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Mark Read
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Eine Stadt für Menschen

Paris. Eine Stadt, die schon immer besonders gut darin war, sie selbst zu sein. Keine andere Stadt verstand es so meisterhaft, das Leben geschehen zu lassen und dabei den Anschein zu erwecken, das wäre ganz einfach. Die Zeit war ihr egal und konnte ihr auch nichts anhaben. An jedem Tag ging die Sonne wieder über dem Dach der Kathedrale Notre-Dame auf oder erschien als Feuerball zwischen den Gitterstäben des Eiffelturmes. Mit der Sonne erschienen die Menschen auf den breiten Boulevards und Avenuen oder den winzigen Gassen im Marais und im Quartier Latin. Die Buchverkäufer an der Seine öffneten ihre Stände, die Cafés stellten nach und nach Tische auf die Trottoirs, die Buch- und Modegeschäfte mussten nach dem Aufschließen ihrer Türen nicht lange auf Kundschaft warten. Paris war wieder Paris, und würde es den ganzen Tag über sein. Während sich Touristenmassen über die Champs-Elysées zu zwängen begannen, huschten Geschäftsleute, Hausfrauen und Studenten durch die Straßen ihrer Heimatviertel, auf dem Weg zur Arbeit, zur nächsten Boulangerie oder zur Bus- oder Métrohaltestelle. Sie trugen Aktentaschen oder Plastiktüten mit ihren Einkäufen, sie tranken hastig Kaffee aus Pappbechern. Es bewahrheitete sich erneut das alte Sprichwort: Setze dich ein paar Stunden an einen Tisch in einem Pariser Straßencafé, und du siehst die ganze Welt vorbeiziehen.

Paris. Eine Stadt, die atmete, pulsierte und zuckte. Ein einzigartiger Organismus, den kein Wissenschaftler der Welt je würde vollständig untersuchen können. Ein Ort, über den man sich ärgern konnte. Immer wieder kochte der sonst so gemächlich vor sich hinblubbernde Topf plötzlich über, zuckte der Organismus mit hektischen Bewegungen. In manchen Augenblicken konnte einem Paris die Luft zum Atmen rauben, denn dann gab es hier plötzlich zu viel von allem: Zu viele Menschen, zu viele Autos, zu viele Versuchungen, zu viele Möglichkeiten. Doch dann verwandelte sich Paris scheinbar übergangslos wieder in einen Ort, der einen gefangen nahm, einen zwang, sich voll und ganz mit ihm zu beschäftigen. Wie eine schöne Frau, die sich ihrer Schönheit nur zu sehr bewusst ist, spielte Paris mit seinen Reizen, bot sich dem Betrachter immer wieder aus anderen, noch vorteilhafteren Blickwinkeln dar. Selbst langjährige Liebhaber, die glaubten, die Dame mit all ihren Eigenheiten zu kennen, entdeckten immer wieder Details, die sie noch nicht kannten.

Paris. Ein Häusermeer, durchsetzt mit prachtvollen Bauwerken. Eine Stadt voller großartiger Architektur, majestätischer Straßenzüge, unvergesslicher Anblicke. Und doch noch viel mehr als das. Wenn die Sonne nach einem langen und anstrengenden Tag beschloss, sich bettfertig zu machen, wenn es langsam dunkel wurde in den Avenuen und Rues in Saint-Germain-des-Pres, in Montparnasse oder über dem Jardin du Luxembourg, zog sich die Stadt neue Kleider an, die ihr keineswegs schlechter standen als ihre vorigen. Selbst wenn die goldene Kuppel des Invalidendomes nicht mehr in Sonnenlicht getaucht war oder die Kirche Sacre-Coeur auf dem Hügel von Montmartre nicht mehr angestrahlt wurde wie ein Model auf dem Laufsteg, selbst dann pulsierte das unbändige Leben in diesem weitverzweigten Organismus. Die Brasserien und Bars quillten über vor Menschen, es wurde gelacht, diskutiert, gestritten und geliebt. Menschen, die Paris nur einen kurzen Besuch abstatten hatten wollen, wurden zu engen Freunden mit der moralischen Verpflichtung, regelmäßig vorbeizuschauen. Schon nach kurzer Zeit verloren sie ihre Scheu. Sie bestellten ihre Drinks, tranken und bezahlten sie mit derselben lässigen Eleganz wie die Alteingesessenen. Hungrige mussten nur wenige Schritte gehen, um ein Restaurant zu finden, Durstige hatten die freie Wahl aus hunderten von Kneipen. Mochte sich der Ärger über die hohen Preise auch kurz bemerkbar machen, so verrauchte er ebenso schnell, wie er gekommen war. Man wusste: Das waren Dinge, die man nicht ändern und beeinflussen konnte. So war Paris nun einmal. Wenn am nächsten Morgen die Sonne wieder ihren Dienst antreten und den Flusslauf der Seine in goldenes Licht tauchen würde, würde alles wieder von vorne losgehen. Paris würde wieder die Stadt sein, die sie schon immer war: Sie selbst.