passend. Denn in der Tat sind Massenzusammenrottungen unter dem Deckmantel der weitgehenden Anonymität im Internet ein schlimmes Phänomen unserer Zeit. Wer will, kann in den sozialen Netzwerken mit ein wenig Eifer und gezielter Provokation böse Hetze betreiben, und wer sich zu peinlichen Fehltritten oder schlimmen Vergehen hinreißen lässt, wird umgehend von einem Mob abgestraft. Das kann – wenn es die richtigen trifft – eine gute Sache sein. Es kann aber im schlimmsten Fall auch den Charakter einer mittelalterlichen Hexenjagd annehmen.

Shitstorm1

Negativbeispiele lassen sich auf den Facebook-Seiten zweier Fußballer finden. Mario Götze verkündete im Sommer 2013 seinen Wechsel von Borussia Dortmund zum FC Bayern München und wurde Opfer eines kaum zu ertragenden Shitstorms, in Folge dessen er seine Seite für Kommentare sperren lassen musste. Das angenehmste, was dem jungen Mann, dessen einziges Vergehen ein Vereinswechsel war, in den zuvor abgegebenen Kommentaren gewünscht wurde, war ein qualvoller Tod.
Das zweite Beispiel: Stefan Kießling. Der Angreifer von Bayer Leverkusen erzielte im Herbst 2013 ein Tor, das keines war, denn der Ball trudelte durch ein Loch im Außennetz ins Tor des Gegners Hoffenheim. Weder Schiedsrichter noch Linienrichter hatten dies bemerkt und werteten den Treffer. Auch der verdutzte Kießling verzichtete im Trubel der Ereignisse darauf, den Sachverhalt aufzuklären – eine im Nachhinein wohl nicht optimale, aber in gewisser Weise verständliche Vorgehensweise. Doch das sahen die zahlreichen – meist anonymen – Internetnutzer, die Kießling und seine Familie massiv beleidigten und bedrohten, nicht so. Auch hier musste die Facebook-Seite abgeschalten werden.

Echter Sturm oder laues Lüftchen?

Bei Fällen wie diesen beiden handelt es sich um wirkliche Shitstorms der schlimmen Sorte. Hier haben sich zehn-, ja vielleicht sogar hunderttausende Pöbler zusammengefunden, um einen ihnen persönlich unbekannten Menschen zu attackieren. Das ist bedauerlich. Was mich aber in sprachlicher Hinsicht gewaltig stört, ist der Fakt, dass der Begriff des Shitstorms immer öfter auch auf kleine Scharmützel ausgedehnt wird, die mit Fällen wie den beiden obigen überhaupt nicht vergleichbar sind und die man getrost auch als Meinungsverschiedenheiten bezeichnen könnte. Doch weil sich ein mächtig klingender Begriff mit fäkalem Anklang nun mal besser vermarkten lässt, wird selbst die Beschwerde eines Fans über den Spannungsbogen im letzten „Tatort“ schnell zum Shitstorm. Vor allem bei den „bunten Blättchen“ im Internet, den Promi-Webseiten, ist die Shitstorm-Karte schneller gezückt als die Mastercard von Roman Abramowitsch beim Yachthändler seines Vertrauens. Ein TV-Sternchen hat sich eine neue Frisur verpasst und Userin XY schreibt unter das Foto: „Sieht voll scheiße aus“? Huch, ein Shitstorm!

Shitstorm2

Es gibt mittlerweile sogar wissenschaftliche Forschungen zu Internet-Shitstorms. Die Forscher Barbara Schwede und Daniel Graf entwickelten eine Skala von 0 bis 6, wobei die Null für „keine kritischen Rückmeldungen“ steht und die höchste Zahl für einen „ungebremsten Schneeballeffekt mit aufgepeitschtem Publikum. Tonfall mehrheitlich aggressiv, beleidigend, bedrohend.“ Die genannten Fälle von Götze und Kießling waren nach diesen Maßstäben eine klare sechs, während das meiste von dem, was von grellbunten Internet-Plattformen zum Shitstorm hochgepeitscht wird, bestenfalls eine zwei auf der Skala bekommen würde.

Ob der Begriff des Shitstorms sich dauerhaft in unserer Sprache etablieren wird? Schwer zu sagen. Allerdings ist davon auszugehen, dass wir für diesen Ausdruck oder einen vergleichbaren (vielleicht ja ein deutsches, weniger blöd klingendes Wort?) noch lange Verwendung haben werden. Denn man muss kein Soziologe sein, um Internet das perfekte Sammelbecken ist für die bedauernswerten Zeitgenossen zu sehen, die ihren Frust bei irgendwem völlig unbekannten abladen müssen. Solange es soziale Netzwerke oder die Kommentarfunktion in Blogs gibt, wird es auch Shitstorms geben. Und damit meine ich richtige Stürme, keine lauen Lüftchen im Wasserglas.

Hier geht's zur vorigen Folge von "Alles außer Sprachkritik"

Alle Folgen und Infos zur Kolumne