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Mark Read
Mark Read

Das Abendessen am Meer

Arthur betrachtete sein Gesicht im Spiegel und fand, dass man ihm seine Nervosität ansah. Es gelang ihm nicht, die Miene eines zuversichtlichen Menschen aufzusetzen. Doch tröstete er sich damit, dass es bald ohnehin keinen Grund mehr für ihn geben würde, eine Maske zu tragen. Denn heute Abend würde sein Leben eine neue Wendung nehmen. Eine Wendung zum Guten, nach all den Jahren des Herumirrens und Kämpfens gegen Windmühlen.

Trotzdem fühlte er sich nicht wohl. Er wollte jetzt nicht hier sein. Nicht auf dieser Insel mitten im Meer und auch nicht bei dem Abendessen mit seinem Vater und Melinda, zu dem er erwartet wurde.

Der Alte würde wieder Fragen stellen. Warum er und Melinda nicht gleichzeitig kämen. Warum ihre Gesichter alles verrieten, nur keine Glücksgefühle. Dabei wusste er nur zu gut, dass er und seine Frau seit Jahren in getrennten Zimmern schliefen. Der Alte hatte die verdammte Villa auf dieser verdammten Insel gemietet und dabei je ein Zimmer für seinen Sohn und eines für seine Schwiegertochter einkalkuliert. Weil er längst mitbekommen hatte, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Dass sie nur noch bei Empfängen und Bällen miteinander verkehrten, damit die Öffentlichkeit nichts mitbekam, damit die Firma des Alten keinen Schaden nahm. Das alles war Arthurs Vater bewusst. Trotzdem setzte er stets aufs Neue sein strahlendes, falsches Lächeln auf und fragte scheinheilig, wann denn endlich der ersehnte Nachwuchs käme. Wie die Urlaubspläne für das nächste Jahr waren. Und noch mehr Fragen, die einzig und allein darauf abzielten, ihn, Arthur, die Verachtung spüren zu lassen, die der Alte für ihn empfand. Eine Verachtung, die auf Gegenseitigkeit beruhte.

Seit seiner Jugend hatte sich Arthur unzählige Male den Tag vorgestellt, an dem er Rache nehmen würde. Heute war der Tag gekommen. In wenigen Stunden würde mit dem Familientheater Schluss sein, ein für allemal. Die Entwicklungen der letzten Wochen hatten ihn endlich den Mut dazu aufbringen lassen. Es schien, als hätten sein Vater und Melinda einen Wettkampf ausgerufen, wer ihm die größte Demütigung beibringen konnte. Kaum ein Tag ohne irgendeine süffisante Anspielung des Alten auf seine geschäftlichen Fehlschläge und horrenden Schulden, die er gütigerweise wieder einmal beglichen hatte. Kaum ein Abend, an dem ihn Melinda nicht persönlich für ihr unerfülltes Leben und ihre Isolation in der Villa am Stadtrand verantwortlich machte. Er ertrug es einfach nicht mehr. Die Zeit zu handeln war gekommen. Er würde das feiste Gesicht des Alten nur noch wenige Stunden ertragen müssen, und dann wären all seine Probleme gelöst, Melinda eingeschlossen.

Arthur streifte sich das Sakko über und marschierte durch die weitläufigen, mit irgendwelchen Landschaftsbildern behängten Gänge in Richtung der Aussichtsterrasse. In seinem Kopf legte er sich bereits einige Sätze für das Tischgespräch zu Recht. Diesmal würde er sich nicht in die Defensive drängen lassen von seiner hysterischen Frau mit den ewigen Anklagen und von seinem selbstgerechten und zynischen Vater. Der Anflug eines Lächelns zuckte über Arthurs zerfurchtes Gesicht.
Fast schon beschwingt nahm er die Stufen hinauf zur Terrasse. Vor ihm eröffnete sich ein atemberaubender Ausblick. Nur ein paar wie zufällig hingeworfene Felsen trennten die Villa vom offenen Meer. Leise klatschten die Wellen gegen das Gestein, im Hintergrund tauchte die untergehende Abendsonne die Szenerie in ein sattes Orange.

"Ist es nicht herrlich, mein Sohn?", fragte Friedrich, der ihn heraufkommen gehört haben musste. Er drehte sich nicht zu Arthur um, sondern breitete die Arme aus, so als wollte er die Sonne einfangen. Arthur hasste die romantische Ader seines Vaters. Schon immer hatte der Alte von Gemälden geschwärmt, von Literatur, von Sonnenuntergängen über dem Meer, so als bedeuteten ihm all diese Dinge mehr als Reichtum und Macht. Als wären ihm die schönen Künste wichtiger als die absurd vielen Millionen, die er mit seiner Firma scheffelte.

Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass Friedrich einen Monet nicht von einem Rembrandt unterscheiden konnte und von Grieg genau so wenig Ahnung hatte wie von Liszt. Doch er kannte diese Namen und ließ sie im Smalltalk an den richtigen Stellen fallen, und das genügte, um in den Kreisen, in denen er sich bewegte, als Kenner zu gelten. Arthur wusste darüber Bescheid, und Friedrich war sich darüber im Klaren, dass sein Sohn das wusste. Doch in ihrer Familie brachte man derlei Angelegenheit nicht zur Sprache. Heute spielst du deine Rolle zum allerletzten Mal, alter Mann, dachte Arthur. Und es wird nicht einmal einen Schlussapplaus geben.

"Ist Melinda noch nicht da?", erwiderte er die Frage seines Vaters.

"Warum fragst du das mich, mein Sohn?". Jetzt drehte der Alte sich um und zeigte sein breites, hämisches Grinsen. "Du solltest doch wissen, wo sich deine schöne Frau herumtreibt." Die Abendsonne reflektierte so stark von seiner Glatze, dass Arthur die Augen zusammenkneifen musste.

"Ist schon gut, Vater. Lassen wir das." Sein Blick streifte den reich gedeckten Tisch, der genau in der Mitte der Terrasse vor dem malerischen Sonnenuntergang aufgebaut war. Weingläser schimmerten im Abendlicht, das Ganze war geradezu ekelhaft verführerisch. "Ich mache mir Sorgen um euch. Ihr scheint nicht genug Zeit miteinander zu verbringen. Ein Ehepaar muss immer viel zusammen unternehmen, damit die Liebe nicht verloren geht, mein Sohn. Vor allem im Urlaub."

Arthur sah zu seinem Vater hin und unterdrückte mit aller Macht die aufkeimende Wut. "Erstens, Vater, musst du mich nicht ständig so nennen. Ich weiß zu gut, dass ich dein Sohn bin. Zweitens bin ich der Ansicht, dass Tipps für eine gesunde Ehe ausgerechnet aus deinem Munde ein wenig ironisch klingen."
"Ach was. Deine Mutter und ich haben uns geliebt. Wir haben alles versucht, um zusammen glücklich zu sein. Aber das Schicksal hat es nicht gewollt. Du weißt so gut wie ich, dass sie mich nie wirklich hatte verlassen wollen." "Natürlich weiß ich das. Das Schicksal, natürlich." Arthur zwang sich, den sarkastischen Ton in seiner Antwort abzumildern.

Welchen Einsatz hatte sein Vater damals, vor über zwanzig Jahren, an den Tag legen müssen, um einen Skandal zu verhindern. Es war ja auch wahrlich ein zynischer Zufall, dass Friedrichs Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, wenige Tage nachdem sie die Scheidung eingereicht hatte, bei der ihr laut Ehevertrag die Hälfte des Vermögens zugestanden hätte. Nach dem Unfall hatten einige Zeitungen begonnen, nachzuforschen und unangenehme Fragen hinsichtlich der Zusammenhänge zu stellen. Und Friedrich hatte die besten Anwälte beauftragen müssen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Wie über so viele andere Dinge hatte Arthur mit seinem Vater nie offen darüber gesprochen. Doch es lag auf der Hand, dass der Alte beim Tod seiner Mutter die Finger im Spiel gehabt hatte. Er war nur zu schlau gewesen, sich etwas nachweisen zu lassen. Die Rolle des trauernden Wittwers hatte er jedenfalls mit Bravour gespielt und sich tatsächlich ein knappes Jahr lang jede Affäre verkniffen. Was ihm während seiner Ehe nur selten gelungen war.

"Sieh an, da kommt sie ja, meine schöne Schwiegertochter." Geradezu beflissen eilte Friedrich Melinda entgegen, nahm sie bei der Hand und geleitete sie zum Geländer. "Ist die Aussicht auf Ischia nicht herrlich?", rief er, und sie pflichtete ihm eifrig bei. Fast überschlug sich ihre Stimme, als sie ihre Begeisterung bekundete. Natürlich, dachte Arthur. Melinda war Meisterin darin, sich bei ihrem Schwiegervater lieb Kind zu machen. In ihrer Gegenwart konnte Friedrich nichts Falsches sagen, und grundsätzlich war sie mit ihm stets einer Meinung. Wohingegen er, ihr Ehemann, stets Ansichten vertrat, über die man höchstens den Kopf schütteln konnte. Früher hatte ihn ihre Verachtung gekränkt, doch nun war Melinda ihm schlichtweg egal. Und wo es ihn früher erzürnt hätte, dass seine Gattin ihn seit ihrer Ankunft auf der Terrasse keines Blickes und erst recht keines Wortes gewürdigt hatte, so nahm er ihre Arroganz jetzt mit einer grimmigen Belustigung zur Kenntnis. Auch für Melinda würde sich in Kürze einiges ändern. Zum Schlechten.

Die Gute vertraute offenbar immer noch darauf, dass Friedrich sie in seinem Testament zur Haupterbin des Vermögens gemacht hatte. Auf dieses Ziel arbeitete sie seit Jahren verbissen hin. Leider umsonst, dachte Arthur hämisch grinsend. Es gab keinen Zweifel daran, dass er als einziger Sohn des Patriarchen zum Alleinerben bestimmt war. Egal, wie sehr ihn sein Vater auch hasste und umgekehrt – das Geld würde nach Friedrichs Ableben in der Familie bleiben. Und er wäre endlich alle Sorgen los. Noch heute Abend. In wenigen Stunden.

