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Mark Read
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Buchkritik: "Neubayern" ist definitiv eine Reise wert

Manchmal ist es gar nicht so leicht, ein Bayer zu sein. Man muss nicht mal eine weiß-blaue Gesinnung haben – es reicht, aus dem Alpenraum zu stammen oder wenigstens so zu klingen, schon sieht man sich in anderen Teilen der Republik einer Klischee-Kanone auf Dauerfeuer gegenüber. Viele dieser Vorurteile sind angesichts des grotesken Auftretens der Landesregierung nur zu verständlich. Andere halten sich bereits seit Jahrhunderten so beharrlich, dass sie sogar einen vernichtenden Meteoriteneinschlag überleben würden: Lederhosen, Bier aus lächerlich großen Krügen, träge Kühe, dralle Dirndl, Vetternwirtschaft, Gemütlichkeit, Rückständigkeit. Was vergessen?

Es gibt für Autoren heutzutage kaum eine schwierigere Aufgabe, als einen dezidiert bayerischen Roman zu schreiben, der ohne diese gut abgehangenen Bilder auskommt. Alte Meister wie Oskar Maria Graf haben das geschafft, weil sie das Land so unromantisch gezeigt haben, wie es neben seiner Schönheit eben auch oft genug ist. Aber seit damals hat sich Bayern stark verändert. Einen modernen Münchner Großstadtroman von gehobener Klasse kriegen viele Autoren hin, zum Beispiel Friedrich Ani jedes Jahr aufs Neue. Aber einen ländlichen, einen "Heimatroman" ohne Bierdimpfl-Gestalten, stramme Burschen und lüsterne Bäuerinnen? Schwer. Sehr schwer.

Florian F. Scherzer hat einen solchen Roman geschrieben. "Neubayern" ist eine echte Überraschung im positiven Sinne. Ein Werk, das bekannte Motive aus dem "Alten Bayern" des 19. Jahrhunderts in die Moderne transportiert und mit einer hochinteressanten Story verknüpft. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Was, wenn die Heimat, die wir als einzige kennen und mit der wir uns identifizieren, in Wahrheit nichts als eine Lüge ist? Wenn sich in einer glatten Fassade plötzlich Risse auftun, die einen Blick auf das Kartenhaus freigeben, in dem ein ganzes Volk lebt?

Der Roman schafft es souverän, die unsentimentale und oft düstere Grundstimmung eines Oskar Maria Graf mit einer spannenden Abenteuergeschichte zu vermählen. "Neubayern" könnte der erste Heimatroman mit Science-Fiction-Anklängen sein. Vom eher gemächlichen Beginn sollte man sich dabei nicht täuschen lassen – spätestens ab der Hälfte nimmt der Roman mächtig Fahrt auf und schlägt zum Ende hin erstaunlich viele Haken, ohne dabei je die Story aus den Augen zu verlieren.

Erschienen ist das Buch im sympathischen Münchner Hirschkäfer Verlag, der unter anderem die tollen Stadtviertel-Reiseführer für die Landeshauptstadt veröffentlicht. Ein weiterer Beweis dafür, dass kleine unabhängige Verlage nicht selten das bessere Programm haben. Zwar hätte ein großer Verlag vermutlich in ein Korrektorat investiert, das die falsch gesetzten Kommata in "Neubayern" vor Veröffentlichung ausgemerzt hätte – aber von denen sollte man sich die Lesefreude an diesem starken Roman nicht nehmen lassen. Und, ja, an dem Buch haben definitiv auch Nicht-Bayern ihre Freude – sofern sie sich auf einen Blick hinter die Laptop-und-Lederhose-Fassade einlassen wollen. Wozu ich dringend raten würde.

Ich schreibe mehr oder weniger regelmäßig Buchkritiken, zuletzt unter anderem zu Marc-Uwe Klings "Qualityland" oder Paul Austers "4321". Und vielleicht schaffe ich es eines Tages sogar wieder, meinen kostenlosen Newsletter zu versenden.