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Mark Read
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Historische Fundstücke: Was meine allerersten Kurzgeschichten über mich verraten

Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen daran, wie ich mit elf oder zwölf war. Wenn mich nicht alles täuscht, war ich ein braver Junge mit fragwürdiger Frisur, der viele Freunde hatte und seine Zeit gerecht zwischen Zocken am Computer respektive Super Nintendo und Draußensein aufgeteilt hat. In der Schule mittelmäßig bis gut, nie überragend und in Mathe seit jeher auf einer Fünf (was sich in der 8. Klasse rächen sollte). Aber konkrete Bilder aus dieser Zeit kann ich mir kaum noch ins Gedächtnis rufen.

Es sind eher Bruchstücke, die an die Oberfläche schießen. Dass ich das Offspring-Album "Smash" zu meinem zwölften Geburtstag bekommen habe, weiß ich noch genau. Parallel habe ich auch die Best-Of von Elton John gehört, was schwer zu glauben, aber wahr ist. Gesichert ist, dass ich mich in diesem Alter ernsthaft für Fußball zu interessieren begann – die Bundesliga-Saison 1994/95 war die erste, die ich komplett mitverfolgt habe. Mit meinem ältesten Bruder sammelte ich damals die Coladosen mit den Wappen aller 18 Vereine, inklusive Bayer Uerdingen und Dynamo Dresden. Gelesen habe ich sicher auch viel, nur was genau, das liegt auf dem Grund des trüben Erinnerungs-Tümpels. Es waren wohl englische und deutsche Abenteuergeschichten für Jugendliche. Ein bisschen Science Fiction war auch dabei – ich liebte Raumschiffe, "Star Trek" und so.

All das, was ich gerade aufgezählt habe, spiegelt sich in den Texten wider, die ich damals geschrieben habe. Denn genau zu dieser Zeit, etwa mit elf oder zwölf Jahren, habe ich meine allerersten Geschichten zu Papier gebracht.

Es geht in den kurzen Fragmenten um Fußball, aber ein anderer Text spielt auch im Weltall oder in einer damals weit entfernt liegenden Zukunft (Spoiler: die Zukunft ist das Jahr 2004 – ja, ich werde alt). Als ich diese Geschichten nun nach all den Jahren wieder gelesen habe, sah ich vor meinem geistigen Auge sofort wieder den Noch-nicht-ganz-Teenager, der sie Anfang der Neunziger in seinem Kinderzimmer auf einer uralten Schreibmaschine tippte. Das Ding war schon damals antiquarisch (wir waren unserer Zeit weit voraus und besaßen einen Computer). Woher meine Eltern sie überhaupt hatten, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich habe sie geliebt - zumindest in der kurzen Zeit meiner ersten literarischen Blüte. Zeile für Zeile, Tippfehler einfach überschreibend, habe ich erste Geschichten in die Tasten gehackt. Unstrukturiert, aber eifrig, auf penibel betippten Blättern.

Längst hatte ich sie vergessen. Doch vor ein paar Tagen, beim gemeinsamen Weihnachtsessen, zog meine Mutter plötzlich einen Packen vergilbter Papiere aus einer Tasche. Beim großen Ausmisten für den Umzug meiner Eltern in eine neue Wohnung waren sie wieder aufgetaucht. Und ich sehe mich nun einem ungeheuren "Blast from the past" gegenüber.

Fußballträume und Jugendliche im Weltall

Gehen wir also in medias res. Eine Geschichte heißt "Fußballträume" und besteht aus zwei Kapiteln namens "Der Torschuß" (sic! Es war vor der Rechtschreibreform) und "Der Aufstieg". Nach dem zweiten Kapitel ist abrupt Schluss – just, als Protagonist Peter Kammeier sich nach einer phänomenal erfolgreichen Saison in der C-Jugend seines Vereins beweisen muss. Interessant ist in dieser Story die präzise Beschreibung eines erzielten Tores ("Er schoß auf das gegnerische Tor. Der Ball flog gegen den Pfosten und rollte zu Peters Beinen zurück. Er schoß nochmal. Der flog gegen den anderen Pfosten und rollte über die Torlinie. TOR!!") Aber noch faszinierender ist für mich meine avantgardistische Wortgewalt - denn nach eben erwähntem Tor fällt dem Trainer vor Erstaunen wortwörtlich "das Kinn herunter." Die Kinnlade war mir nicht genug.

Die anderen Geschichten haben alle keine Titel, aber sie zeigen auf überragende Weise, was mich damals bewegte und faszinierte. Und wie begeisterungsfähig ich offenbar war.