"Guten Abend, Schatz." Melinda stand jetzt vor ihm, Hass in ihren Augen, kalte Verachtung in der Stimme. "Guten Abend, mein Engel. Ich hoffe, du hast dich gut erholt in den letzten Stunden?"

"Das habe ich. Du warst ja nicht da."

"Wie schön du bist, wenn du deiner Wut auf mich und die Welt im Allgemeinen freien Lauf lässt. Hast du heute schon mit deiner nach meinem Ebenbild gestalteten Voodoo-Puppe gespielt?"

"Ach, Arthur. Was sind wir doch für ein Traumpaar. Wie schade, dass wir keine Kinder in die Welt gesetzt haben." Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, fügte sie hinzu: "Jetzt lass uns essen."

Damit war der Nettigkeiten genug ausgetauscht. Friedrich verließ seinen Posten am Aussichtspunkt und bat seinen Sohn samt Schwiegertochter zu Tisch. Der alte Kellner Francesco servierte eine Suppe als Vorspeise. Ein paar unnütze Worte fielen, nichts als Smalltalk. Dann herrschte Schweigen an der Tafel. Jeder wartete darauf, dass der jeweils andere eine richtige Konversation in Gang setzen würde.
"Der Wein schmeckt hervorragend, lieber Friedrich", sagte Melinda mit süßlichem Klang in der Stimme. Arthur musste zugeben, dass seine Frau fabelhaft aussah in ihrem Sommerkleid. Damals, als er noch an eine rosige Zukunft geglaubt hatte, war sie die Allerschönste gewesen. Eine anmutige und zauberhafte Elfe, die ihm auf den wilden Uni-Festen gehörig den Kopf verdreht hatte. Schön war sie immer noch. Doch ansonsten war alles anders geworden.

"Du schmeichelst mir, liebe Melinda." Friedrich prostete ihr zu. Doch seine Miene verriet plötzlich eine gewisse Anspannung. Die blendende Laune von vorhin schien verflogen. Als würde er über eine schwere Entscheidung nachgrübeln, blickte Friedrich einige Sekunden auf den Suppenlöffel in seiner Hand. Ein Seitenblick zu Melinda verriet Arthur, dass auch ihr Friedrichs Zerstreutheit nicht entgangen war.

"Ist etwas, Vater? Du wirkst besorgt."

"Ach weißt du, mein Sohn… Arthur, meine ich…" An dieser Stelle sah der Alte ihn mit seltsamem Ernst an, ohne das sonstige selbstgefällige Lächeln. "Wir drei sitzen hier beisammen, unter diesem paradiesischen Himmel, direkt am Meer. Wir hören die Wellen gegen die Felsen klatschen, dürfen also die Natur in ihrer reinsten Form erleben. Um unser Essen müssen wir uns nicht selbst kümmern, es wird uns gekocht und gebracht. Von Leuten, die wir dafür bezahlen, weil wir es uns leisten können. Uns geht es so gut, dass wir es oft kaum zu schätzen wissen. Was ich damit sagen will, ist … nun, es ist so…"

Gebannt blickten Arthur und Melinda über den Tisch auf den Alten, der auf einmal sehr zerbrechlich und verletzlich wirkte.
"Ihr wisst, dass ich immer viel auf meine Familie gehalten habe. Und deshalb war es mir auch so wichtig, dass wir drei hier zusammen in den Urlaub fahren. Ich, mein Sohn und meine bezaubernde Schwiegertochter." Wieder ein wissendes Lächeln, das Melinda erwiderte. Komm endlich zur Sache, dachte Arthur. "In meinem Leben habe ich viel erreicht. Vom bettelarmen Studenten, dessen Eltern ihm nicht einmal die Zugfahrkarte nach München vorstrecken konnten, habe ich es zu einem der erfolgreichsten Bauunternehmer des Landes gebracht. Finanziell habe ich schon längst ausgesorgt. Und auch, wenn nicht alle in meiner Familie mit ihren eigenen Unternehmungen derart viel Erfolg hatten –", und an dieser Stelle fixierte er seinen Sohn, "kann ich sagen, dass ich ein sehr glücklicher Mensch bin. Und deshalb fällt es mir noch schwerer, euch das mitzuteilen, was ich mitteilen muss." Er stockte. "Was?", fragten Arthur und Melinda fast gleichzeitig.

Friedrich nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinglas. "Ich werde bald sterben."

