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Mark Read
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Toleranz heißt 'aushalten'

Demo in München am 22.12.2014

Inspiriert von einem belauschten Gespräch am äußersten Rande der Anti-Pegida-Demo in München am 22.12.2014, wo 12.000 Menschen unter dem Namen "Platz da!" ein Zeichen für eine offene, tolerante Gesellschaft setzten. "Toleranz heißt 'aushalten' ist einer von 24 satirischen Texten in meinem Sammelband "Gedanken und andere Gemeinheiten"


A: "Ja, grüß' Sie, Frau B.! Und, ham' Sie gestern noch schön gemütlich Weihnachtsgeschenke eingekauft?"
B: "Von wegen! Ich sag' Ihnen, Frau A., fürchterlich war's!"
A: "Wieso, was ist denn passiert? Erzählen S' doch!"
B: "Ja, ganz grauenhaft, sag ich Ihnen. Der Gerd und ich sind mit dem Auto auf der Maximilianstraße gefahren und wollten ins Parkhaus, gell. Weil wir ja zum Chopard wollten und dann noch zum Dior, und am End' noch zur Elly Seidl und Pralinen kaufen. Aber dann: Absperrung! Alles voll mit Menschen! Da konnten wir nicht mehr weiterfahren. Stellen Sie sich das doch vor! Wir mussten dann illegal auf dem Bürgersteig parken."
A: "Ach! Was war denn da los?"
B: "Ja, das kann ich Ihnen schon sagen! Demonstranten waren's!"
A: "Nein! Demonstranten? Vor der Oper, mitten in der Stadt?"
B: "Aber ja doch! Schrecklich war's! Der Gerd hat dann zum Polizisten gesagt: 'Was soll denn das, warum darf man in seiner eigenen Stadt nicht mehr mit dem Auto ins Zentrum fahren?' Ganz furchtbar hat er sich aufgeregt."
A: "Und was hat der Polizist dann gesagt?"
B: "Ja, das ist ja das Unverschämte! Wissen Sie, was der gesagt hat?"
A: "Naa, was hat er denn gesagt?"
B: "Des werd' ich Ihnen schon sagen, was der gesagt hat."
A: "Ah, geh', was denn?"
B: "Ja, von Grundrecht und Demonstrationsfreiheit hat er was gefaselt, der freche junge Herr. Der war ja noch keine dreißig, ein kleines Büberl war das! Aber meint schon, dass er uns belehren darf. Ich sag' Ihnen, so etwas Unverschämtes! Eine richtige Frechheit! Und wer waren dann die Leidtragenden? Wir! Gell? Wie immer."
A: "Unvorstellbar!"
B: "Allerdings! Und das war ja noch nicht einmal das Schlimmste."
A: "Ach geh?"
B: "Wir haben uns ja dann da durch diese Menschenmenge durchkämpfen müssen. Ganz schrecklich, sag' ich Ihnen! So viele laute und unrasierte Menschen. Aber teilweise hatten die ja auch ihre Kinder dabei. Die dann auch noch Schilder hoch gehalten haben. Unverantwortlich, sag' ich Ihnen! Ich meine, wer lässt denn seine Kinder demonstrieren? Da fehlt's doch weit, nicht wahr? Und von Kondomen haben die offenbar auch noch nie etwas gehört."
A: "Ja, aber was waren das denn für Demonstranten?"
B: "Ach, was weiß ich! Irgendwas mit Toleranz oder so ähnlich. München ist bunt oder so etwas haben's gerufen."
A: "Ach?"
B: "Dabei waren die meisten von denen nicht bunt, sondern vor allem schmutzig, gell?"
A: "Ach geh?"
B: "Ich meine, demonstrieren dürfen die ja. Und Toleranz: Meinetwegen! Wenn's sonst nix is'! Aber doch nicht mitten in der Stadt!"
A: "Da haben S' Recht!"
B: "Wer hat denn etwas von der ganzen Toleranz? Und wer leidet dann schlussendlich darunter? Wir braven Bürger, wir, die Steuern zahlen und die Wirtschaft am Laufen halten, gell? Wenn man vor lauter Toleranz nicht mehr ungestört zum Einkaufen zum Chopard gehen kann, dann … dann hört's doch auf! Die hätten doch ihre Demonstration auch außerhalb machen können, da in der Fröttmaninger Heide wäre doch genug Platz für alle gewesen, gell?"
A: "Sehr richtig!"
B: "Ich sag's Ihnen, da hört bei mir die Toleranz auf!"
A: "Sehr richtig!"
B: "Also, frohe Weihnachten, Frau A., gell?"
A: "Ja, Ihnen auch, Frau B.! Und lassen Sie sich nicht so ärgern von den Demonstranten. Die haben ja auch nix Besseres zu tun."
B: "Da ham' S' recht."