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Mark Read
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Von wegen Australien

Der folgende Text entstand für das 85. Wortspiel auf www.bookrix.de zum Thema "Neulich in meiner Stammkneipe"


Wir haben das ja nicht ahnen können. Gar nichts haben wir davon gemerkt! Ganz im Gegenteil, wir haben alle jahrelang geglaubt, dass der Herbert ein ganz normaler Typ ist. Einer wie du und ich, und wie der Toni und der Martin, den alle nur Martl nennen. Ich meine, der Herbert hat das "Holzfass'l" vierzig Jahre lang betrieben. Als der den Laden aufgemacht hat, waren viele von uns noch gar nicht auf der Welt. Ich auch nicht, glaube ich. Das muss man sich mal vorstellen. Da kommst du doch nicht drauf, dass der Typ nicht ganz dicht ist. Wer vierzig Jahre lang höchst erfolgreich ein Bierstüberl betreibt, der muss alle Sinne beisammen haben. Hatte er aber nicht. Der Herbert war tief drinnen offenbar immer verrückt gewesen. Und das haben wir schmerzhaft erfahren müssen.

Aber bevor ich erzähle, lass mich zunächst einmal festhalten, warum wir alle so emotional mit dem "Holzfass'l" verbandelt sind. Ich meine, ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber damit spreche ich gewissermaßen auch für die anderen. Bei mir war's einfach so, dass ich einmal reingegangen bin für ein paar Stunden, und dann beschlossen habe, immer wieder zu kommen. Richtige Entscheidung. Ich meine, schau dir doch mal an, was mit den Kneipen in München passiert ist in den letzten Jahren. Alle weg, da sind jetzt vegane Coffeeshops drin oder Salatbars oder Töpferläden. Das "Holzfass'l" ist aber immer noch da. Kann auch an der Lage liegen. Ich meine, wer will schon an der Schleißheimer Straße freiwillig ein Café eröffnen, da wo es einem die Abgase nur so in den Latte Macchiato schwappt? Eben. Uns hat das aber nie gestört, weil es gab ja Bier.

Das "Holzfass'l" ist gewissermaßen unser Leben. Innen drin schaut's noch genau so aus wie vor vierzig Jahren. Die Kneipe, meine ich, nicht unser Leben. Wobei, das vermutlich auch. Ich kann zwar natürlich nicht bezeugen, dass sich im "Holzfass'l" wirklich rein gar nix verändert hat, aber der Toni behauptet das immer. Und der ist schon fast siebzig und zusammen mit dem Stüberl alt geworden. Dem glaube ich das, verstehst du? Der ist eine Koryphäe auf dem Gebiet. Das "Holzfass'l" ist beständig und solide. Und wer ist das heute schon noch? Wie eine zweite Haut ist es für uns. Aber eine Haut, die uns mit frisch gezapftem Augustiner versorgt und Fußballspiele zeigt. Eine Haut streift man doch nicht einfach so ab, der bleibt man ein Leben lang treu.

Und jetzt das. Jetzt erfahren wir, dass der Wirt vom "Holzfass'l" ein Verrückter ist. Der Herbert, dem wir alle blind vertraut haben. Ein Mann wie ein Baum, unermüdlich nächtelang Bier zapfend, energiegeladen, ein Vorbild für uns alle. Ja, was sage ich, eine Vaterfigur sogar. Der Herbert hat uns immer mit offenen Armen empfangen, wenn wir's daheim mal wieder nicht ausgehalten haben - mich, den Toni und den Martin, den alle nur Martl nennen. Also quasi jeden Tag hat er uns aufgenommen. Dieser Mensch war eine Konstante in meinem Leben. Und jetzt das. Jetzt packt der auf einmal so einen Satz aus.

"Am Ende des Jahres ist Schluss."