Stille. Nur das Meer, das beharrlich an die Mauern klatschte. "Wann? Wieso?" Arthur hatte seine Frage fast flüsternd vorgebracht.
"Der Arzt gab mir noch etwa zwei Wochen zu leben. Die Diagnose habe ich vor neun Tagen erhalten. Es ist also davon auszugehen…" Das breite Grinsen kehrte zurück in Friedrichs Gesicht. "… dass ich schon in wenigen Tagen meine letzte Reise antreten werde." Melinda starrte Friedrich mit offenem Mund an. Tränen kullerten ihr die Wange herab.
"Friedrich… das kann nicht…", brachte sie mit zitternder Stimme hervor, ehe ein heftiges Schluchzen den Rest verschluckte. Arthur sah abwechselnd zu seinem Vater und zu ihr. Es überraschte ihn kaum, dass diese Nachricht für Melinda ein Schock war. Ihr war natürlich völlig bewusst, dass sie fortan auf seine, Arthurs, finanzielle Fürsorge angewiesen war – wenn nicht Friedrich das Testament abgeändert hatte. Was ganz gewiss nicht der Fall war.

Widerwillig musste er seinem Vater für diesen Coup Respekt zollen. Mit dieser Nachricht war nun wirklich nicht zu rechnen gewesen. In gewisser Weise ärgerte er sich darüber, dass der Alte auf natürlichem Wege sterben und seinen Plan damit seiner Wirkung berauben würde.

Doch überwog die Freude über den bevorstehenden Geldsegen, so dass er sich nur wenig überwinden musste, um ein betroffenes Gesicht zu machen. Die Pointe wollte er sich noch ein wenig aufsparen. Friedrich musste jetzt noch nicht erfahren, dass sein Tod bereits weitaus früher bevorstand, als er selbst glaubte. Mit sadistischer Freude zögerte er diese Bekanntgabe noch ein wenig heraus.
Nur noch wenige Stunden. Keine Bevormundung mehr durch den Alten, Schluss mit dem unwürdigen Eheleben an Melindas Seite. Der Neubeginn war zum Greifen nahe, er durfte jetzt nicht ungeduldig werden.

"Das ist schrecklich, Vater. Mein armer, armer Vater!" Es klang überzeugend. Mit einer herrischen Geste brachte Friedrich ihn zum Schweigen. "Sagt jetzt nichts mehr. Hört mir lieber beide zu. Ich muss noch etwas loswerden."
In das entstandene Schweigen hinein sagte er: "Noch bin ich am Leben. Noch ist es zu früh, um mich zu betrauern und all die schönen Augenblicke, die wir hatten."
Melinda schluchzte erneut.
"Vielmehr will ich die Zeit, die mir noch bleibt, nutzen, um reinen Tisch zu machen." Der Alte räusperte sich. "Erstens: Arthur, du warst für mich eine einzige große Enttäuschung. Ich will es dir lieber jetzt deutlich ins Gesicht sagen als nie. Was immer du angepackt hast, ist gescheitert. Mehrfach musste ich für dich aus peinlichen Situationen retten. Die größte Schmach war sicherlich, als sie dich wegen dieser unsäglichen Betrugsgeschichte ins Gefängnis gesteckt haben und ich den Polizeipräsidenten um Gnade für meinen nichtsnutzigen Sohn anbetteln musste." Arthur wollte etwas sagen, doch sein Vater schnitt ihm sofort das Wort ab. "Zweitens: Das einzige Gute, was du jemals zu Stande gebracht hast, war, Melinda zu heiraten. Und sogar hier hast du schnell den Elan verloren. Sieh sie dir doch an, wie unglücklich sie ist! Du hast nie ein Gespür dafür gehabt, wie du sie behandeln musst. Ich konnte das nicht einfach so hinnehmen, es hat mir schlicht das Herz gebrochen." Er und Melinda tauschten Blicke.
"Wie meinst du das?", krächzte Arthur. Sein Hals war ausgetrocknet.

"Hast du das etwa nie gemerkt?", rief Melinda entrüstet und warf ihrem Gatten einen wütenden Blick zu. "Friedrich war immer für mich da. Wir haben seit über zwei Jahren ein Verhältnis! Wie offensichtlich mussten wir es denn noch machen? Es ist unglaublich, wie selbstgefällig du durch die Welt läufst, nichts siehst, nichts hörst, nichts kapierst!" Sie beugte sich über den Tisch zu ihm hin und presste mit bebender Stimme heraus: "Friedrich hat mir die schönen Seiten des Lebens gezeigt. Echte Liebe! Verstehst du? Nie war ich glücklicher als an seiner Seite!"

"Deine Frau hat etwas besseres verdient als dich", sagte Friedrich und streichelte ihr die Hand. Arthur sprang auf. Ihm war schwindelig und er musste sich an der Tischplatte festklammern.
"Ach ja? So ist das also! Meine Gattin bandelt hinter meinem Rücken mit meinem Vater an, weil ich angeblich nicht in der Lage bin zu lieben?" Ein heiseres Lachen entrang sich seiner trockenen Kehle. "Und weshalb könnte ich das wohl nicht? Na? Vielleicht, weil ich in einem Elternhaus aufgewachsen bin, in dem der Vater niemanden geliebt hat außer sich selbst. Und in dem die Mutter aus dem Weg geräumt wurde, als sie unbequem wurde! Nicht wahr, Vater? Das war deine ganz spezielle Form der Liebe, nicht wahr?" Jetzt richtete er seinen hasserfüllten Augen auf seine Frau. "Und dann meine arme, arme Gattin! Eine, die mich natürlich nur aus reiner Liebe geheiratet hat und nicht wegen der Aussicht auf ein sorgenfreies Leben in einer reichen Familie. Mein ach so holdes Weib, das mir schon kurz nach der Hochzeitsnacht deutlich gemacht hat, dass sie gar nicht daran denkt, mit mir weiterhin das Bett zu teilen. Aber daran bin natürlich nur ich schuld, nicht wahr, Melinda? Ich habe dich nie betrogen, nie geschlagen, nicht einmal unsittlich berührt. Aber das ändert selbstverständlich nichts an der Tatsache, dass du das Opfer in dieser Geschichte bist." Er trank sein Weinglas in einem Zug aus.

