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Mark Read
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Das Handy, soziologisch betrachtet

Es gibt soziologische Studien, die sich von ganz alleine ergeben. Man muss dazu lediglich über einen gewissen Zeitraum hinweg regelmäßig mit der U-Bahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Es wird unweigerlich genügend Material zusammenkommen, um bahnbrechende Schlüsse ziehen zu können, die der Wissenschaft völlig neue Impulse verleihen könnten, würde diese sich dafür interessieren. Ich zum Beispiel stelle auf Grundlage mehrjähriger Erfahrung als U-Bahnfahrer die These auf, dass Handynutzer nicht gleich Handynutzer ist.

Zunächst wären in der Masse der Handynutzenden nämlich zwei Gruppen zu unterteilen. Da gibt es die einen, die wissen, wie man das Gerät korrekt benutzt, nämlich indem man es ans Ohr hält und hineinspricht beziehungsweise zuhört. Die andere Gruppe besteht aus Menschen, die ihr Handy mit einem Walkie-Talkie verwechseln und es beim Sprechen in gebührendem Sicherheitsabstand vor ihren Mund halten. Der Schluss liegt nahe, dass Leute, die zu derartigem Fehlverhalten in der Lage sind, auch Milch in den Wassertank ihres Cappuccino-Vollautomaten geben. Empirische Belege hierfür stehen allerdings noch aus.

Doch die Studie ist an dieser Stelle noch keineswegs beendet. Innerhalb der Gruppe derer, die wissen, wie man ein Handy benutzt, ergeben sich nämlich wieder zwei Untergruppen. Da sind die einen, die ihren Klingelton auf leise stellen oder gleich gänzlich stumm schalten, weil sie ihre Sitznachbarn im Bus, in der U-Bahn oder im Zug nicht stören wollen. Oft steckt dahinter auch der durchaus verständliche Wunsch, selbst nicht gestört zu werden und sich von einem im Grunde unwichtigen Gebrauchsgegenstand wie einem Mobiltelefon herumkommandieren zu lassen. Das ist die eine Gruppe. Dann sind da aber noch die anderen Zeitgenossen, denen der Klingelton ihres Handys gar nicht laut genug sein kann. Jeder soll hören, wie es mächtig aus dem Lautsprecher schallt. Der Klingelton als Machtdemonstration, als Statussymbol. Wenn sich die Köpfe der Mitreisenden unweigerlich zu ihnen herumdrehen, strahlen diese Handynutzer stolz wie Donald Trump, wenn er gefragt wird, was das Geheimnis seines guten Aussehens ist. Schließlich hat der gute, alte "Ich-stelle-mein-Handy-auf-maximale-Lautstärke-für-maximale-Aufmerksamkeit"-Trick doch auch diesmal wieder funktioniert.

Fairerweise muss ich an dieser Stelle aber festhalten, dass es hier nicht so einfach ist, alle über einen Kamm zu scheren. Denn wir sind noch immer nicht am Ende der Studie angelangt. Wie sich herausstellt, müssen nämlich innerhalb der Lautstärke-Fanatiker erneut zwei Untergruppen unterschieden werden. Sie merken, es wird kompliziert. Aber das macht doch den Reiz der Wissenschaft aus, nicht wahr? Auf der einen Seite haben wir nun jedenfalls diejenigen, die ihr lautstark klingelndes Handy aus der Tasche fingern, kurz auf das Display blicken und dann den Anruf entweder annehmen oder ablehnen. Nennen wir sie der Einfachheit halber "Die Entscheidungsfreudigen". Diese Menschen sprechen meist ebenso laut und durchdringend in den Hörer, wie der Klingelton aus selbigem schallt. Und fast immer unterhalten sie sich über Fitnessstudios. Die andere Untergruppe besteht wiederum aus denen, die erst nach sechs- bis siebenmaligem Klingeln ihres Handys überhaupt damit beginnen, das Gerät gemächlich aus der Mantel- oder Handtasche zu klauben. Anschließend nehmen sie sich ausgiebig Zeit, die Beschaffenheit des Displays zu studieren. Geradezu versunken starren sie auf den Bildschirm, während das Gerät sich um Kopf und Kragen klingelt. Schwere Gedanken scheinen ihnen dabei durch den Kopf zu gehen. So schwer, dass sie nicht einfach das Gespräch annehmen können. Wir nennen diese Gruppe konsequenterweise "Die Entscheidungsschwachen". Der Einkauf in einem großen Supermarkt ist für Mitglieder dieser Gruppe die reinste Tortur. Bei der Suche nach dem richtigen Fruchtjoghurt können schon einmal Stunden bis zu einer Entscheidung vergehen.

Der Entscheidungsfindungsprozess im Angesicht eines lautstark klingelnden Handys führt jedenfalls, dies belegen empirische Studien, mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu einem positiven Ende, und es gehört zu den befriedigendsten Augenblicken für jeden Forscher, diesem Menschenschlag beim anschließenden Versuch, das Gespräch anzunehmen, zuzusehen. Das meist hilflose Herumwischen auf dem Display eines Smartphones, oder, falls es sich um ein älteres Modell handelt, das virtuose Danebendrücken auf der Tastatur eines Handys sind Augenblicke von größter Poesie, soviel schöner als das Ergebnis einer jeden Studie.