Den Satz muss man für sich alleine stehen lassen, muss ihn reifen lassen, um ihn in seiner Gesamtheit absorbieren zu können. Verstehst du? Das hat der Herbert uns so lapidar hingeworfen wie einen abgenagten Knochen. Während er uns ganz normal frische Biere hingestellt hat, so wie sonst auch immer. Als wäre das ein Satz wie jeder andere, als hätte er gesagt: "Morgen soll's schiffen, nehmt's einen Regenschirm mit." Hat er aber nicht gesagt. Stattdessen hat er gesagt, dass am Ende des Jahres Schluss ist. Dass er das "Holzfass'l" dicht macht, nach vierzig Jahren.

"Verarschst du uns, Herbert?", hat der Martin gefragt, den übrigens alle nur Martl nennen. "Aber sicher nicht", hat der Herbert gebrummt und sich wieder hinter die Theke begeben, wo nach all den Jahren vermutlich seine Fußabdrücke im Holzboden zu sehen waren, an der Stelle wo er immer das Bier zapft. "Ich hab mir nach vierzig Jahren Bier zapfen und servieren für euch Saufköpfe auch mal eine Auszeit verdient. Ich werd' a Weltreise machen. Erstmal nach Australien, dann schau' ich weiter." "Australien?", hab ich gefragt, obwohl ich den Herbert ja genau verstanden hatte. Aber ich war noch nie gut darin, mit Sachverhalten umzugehen, die mir nicht geheuer sind. Deshalb bin ich ja jeden Tag ins "Holzfass'l" gekommen, verstehst du? "Ja, Australien. Zu den Kängurus. Down Under." Und damit war für den Herbert die Angelegenheit offenbar beendet. Aber nicht für den Toni. "Herbert, spinnst du? Du kannst uns doch nicht auf die Straße setzen!" Die Halsschlagader vom Toni war dick wie der Bizeps vom Schwarzenegger. "Aber freilich kann ich das. Ihr wart's mir all die Jahre treu, und das vergess' ich euch nie. Aber ich bin doch nicht eure Mama, und ganz sicher bin ich nicht für euer Wohlergehen verantwortlich. Es würde euch vermutlich sowieso nicht schaden, mal ein bissl weniger zu saufen. Mehr Zeit für Sport und Kultur."

Wir haben uns Blicke zugeworfen, ich, der Toni und der Martin, den alle nur Martl nennen. Jetzt war der Fall uns klar: Der Mann war verrückt. Er hatte den Kontakt zur Realität verloren. Seelisch war der völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Vom Paulus zum Saulus innerhalb weniger Augenblicke. Hannibal Lecter im Bierstüberl. Dieser Kerl wollte uns die Heimat wegnehmen, wollte uns am ausgestreckten Arm verdursten lassen. Wir mussten handeln, bevor dieser Mensch noch mehr Unheil anrichtete.

Ich muss dazu sagen, dass mir der Herbert immer sehr sympathisch war. Das hatte ich ja schon mal festgestellt, aber ich wiederhole es lieber noch mal. Sonst kommt hier ein falsches Bild uns auf. Dass wir ihn gefesselt und geknebelt haben und ihn in den Kofferraum vom Auto vom Martin gesperrt haben, den alle nur Martl nennen, das hatte nichts damit zu tun, dass wir den Herbert gehasst hätten. Überhaupt nicht. Und wir haben ihn nicht in der alten Lagerhalle vom Toni versteckt und spät nachts im Isarkanal beim Stauwehr Oberföhring versenkt, weil wir Unmenschen waren. Es war auch für uns nicht leicht, seinen leblosen Körper davontreiben zu sehen.

Ich meine, ich und der Toni und der Martin, den alle nur Martl nennen, wir sind ganz normale Durchschnittstypen. Wir tun normalerweise keiner Fliege was zuleide. Das kann jeder bezeugen, der uns kennt. Auch der Herbert hätte da seine Hand dafür ins Feuer gelegt. Aber du stimmst uns doch zu, dass wir in dem Fall jetzt handeln mussten, oder? Eben.

In Australien hätt's dem Herbert eh nicht gefallen. Da wär's ihm viel zu warm gewesen, der Herbert hat Hitze immer gehasst.

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