"Schweig", herrschte ihn Friedrich an. "Nein!", brüllte Arthur. Er fühlte sich so gut wie seit Jahren nicht mehr. Nun war der Zeitpunkt für die Pointe gekommen. "Nicht jetzt! Ich habe viel zu oft geschwiegen und alles heruntergeschluckt, Vater! Jetzt bin ich dran. Also, hör mir zu, wenigstens dieses eine Mal –"

Der herrische, keinen Widerspruch duldende Klingelton von Friedrichs Handy unterbrach ihn. Ohne auf das Display zu sehen, nahm Friedrich das Gespräch an: "Ich höre?"
Arthur stand wie angewurzelt da und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Ob er einfach hinübergehen und ihm eine Weinflasche über den Kopf schlagen sollte? Ob er ihn erwürgen sollte, hier auf der Stelle? Er tat beides nicht. Stattdessen hörte er zu.

"Doktor Peißenberg? Ich hoffe, Sie haben einen triftigen Grund, mich im Urlaub… ja… das ist richtig, aber… aha. Ich verstehe. Und Sie sind ganz sicher? Das ist bemerkenswert. Nein, das ist toll! Großartig! Wir besprechen alles weitere nach meiner Rückkehr. Ja, genau. Auf Wiederhören." Nachdem er aufgelegt hatte, lehnte sich Friedrich zurück und blickte in den Himmel. "Das war mein Arzt", murmelte er.
"Und? Was gibt es?", rief Melinda mit tränenerstickter Stimme. "Ich werde doch nicht sterben. Er hat den Befund noch einmal durchgesehen, meine Werte neu analysiert und… er hat sich getäuscht. Ich bin nicht todkrank." "Du wirst nicht sterben?" "Nein, Melinda. Ich werde leben! Wenn Gott will, noch viele Jahre."

Arthur ließ sich in den Stuhl fallen und begann zu lachen. Erst war es ein leises Glucksen, dann schwoll es zu lautem, kehligem Gelächter an. Wann hatte er zuletzt so inbrünstig und aus voller Seele gelacht? Womöglich noch nie in seinem Leben.

"Darf ich meinen nichtsnutzigen Sohn fragen, was so witzig ist an der Tatsache, dass ich nicht sterben werde?" "Das werde ich dir gerne verraten, Vater", antwortete Arthur, sein wirres Lachen mühsam unterdrückend. "Es handelt sich nicht um eine Tatsache, sondern um einen Irrtum."

"Wie bitte?"

Völlig gefasst sagte Arthur: "Du hast mich vorhin nicht ausreden lassen, alter Mann. Höre mir deshalb jetzt zu. Wenigstens dieses eine Mal in meinem Leben. Es wird vermutlich auch das letzte Mal sein. Du wirst sehr wohl sterben – und zwar noch heute Abend. Da staunst du, nicht wahr? Du wirst sterben, weil ich es will. So wie du Mama aus dem Weg geräumt hast, so werde ich dich beseitigen. Damit ich dein Erbe absahnen und alles besser machen kann als du!"

Friedrich lachte verächtlich auf. Er winkte den Kellner heran und ließ sich ein Glas Wein nachschenken. Genüsslich wartete er, bis Francesco verschwunden war, ehe er Arthur antwortete, der in kampfbereiter Handlung vor seinem Stuhl stand.
"So ist das also. Mein feiner Herr Sohn hat endlich den Mumm aufgebracht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und jetzt verrate mir doch noch, wie du gedachtest, mich über den Jordan zu schicken."

"Das hast du selbst erledigt, Vater."

Überraschung in Friedrichs Gesicht. Ein seltener Anblick, den Arthur auskostete. "Wie meinst du das?"

"Deine Vorliebe für Wein. Italienischen Weißwein. Ich musste nur vorhin in der Küche Gift in das erste Glas mischen. Du hast es ausgetrunken, ohne etwas zu merken, Vater. Das Gift wirkt bereits, und in etwa einer Stunde bist du tot, unter der Erde!" Wieder das heisere Lachen.

"Was?", rief Melinda entsetzt. Ihr Make-Up war völlig verlaufen. "Das kann nicht sein! Du etwa auch?" Vater und Sohn starrten sie mit offenem Mund an. Melinda stand auf und wich ein paar Schritte zurück. Das Sommerkleid flatterte sanft im Abendwind.
"Was sprichst du da, Melinda?", fragte Friedrich. "Ich habe… das musst du verstehen, Friedrich. Ich konnte nicht mehr warten. Es musste heute geschehen, verstehst du? Ich halte diese Existenz nicht mehr länger aus!"

