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Mark Read
Mark Read

Aus dem Ruder gelaufene Dialoge

Gespräche. Was wäre der Mensch ohne sie? Ein Tier! Was wäre die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ohne die belauschten Wortwechsel zwischen wildfremden Personen? Eine einfache Fahrt von A nach B. Ob der folgende Dialog wirklich so stattgefunden hat, konnten die Historiker nicht mehr rekonstruieren. Aber: Warum eigentlich nicht?

Heute: In der Straßenbahn

A: Entschuldigen Sie...
B: Ja, bitte?
A: Fährt diese Tram denn zum Sendlinger Tor? Vorne steht Hochschule als Endhaltestelle drauf. Dabei fährt die 27er doch eigentlich zum Petuelring.
B: Ja, aber dieser Zug wurde umgeleitet.
A: Ich muss aber zum Sendlinger Tor.
B: Wir fahren auch zum Sendlinger Tor.
A: Also fährt der Zug zum Sendlinger Tor?
B: Ja, er fährt zum Sendlinger Tor.
A: Ich muss nämlich zum Sendlinger Tor.
B: Da kommen Sie auch hin. Alle Linien fahren übers Sendlinger Tor, weil es ja nur die eine Gleisstrecke gibt.
A: Ja, stimmt. Da haben S‘ Recht.
B: Genau.
A: Dankeschön.
B: Gerne doch.

(Hier wäre der ideale Zeitpunkt, um die Unterhaltung in einem sozial verträglichen Rahmen zu beenden. Doch nur die wenigsten schaffen hier den Absprung. Zu groß ist die Angst, als unhöflich zu gelten. Also nimmt das Drama seinen Lauf.)

A: Wissen S‘, ich muss nämlich am Sendlinger Tor noch einkaufen.
B: Aha.
A: Ja, ja. Da gibt es ja einige Läden.
B: Stimmt.
A: Ich möchte Kerzen kaufen.
B: Ah, verstehe.
A: Weil meine Enkelin, die wünscht sich zu Weihnachten so gerne eine große Kerze.
B: Oh, das ist ja nett.
A: Ja, die ist nämlich vier geworden dieses Jahr.
B: Ah, in dem Alter sind die kleinen Kinder noch ganz lieb, gell?
A: Und meine Tochter, also ihre Mutter, die ist einunddreißig.
B: Aha.
A: Ich werde ja in vier Jahren auch schon siebzig.
B: Mhm.
A: Und mein Mann, der Ernst, der ist ja vor sechs Jahren gestorben.
B: Oh, das tut mir leid.
A: Ja, ja. Immer die Sauferei. Jeden Abend war er im Valentinstüberl. Und dann der Herzinfarkt mit fünfundsechzig.
B: Mhm.

(Mittlerweile hat das Gespräch seinen ursprünglichen Zweck längst ad absurdum geführt. Dennoch könnte man auch jetzt noch halbwegs unbeschadet wieder herauskommen, wenn man denn wollte. Dazu müssen es aber beide Gesprächspartner wollen. Zum jetzigen Zeitpunkt hat A aber bereits bewiesen, dass dies ausgeschlossen ist.)

