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Mark Read
Mark Read

Helmut, 71 Jahre, Bankangestellter in Rente, regt sich auf

Ich sehe schwarz. Das wird nichts mehr! Mit der Jugend von heute ist wirklich kein Staat mehr zu machen. Diese neue Generation ist so was von angepasst, brav und fad! Das kann man ja nicht mit ansehen, wie bieder diese jungen Leute von heute sind. Die denken mit 20 schon an die Rente, anstatt sich für eine bessere Welt einzusetzen, wie wir damals.

Verstehen Sie mich richtig, ich bin weit davon entfernt, alles zu glorifizieren, was wir damals gemacht haben. Natürlich war damals nicht alles besser! Ich bin keiner von den verbitterten Rentnern, die im Alter plötzlich politisch werden, nachdem sie vierzig Jahre lang Haus und Garten gepflegt und immer brav die Partei gewählt haben. Ich gehöre nicht zu denen, die aus irgendeinem Grund meinen, durch ihr fortgeschrittenes Alter hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Nein, ich nicht!

Aber das wird man wohl nach sagen dürfen: Wir waren eine großartige Generation! Lauter aufrechte Leute, kein fauler Apfel darunter. Da ging wenigstens noch was. Jung sein bedeutete damals vor allem Rebellion!

Heutzutage sagt ja niemand mehr etwas. Diese jungen Menschen starren ja nur noch in ihr Schmartphone.
Aber damals!
Wir haben wenigstens noch gegen Ungerechtigkeit aufbegehrt. Mein Gott, was haben wir damals aufbegehrt! Tagein, tagaus haben wir aufbegehrt, gegen alle möglichen Sachen. Im Grunde war es uns fast schon wurscht, wogegen wir rebelliert haben. Manchmal haben wir wochenlang, ja monatelang nix anderes gemacht als aufbegehrt.
Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen! Ich sag' mal: Ein Tag ohne Aufbegehren, das war für uns ein verlorener Tag. Sogar auf dem Klo haben wir noch überlegt, wie wir die Welt verbessern konnten. Es ist kein Zufall, dass der Klospruch als politische Botschaft zu unserer Zeit entstanden ist.

Und dann erst die Musik! Sobald du das Radio angemacht hast, hast du damals ein Lied mit einer politischen Botschaft gehört! Da bist du gar nicht ausgekommen. Rebellion überall, auf allen Kanälen. Ich sage nur, äh, also, ich sage nur, äh, Bob Dylan! "Knockin' on Heavens Door", ich bitte Sie, dieses Lied war das pure Aufbegehren gegen alles Mögliche. Das waren noch Inhalte! Oder nehmen sie den Dings, den, na, wie hieß er, den, äh, den Eric Clapton! Was für Inhalte!
Aber heute kommt nur noch dieser Einheitsbrei im Radio. Und die Texte, die kann man sich ja gar nicht mehr anhören. Da geht's doch nur darum, wer das dickste Auto fährt und die meisten Weiber abschleppt. Von Aufbegehren keine Spur mehr! Keine Inhalte!

Die junge Generation aalt sich in ihrem Wohlstand und merkt überhaupt gar nicht, wie sie vom Staat ausgenommen wird. Da wird einfach mal ein TTIP-Abkommen durchgewunken, und die jungen Leute, die es betrifft, die interessieren sich keinen Strich dafür und schicken sich lieber gegenseitig Herzchen und Lach-Smileys zu.
Und die dicken, fetten Politiker in ihren Sesseln, die lachen herzhaft mit. Über die Blödheit von der Jugend. Nein, nein, das ist nicht mehr meine Welt. Das ist nicht mehr mein Land. Aber wissen Sie was? Mir kann's ja eigentlich wurscht sein, ich bin schon alt und in Rente. Gell? Mir kann's ja eigentlich wurscht sein. Ich halte mich da raus, ich lass' mich da emotional gar nicht mehr so reinziehen. Mich tangiert das nicht einmal mehr periphär, wenn Sie verstehen was ich meine. Mich lässt das völlig kalt, denn es kann mir ja auch wurscht sein. Total egal!
Aber es regt mich halt auf! Ich meine, wofür habe ich denn vierzig Jahre lang hart gearbeitet? Wofür habe ich mich jeden Tag in die Raiffeisenbank geschleppt und dröge Verwaltungsarbeit erledigt und unfassbar stumpfsinnige Kundengespräche mit stiernackigen Landwirten und ungebildeten Hausfrauen geführt? Wofür eine Hypothek abbezahlt und meinen Rasen regelmäßig gemäht? Doch nicht, damit die Jugend von heute nur noch an sich denkt und auf das große Ganze scheißt!
Also, ich halte mich da raus....