"Sag, was du getan hast!"

"Ich habe dich vergiftet!", schluchzte sie. "Ich war vorhin auch in der Küche. Niemand hat mich gesehen. Und dann habe ich das Gift in… die Suppe getan, und… dem Kellner gesagt, welchen Teller du bekommen sollst! Die extragroße Portion für Don Friedrich, habe ich zu Francesco gesagt..." Sie schniefte und holte einmal tief Luft.

"Verzeih' mir, Liebster! Du weißt, dass meine Gefühle für dich immer echt waren. Und doch stand uns keine Zukunft bevor. Du bist fast vierzig Jahre älter als ich! Wie hattest du dir das vorgestellt, in vier, fünf Jahren?" Die Unverfrorenheit seiner Gattin entsetzte und beeindruckte Arthur gleichermaßen. Ihm kam der Gedanke, dass er Melinda jahrelang unterschätzt hatte. Nie hätte er ihr zugetraut, dass sie so beharrlich und rücksichtslos eigene Pläne umsetzen konnte. Er fand sie in diesem Augenblick noch schöner als zuvor.
"Und auch du, Arthur", sagte sie nun, an ihn gewandt. "Auch du hast Gift abbekommen und bist dem Tod geweiht. Hörst du? Ich musste es tun! Damit dieser Albtraum, den du Ehe nennst, bald ein Ende hat! Damit ich endlich frei bin und neu anfangen kann!"

"Das ist unmöglich", brachte Arthur nach einigen Sekunden der Stille hervor. "Nein, das kann nicht sein. So bösartig bist du nicht!" Sie starrte ihn traurig an und sagte: "Doch."

"Du hast es getan? Ich werde also sterben?" Er spürte, wie die Panik langsam in ihn hineinkroch. Von der Magengegend aus schickte sie ihre hässlichen Boten durch die Adern in alle Regionen seiner Körpers. "Arrogantes, selbstsüchtiges Miststück!", brüllte Arthur verzweifelt. "Ich war es doch, der neu anfangen wollte. Ich war es doch, der mit Vaters Geld etwas Neues aufbauen und alles hinter mir lassen wollte. Dich eingeschlossen! Und jetzt… das!"

"Von welchem Geld sprichst du?" Friedrichs Stimme drang zunächst nur gedämpft zu Arthur durch. "Das Erbe aus dem Testament!"

"Und du dachtest, das kriegst du?", schnaubte Friedrich. "Hast du wirklich geglaubt, ich würde einem wie dir mehrere hundert Millionen Euro vermachen? Du hast alle geschäftlichen Versuche derart kläglich in den Sand gesetzt, dass ein Ende meiner Firma unter deiner Leitung nur eine Frage von Wochen gewesen wäre. Ich lasse mir doch von dir nicht mein Lebenswerk zerstören!"

"Aber…"

"Du hast dich selbst um dein Erbe gebracht, Arthur", sagte Melinda, ihrer Stimme einen traurigen Unterton verleihend. "Du hast deinen Vater nie so sehr als Menschen ernst genommen wie ich das getan habe. Du hast in ihm doch immer nur den bösen Patriarchen gesehen. Aber ich bin hinter diese Hülle gedrungen und habe einen liebevollen, zärtlichen Menschen gefunden. Im Gegensatz zu dir habe ich deinen Vater geliebt!" "Sagt die, die ihn soeben vergiftet hat!" "Doch nur aus Verzweiflung! An meiner Liebe zu dir, Friedrich, ändert das nichts. Aber ich brauche das Geld aus dem Erbe! Nun sag schon, dass du das Testament auf mich hast umschreiben lassen, wie du es mir so oft versprochen hast."

Erneut war nichts zu vernehmen außer dem sanften Rauschen des Windes und dem leisen Klatschen der Wellen gegen die Felsen unterhalb der Terrasse. Arthur nahm weder das eine noch das andere als eigenständiges Geräusch wahr. In seinem Kopf hatten sich alle Eindrücke zu einem einzigen Brei vermischt.
"Nein", brummte Friedrich schließlich nach einer Pause, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte.

"Was heißt das, nein?"

"Nein bedeutet, dass auch du, schöne Schwiegertochter, mein Erbe nicht kriegen wirst."

"Du lügst!"

"Wieso sollte ich das tun? Jetzt, wo sowieso schon alles zu spät ist?"

"Das kann nicht sein! Friedrich! Wieso tust du mir das an?"