In einer Story schweben zwei befreundete Polizisten in ihren fliegenden Autos durch die Metropole New Angel City – wir schreiben das Jahr 2089 (letzteres ist übrigens der erste Satz des Textes). Und schon der erste Absatz zeigt, dass ich mir so meine Gedanken über diese schöne neue Welt gemacht hatte.

"In dieser Metropole ist die Kriminalität in den letzten 8 Jahren um 13% gestiegen. Die Regierung von Texas hat deßhalb angeordnet, das 500 neue Polizisten in die Stadt geschickt werden sollen. Diese 500 Polizisten sollten ausgebildete und erfahrene Leute sein. Die hälfte von ihnen ist schon angekommen. Der Rest dürfte auch bald kommen."

Ja, so schrieb ich damals, mit etwa 12 Jahren. Die Protagonisten dieser Story, von der leider nur eine Seite erhalten ist, heißen Karl Vogel und Mark Redor. Man sieht, ich mochte Menschen, die so ähnlich hießen wie ich.

Eine andere Geschichte spielt in einem Raumschiff, das von vier Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 17 Jahren geflogen wird. Denn meine kühne Fantasie sagte für das 23. Jahrhundert folgendes voraus: "Im Jahre 2235 dürfen Kinder dieses Alters schon ein Raumschiff fliegen. Die Menschen haben‘s weit gebracht... Sie haben den Mond besiedelt. Die vier Jugendlichen, die wir hier kennen, wollen Dennis‘ Großeltern besuchen. Sie fliegen die nicht kurze Strecke vom Mond bis zur Erde."

Immerhin kannte ich schon Begriffe wie "Schott", "Computerabsturz" und "andocken" - aber die Dialoge der Protagonisten waren in diesem frühen Stadium meiner kreativen Tätigkeit noch ausbaufähig. Zitat:

"Dennis zog an einem Hebel. Das brummen der Motoren wurde lauter und höher. Eine Stunde später kamen sie in die Umlaufbahn der Erde. 'Wir haben soeben die Landeerlaubnis in New York gekriegt.' meldete Flo. 'Landemanöver einleiten!' kommandierte Jack. Gordon tippte am Computer die befehle ein. Das Schiff beschleunigte. 'Hahaha, das macht Spaß' rief Flo, der sich an einer Stange festhielt. [...] 'Gleich landen wir' meinte Dennis. 'Schaut mal, da unten ist Amerika!' 'Ich glaube, da unten ist Miami!' sagte Flo aufgeregt. 'Idiot, das ist Philadelphia' korrigerte ihn Jack. 'Wo leben denn deine Großeltern, Dennis?' fragte Gordon. 'In Los Angeles.' sagte Dennis."

Nun ja.
Jedenfalls gerät das Raumschiff unmittelbar danach plötzlich in Schwierigkeiten. Ob die Protagonisten den Beschuss durch zwei feindliche Avalanche-Raketen überlebt haben? Ich weiß es leider nicht – die Story endet wieder einmal abrupt.

Fußball, Weltall, Zukunft – ich gebe zu, dass es mich heute durchaus anrührt, zu sehen, womit ich mich damals beschäftigt habe. Ganz uneitel muss ich sagen, dass ich für ein Kind meines Alters durchaus schöne Ideen hatte und eine blühende Fantasie im allerbesten Sinne. Handwerklich war das natürlich weitgehend Kraut und Rüben, aber bei wem wäre das in diesem frühen Stadium auch anders gewesen? Selbst absolute Star-Autoren und Naturbegabungen müssen sich die Routine erst aneignen.
Leider bin ich halt nicht am Ball geblieben. Auch das eine durchaus prägende Eigenschaft, die mich in vielerlei Hinsicht lange verfolgt hat, bis in mein Studium hinein. Irgendwann habe ich scheinbar dem Fußball und der Musik dem Vorzug vor dem Schreiben gegeben und mir viele Jahre lang keine Geschichten mehr ausgedacht. Und dann kamen ja auch noch die Mädchen und der Alkohol ins Spiel, zwei Faktoren, die alles noch viel komplizierter machten.

Heute kann ich darüber lachen. Heute weiß ich dank solcher unschätzbarer Fundstücke, dass ich schon als Kind eine kreative Ader besessen habe und eine kurze Zeit lang Lust hatte, sie anzuzapfen. Heute stehe ich kurz davor, selbst Vater eines Sohnes zu werden. Und hoffe, dass er als Erwachsener auch einmal über solche Möglichkeiten der Rückerinnerung verfügt.

Hier als Schmankerl zum Abschluss noch ein Scan der ersten Seite von "Fußballträume":
Fußballträume

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