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Mark Read
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Alles außer Sprachkritik - #4

Ein sehr, sehr nerviges Sprachphänomen

Das Spiel ist abgepfiffen. Nur knapp und mit großer Anstrengung hat sich der Topfavorit gegen den Außenseiter durchgesetzt – das 1:0-Siegtor in der 85. Minute eher erzwungen denn erspielt. Daraus wollen auch die Spieler des glücklichen Siegers in den TV-Interviews nach Spielende keinen Hehl machen.
„Das war heute ein sehr, sehr schwieriges Spiel“, sagt Kapitän T. „Wir haben uns sehr, sehr schwer getan.“ Torschütze A. setzt noch einen drauf: „Wir hatten heute sehr, sehr viel Glück. Beim Tor war einfach sehr, sehr viel Willenskraft dabei.“ Der TV-Reporter nickt zustimmend. Sehr, sehr zustimmend.

Natürlich ist es unfair, Fußballer als Maßstab für sprachliche Entwicklung heran zu ziehen. Nur weil ein Lukas Podolski „Ich hab Vertrag“ sagt oder ein Lothar Matthäus mit fatalistischem Unterton verkündet, dass „der Muskel zugemacht“ hat, heißt das noch lange nicht, dass der Rest Deutschlands so redet. Doch im Falle der „sehr“-Verdoppelung ist es leider so. Auffallend häufig benutzen Fußballer dieses Stilmittel, das in etwa so stilvoll ist wie ein Presslufthammer. Besonders Sami Khedira scheint ein „sehr“ ohne dessen Zwilling gar nicht mehr sagen zu können. Aber auch in anderen Gesellschaftsbereichen und Berufszweigen hat sich das Phänomen längst etabliert. Wo Politiker früher noch von einer „bedrohlichen Lage“ sprachen, deren Steigerung dann die „außerordentlich bedrohliche Lage“ war, so ist die Situation heute von Haus aus gleich „sehr schlimm“ und wird dann irgendwann „sehr, sehr schlimm“.

Deutsch. Nutzen Sie die Möglichkeiten.

Das Deutsche bietet eigentlich zahlreiche Möglichkeiten, um einen Sachverhalt besonders zu betonen oder zu unterstreichen. Man kann sagen, dass das Spiel ziemlich schwierig war. Eine Frau kann außerordentlich schön sein (na gut, ein Mann auch). Ein Arbeitskollege kann unglaublich nerven, das Gericht beim Inder kann verdammt gut schmecken, oder auch nicht. Eine Mathematikaufgabe kann höchst kompliziert und daher unlösbar erscheinen. Und in der Jugendsprache kann etwas übelst geil oder irgendein Asi kann auch ein krass schwules Opfer sein. Word. All das ist besser, als einfach das arme Wörtchen „sehr“ mehrfach aneinander zu reihen, als bestünde der eigene Wortschatz nur aus vierzehneinhalb Begriffen und das eigene Alphabet aus ebenso vielen Buchstaben.

Klar unterscheidet sich gesprochenes Deutsch von der geschriebenen Sprache. Das war schon immer so und wird auch immer so sein, auch ich spreche ganz anders als ich schreibe (beziehungsweise als wie ich schreiben tue). Das verbietet einem Sprecher des Deutschen aber in keinster Weise den korrekten Gebrauch seiner Sprache. Das Deutsche bietet so viele Möglichkeiten, kreativ zu sein. Es kann, entgegen seines Rufs, eine sehr schöne Sprache sein, wenn man sie korrekt benutzt und darüber hinaus ein wenig Experimentierfreude mitbringt. Wenn man ein traumhaftes Frühlingswetter mit strahlendem Sonnenschein lediglich als „sehr, sehr schönes Wetter“ bezeichnet, dann ist das in etwa so, als hätte man einen Sportwagen mit dreißig Extra-Funktionen in der Garage stehen, würde ihn aber nur im Schritttempo über die eigene Einfahrt rollen lassen. Anders gesagt: Eine sehr, sehr traurige Verschwendung von Möglichkeiten.

Einen Überblick über alle Sprachkritik-Kolumnen gibt es hier