A: Ich hatte es ihm noch gesagt: "Hör‘ auf mit der Sauferei", hab ich gesagt, "Sonst haut‘s dich eines Tages vom Stangerl." Hat er aber nicht hören wollen.
B: Ah, ja...
A: Dann ists einfach so passiert. Er ist rückwärts vom Stuhl gekippt und war weg.
B: Oh je, das ist ja schrecklich.
A: War es auch. Für mich, aber auch für die Silke. Das ist unsere frühere Nachbarin aus Trudering.
B: Oh.
A: Und mit der hatte mein Ernst eine Affäre. Sechzehn Jahre lang.
B: Uff.
A: Er dachte immer, ich kriege das nicht mit. Aber ich hab das ja natürlich längst alles gewusst.
B: Ah.
A: Ja, deswegen sind wir ja weggezogen aus Trudering. Die Silke hat danach sogar einmal versucht, sich umzubringen.
B: Nein.
A: Doch. Hat aber nicht geklappt. Dann hat sie das mit dem Ernst aber wieder angefangen, die Gute. Die haben sich immer heimlich am Wochenende getroffen, bei ihr.
B: Also das...
A: Ja mei, jetzt ist ja alles vergessen. Außerdem hatte die Silke es auch nicht leicht, nachdem ihr Ehemann zum anderen Ufer gewechselt ist.
B: Oh.
A: Der hat dann eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen, das war sicher nicht schön für die Silke.
B: Uff.
A: Er hat sich dann Clarissa genannt und hat Escort-Service angeboten, wenn Sie verstehen. Nicht schön. Die beiden haben sich natürlich getrennt.
B: Au weia.
A: Und der gemeinsame Sohn, der hat das auch nicht gut verkraftet. Der hat pausenlos diese Drogen genommen und am Ende hat er dann einen Schreibwarenladen überfallen, um an Geld zu kommen.
B: Ui.
A: Zwei Jahre hinter Gitter. Danach war der nicht mehr wiederzuerkennen. Völlig abgemagert.
B: Der Arme.
A: Jetzt lebt er von Sozialhilfe irgendwo in Berlin. Ja mei.
B: Mhm.
A: Jedenfalls, jetzt werde ich bald siebzig und bin Witwe.
B: Oh je.
A: Da tut man sich nicht mehr so leicht.
B: Ja, ja. Richtig.
A: Wissen S‘, die Kerzen könnte ich natürlich auch im Supermarkt kriegen. Wir haben bei uns in der Nähe ja das PEP-Einkaufszentrum, da ist ein großer Supermarkt drinnen. Aber mir ist der einfach zu riesig.
B: Ja, die sind alle so groß.
A: Da gibt‘s Sachen, die brauche ich gar nicht.
B: Mhm.
A: Ich bin da neulich komplett durchgelaufen durch den Supermarkt und habe einfach keine Kerzen gefunden.
B: Mhm.
A: Weil man sich da ja gar nicht mehr auskennt.
B: Ich mag das auch nicht, wenn die Läden so groß sind.
A: Und in meinem Alter läuft man ja auch nicht mehr so weit.
B: Ja, das kenne ich.
A: Wie ja überhaupt in Neuperlach die Wege so weit sind, wenn man kein Auto hat.
B: Aber fährt denn da nicht der Bus? Oder die U-Bahn?
A: Doch, aber da muss man ja auch erst hinkommen. Und seit dem Streit mit meiner Tochter fährt sie mich ja auch nirgendwo mehr hin.
B: Oh, das tut mir leid zu hören.
A: Dabei habe ich überhaupt nichts gegen ihren Mann. Nur weil er ein Neger ist. Ich meine, das sind ja auch nette Leute, halt nur mit dunkler Haut.
B: Aha. Ja.
A: Und ich glaube auch gar nicht, dass die Gloria von Thurn und Taxis Recht hat, also Sie wissen schon, das mit dem Schnackseln. Nein, das glaube ich gar nicht.
B: Ja.

(Das Gespräch hat längst einen für B äußerst bedrückenden Verlauf genommen. Eigentlich wäre es nur menschlich, wenn A die Beklemmung des Gegenübers bemerken würde. Doch Leute wie A sind nicht dafür geschaffen, irgend etwas zu merken.)

A: Eigentlich wollte meine Tochter ja Medizin studieren. Jetzt hat sie ein Kind von diesem Neger.
B: Aber das ist doch auch schön.
A: Nach dem Studium wollte sie eine Weltreise machen.
B: Oh, wie schön. Das kann man doch später immer noch machen.
A: Wir wollten ja damals zur Hochzeitsreise gerne an den Gardasee fahren. Aber das ging nicht, wir hatten ja kein Geld.
B: Das ist ja schade.
A: Da sind wir halt einfach ein paar Tage in eine Berghütte gefahren. Da hat uns kein Mensch gehört, da waren wir ganz allein. Mei, man hat sich halt beschäftigen können, gell?
B: Aha, hm, ja genau.
A: Wir haben uns nicht gelangweilt.
B: Haha, ja, richtig.
A: Damals war man halt auch mit wenig zufrieden. Nicht so wie heute.
B: Mhm.
A: Man muss ja nicht immer weit fahren, gell? Wobei, unser Nachbar, der Herr Hauzeneder, war vor ein paar Jahren mal in Singapur. Davon schwärmt er heute noch.
B: Ah, ja das glaube ich...
A: Aber das Essen, mei, das Essen... das wäre nix für mich.
B: Ja, das ist nicht jedermanns Sache.
A: Der Herr Hauzeneder hat früher in einer Bank in Berg am Laim gearbeitet, wissen Sie? Da gab es mal einen Banküberfall, und der Herr Hauzeneder ist als Geisel genommen worden.
B: Nein.
A: Doch. Sechs Stunden lang haben die ihm eine Knarre an die Schläfe gehalten. Aber er hat‘s überlebt, und danach hat er gesagt: Jetzt ist ihm alles wurscht.
B: Verstehe.
A: Er hat dann gekündigt und ist in alle möglichen Länder der Welt gereist. Italien, Spanien, England... und Singapur.
B: Schön, schön.
A: Dann hat er allerdings die Diagnose bekommen: Krebs.
B: Oh. Schlimm.
A: Seitdem hängt er nur noch zuhause rum und wird jeden Tag dünner.
B: Schlimm.
A: Und seine Frau ist ja schon vor vielen Jahren durchgebrannt mit einem Italiener.
B: Au weia.
A: Jetzt betreiben die beiden eine Pizzeria auf Sizilien.
B: Sie, jetzt sind wir gleich am Sendlinger Tor.
A: Ah ja, richtig. Ja, dann danke für die Hilfe und einen schönen Tag noch.
B: Ebenfalls.
A: Auf Wiedersehen.
B: Wiedersehen.

(A steigt aus.)

B: Heilige gottverdammte Scheiße.