Der Alte leerte sein Weinglas in nur einem Zug. "Weil ich in meinem Leben schon zu viel erlebt habe. Ihr glaubt nicht, wie oft jemand versucht hat, mich über den Tisch zu ziehen. Man entwickelt Sensoren für bestimmte Dinge." Er lachte heiser. "Und auch, wenn ich die Nächte mit dir, liebe Melinda, nur all zu sehr genossen habe, wenn ich die Spaziergänge um den Starnberger See als höchst erfüllend wahrgenommen und den Duft deines Haares geradezu eingesogen habe, wenn du neben mir im Bett schlummertest – ich war nie so blauäugig zu glauben, dass du ohne Hintergedanken zu mir gekommen bist."
"Aber…" Melindas Gesicht war so weiß geworden, dass es auch außerhalb des Lampenscheins noch deutlich zu erkennen war. "Das bedeutet konkret zwei Dinge", fuhr Friedrich unbeirrt fort. "Erstens geht mein Erbe weder an meinen Bastard von Sohn, der so weit ging, mich zu vergiften, noch an meine ebenso durchtriebene Schwiegertochter. Sondern an eine gemeinnützige Stiftung, die Kindern aus armen Verhältnissen ein Studium ermöglicht."

"Das gesamte Vermögen?", schrie Arthur. "Vierhundert Millionen?"

"Nun ja, fast alles. Ein gewisser Anteil kommt auch meinem Heimatdorf zu Gute. Vor einiger Zeit wurde mir zugetragen, dass dort nicht einmal genügend Geld für den Bau einer Grundschule übrig ist. Das Problem dürfte sich hiermit erledigt haben." "Und was ist die andere Sache?", fragte Melinda mit dünner Stimme. "Ach ja. Nun, ich bin aus Erfahrung misstrauisch gegenüber jedem Menschen geworden, also auch dir. Daher habe ich unsere Suppenteller vorhin in der Küche vertauscht. Der Kellner war so freundlich, mir zu verraten, welchen du für mich bestimmt hattest. Du, liebe Melinda, hast ebenso Gift in dir wie Arthur und ich." "Nein!", kreischte Melinda. "Du altes, krankes, bösartiges…" Melinda lief auf ihren Schwiegervater zu und schlug mit ihren Fäusten auf seine Schultern ein. Arthur packte sie von hinten und setzte sie auf einen Stuhl. "So geht alles seinen Gang", murmelte Friedrich versunken. "Ohne Leben ist der Mensch so gut wie tot."

Der Kellner servierte das Hauptgericht. Schweigend aßen sie vom Kaninchen in Rotweinsauce, das vorzüglich war. Schweigend nahmen sie das Dessert ein, hausgemachte Profiteroles. Schweigend tranken sie ein weiteres Glas Wein, und dann noch eines.

Melinda sah auf das offene Meer hinaus und seufzte.
"Ich habe mich schon oft gefragt, was nach dem Tod mit einem passiert." Da niemand etwas erwiderte, fügte sie selbst hinzu:
"Bald weiß ich es. Beziehungsweise, wir alle drei wissen es." Wieder Schweigen. "Ob man als Toter noch das Meer sehen kann?" "Das will ich doch hoffen", murmelte Friedrich. "Sonst wäre das Jenseits ein ziemlich langweiliger Ort." "Du bist und bleibst ein Romantiker, Vater", sagte Arthur. Melinda kicherte. "Aber du hast trotzdem Recht", fuhr Arthur fort. "Der Sonnenuntergang über dem Ozean ist wirklich grandios." "Nicht wahr? Erinnerst du dich noch an den Urlaub auf Ponza, mein Sohn? In der Ferienwohnung direkt am Hafen. Wie hast du damals gebannt in die untergehende Sonne gestarrt! Das hat dich sogar mehr interessiert als der Fernseher. Da warst du höchstens fünf Jahre alt. Hast immer Murmeln gespielt mit dem Nachbarjungen. Wie hieß er noch…" "Antonio." "Richtig, Antonio. Ein frecher Kerl war das! Einmal habe ich ihn dabei erwischt, wie er in das Hafenbecken gepinkelt hat!" Sie lachten alle drei. "Aber seine Mutter hat unschlagbare Pasta gekocht." "Ich erinnere mich. Und wie hieß noch dieser Surflehrer, der immer seinen Hund auf das Surfbrett gestellt und durch das Meer gezogen hat, um die Urlauberinnen zu beeindrucken?" "Ach ja", sagte Friedrich und lachte. "Maurizio! Maurizio, der Weiberheld. Das war vielleicht ein seltsamer Typ..." Dann kehrte wieder Stille ein.

"Meint ihr, der Gifttod tritt ganz langsam ein, so dass wir langsam entschlafen, ohne es wirklich zu merken?", fragte Melinda versonnen. "Ich würde mir wünschen, dass es ganz schnell geht", antwortete Arthur. "Die Fronten sind zwischen uns ja ohnehin geklärt. Wozu also noch warten?" Er verspürte nun weder Angst vor dem Tod noch die rasende Wut von vorhin. Hauptsächlich fühlte er sich sehr müde und abgeschlafft.

"Ach, weißt du", seufzte Friedrich und räusperte sich. "Ich glaube nicht, dass das stimmt. Die Fronten sind noch nicht geklärt. Es ist wohl an der Zeit, einige Dinge klarzustellen. Arthur, mein Sohn. Was ich vorhin gesagt habe, war gemein und übertrieben. Ich war wütend und aufgebracht, da sind mir einige Dinge herausgerutscht, die …"

"Ist schon in Ordnung, Vater. Vielleicht hast du ja mit allem Recht."

"Nein, das nicht! Hör mir zu, Arthur: Ich habe über das nachgedacht, was du zu mir gesagt hast. Möglich, dass das Gift bereits meine Sinne vernebelt. Aber ich fürchte, du hast die Wahrheit gesagt. Ich war wohl wirklich kein guter Vater. Wäre ich nicht immer beschäftigt gewesen, immer auf Achse, immer gehetzt, wäre ich also öfter für dich da gewesen – dann hättest du sicher mehr Liebe erfahren. Bitte tu einem alten Mann kurz vor seinem Tod einen Gefallen. Nimm meine aufrichtige Entschuldigung an. Auch für das, was ich deiner Mutter angetan habe. Bitte." Arthur konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Am Liebsten hätte er seinen Vater umarmt.
"Ich nehme deine Entschuldigung an, Vater. Weißt du, auch ich habe in den letzten Minuten viel nachgedacht. Ich war dir kein guter Sohn. Wie viele Enttäuschungen musstest du wegen mir hinnehmen. Wie oft musstest du dich über meinen mangelnden Ehrgeiz und meinen fehlgeleiteten Elan ärgern. Bitte vergib auch du mir!" Er drehte sich zu seiner Frau um, die die Szene als stille Zuschauerin verfolgt hatte. "Und du, Melinda… du warst die schönste Frau, die ich je sah und bist es immer noch. Aber ich habe dich als Mensch nie genügend wertgeschätzt. Von Anfang an sah ich in dir nur ein hübsches Anhängsel. Ich war nie der Mann, den jemand wie du verdient hättest. Erst jetzt, wo alles zu spät ist, erkenne ich, welch großartiges und kluges Wesen du bist. Bitte sei nicht mehr wütend auf mich."

"Ach, mein liebster Arthur", schluchzte Melinda. "Natürlich bin ich nicht mehr wütend auf dich! Wäre ich nicht so eingebildet gewesen, dann hätte ich schon längst gemerkt, dass ich mich dir zuliebe ändern muss. Dass ich offener sein muss. Doch ich war blind! Dabei hätten wir beide so glücklich sein können, wenn ich es nur gewollt hätte."

Sie standen alle auf, erst Arthur, dann Melinda und schließlich auch Friedrich, und umarmten sich stumm. Minutenlang mussten sie so dagestanden haben auf der Terrasse über dem offenen Meer. Bis ein leises Räuspern die intime Stille durchbrach.
"Was ist denn, Francesco?", fragte Friedrich, als er den alten Kellner erblickte. "Es tut mir leid, Sie unterbrechen zu müssen", erwiderte der Greis mit seinem starken Akzent. "Aber ich räume nun den Tisch ab, und ich wollte wissen, ob alles gut geschmeckt hat."

"Ja doch, ja, es war wunderbar", sagte Friedrich müde.

"Vielen Dank. Und ich hoffe, der Wein war auch in Ordnung, trotz des kleinen Unfalls."

"Welcher Unfall?", fragten drei Stimmen gleichzeitig.

"Es tut mir außerordentlich leid, Signori. Der junge Daniele hat in der Küche das Tablett mit den Weingläsern fallen gelassen. Sie waren alle kaputt. Und die Flasche auch. Ich musste einen anderen Vino bianco öffnen und neue Gläser bringen. Es ist auch etwas davon in die Suppe gekommen, also haben wir auch die weggeschüttet und neu aufgesetzt. Hoffentlich war das für Sie in Ordnung. Daniele wird seine Strafe bekommen. Ab morgen sitzt der Idiot auf der Straße, seien Sie sicher."

Francesco starrte sie der Reihe nach an und wartete auf eine Antwort. Am Ende war es Friedrich, der leise hervorbrachte: "Das ist voll und ganz in Ordnung, Francesco. Vielen Dank. Und bitte, keine Strafe für Daniele. Wir sind alle nur Menschen, nicht wahr? So etwas passiert. Sie können abräumen und Feierabend machen."
Der Kellner verbeugte sich und begann mit zackigen Bewegungen das Geschirr zu stapeln. Friedrich, Arthur und Melinda standen nebeneinander am Geländer der Aussichtsterrasse und starrten stumm auf das Meer. Die Wellen schienen müde zu werden und schlugen nur noch sanft und unmotiviert gegen die Felsen.

"Also", durchbrach Arthurs Vater nach einigen Minuten die Stille. "Melinda, Arthur, wie sieht es eigentlich mit Nachwuchs aus bei euch?"

(c) Mark Read 2015 ; Überarbeitung 2019

Projekt "Best Of": Ich stelle nacheinander meine Lieblings-Kurzgeschichten der Jahre 2013 bis 2017 online. Manche in Originalform, manche leicht überarbeitet. Dies ist Teil 2 der Reihe, hier gibt es alle Texte im Überblick