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Mark Read
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Wagmüllers Verwandlung

"Am Abend des zweiten Juni änderte sich Herrn Wagmüllers Leben vollkommen."

Mit diesem bescheidenen Satz beginnt eine satirische Kurzgeschichte über menschliche Schwäche, einen kaputten Fernseher und ein Buch im Schrank auf dem Flur. Eine Hommage an die sträfliche unterschätzte Sorte Mensch, die der Meinung ist, Lesen sei nur etwas für Leute, die zu blöd zum Fernsehen sind.

Die komplette Geschichte gibt es umsonst bei Amazon und anderen eBook-Stores zu kaufen - als kleinen Appetitanreger hier der Anfang. Aber nicht sauer sein, wenn es mittendrin aufhört ...


Wagmüllers Verwandlung Am Abend des zweiten Juni änderte sich Herrn Wagmüllers Leben vollkommen. Seine Frau war auf Kur in Bayerischen Wald gefahren, um ihr Rückenleiden auszukurieren, und um die Qualität der ansässigen Konditoreien zu prüfen. Herr Wagmüller hatte sich vorgenommen, das Beste aus dieser Situation zu machen. Es sollte ein Abend nach seinem Geschmack werden.

Doch als er sich mit einem frisch aus dem Kühlschrank geholten Bier und einer Schüssel Kartoffelchips auf das Sofa setzte und den Fernseher anschaltete, nahm das Drama seinen Lauf. Denn es geschah: Nichts. Er drückte den Knopf der Fernbedienung fester, doch erneut gab es keine Reaktion von Seiten des Fernsehers. Wagmüller versuchte es noch einmal mit voller Muskelkraft, doch der Apparat blieb schwarz. Kein Ton entrang sich dem eingebauten Lautsprecher, nicht einmal ein leises Flimmern war auf dem Bildschirm zu sehen. Nachdem er sämtliche Kabelverbindungen kontrolliert hatte, blieb Wagmüller nur die Einsicht, dass der Fernseher kaputt war. Tot, dahingeschieden, ein Ex-Fernseher. Wagmüller war wie gelähmt. Erinnerungen stiegen in ihm hoch, Erinnerungen an die gemeinsam durchlebten Zeiten, an Nächte voller Krimis, Spielfilme und amerikanischer Comedyserien. Auch so manche Fußballübertragung hatten sie im Laufe der Jahre gemeistert, hatten zusammen unzählige Titel gewonnen. Und jetzt war alles vorbei. Ausgerechnet an diesem so wichtigen Abend hatte der langjährige Begleiter, dem er täglich die wenigen angenehmen Stunden der Zerstreuung verdankte, die ihm vergönnt waren, sein Leben ausgehaucht. Wagmüller fiel zurück auf das Sofa und schlug die Hände vor das Gesicht. Wo sollte er nun Ablenkung vom tristen Alltag finden? Wie sollte er der immer komplizierter werdenden Welt entfliehen, die ihm außerhalb seiner vier Wände ständig Dinge abverlangte, wie sollte er die Monotonie seines beruflichen Daseins vergessen, wenn er nun keinen Fernseher mehr hatte, der ihm Unterhaltung kostenlos nach Hause lieferte?

Halt, durchzuckte ihn in diesem Moment ein Geistesblitz, da gab es ja noch das Internet mit seinen unendlichen Weiten, mit Videos, Spielen und Katzenbildern. Wagmüller sprang aus dem Sofa hoch, nahm Bier und Chips und setzte sich an den Computer. Nun würde der Abend doch noch einen guten Verlauf nehmen, dachte Wagmüller zufrieden und erinnerte sich mit süffisantem Lächeln daran, dass seine Frau ihn erst kürzlich geistig unbeweglich genannt hatte. Doch für einen stumpfen und unbeweglichen Menschen hatte er schnell auf eine neue Möglichkeit der Abendgestaltung umgeschwenkt, oder etwa nicht? Wagmüller aktivierte mit einem energischen Knopfdruck den Apparat, der seine Rettung sein sollte. Sein Lächeln währte noch einige Sekunden, dann fror es ein. Als er sich nämlich ins Internet einwählen wollte, geschah: Nichts. Es kam keine Verbindung zu Stande. Eine rasche Überprüfung aller angeschlossenen Kabel brachte keine Abhilfe, alles saß so fest, wie es sollte. Es war zum Verzweifeln. Wütend klickte Wagmüller verschiedene Programme an, öffnete seinen Browser und starrte minutenlang auf die Fehlermeldung, die auf dem Bildschirm auftauchte. Beim Anbieter lag offenbar eine technische Störung vor, die ein Einwählen ins Internet und damit in der Welt der angenehmen Unterhaltung unmöglich machte. Mit einem gequälten Stöhnen warf sich Wagmüller wieder auf das Sofa.

Das Wohnzimmer, ja seine ganze Wohnung wurde ihm mit einem Mal unerträglich. Es war noch so früh am Abend - wie sollte er nur die Zeit totschlagen, ohne Fernseher, ohne Internet? Er konnte doch nicht einfach herumliegen und nichts tun. Das durften nur Frauen und homosexuelle Künstler im Fernsehen, andere taten so etwas doch nicht. Bei diesem Gedanken stellte er überrascht fest, dass er seine Frau vermisste. Tatsächlich erschien ihm ein Gespräch mit ihr auf einmal als sinnvolles Mittel zum Zeitvertreib, so sehr er sich auch zwang, es absurd zu finden.
Wagmüller wollte nicht zu sehr über den Zusammenhang zwischen seiner Situation und diesen unerhörten Empfindungen für seine Gattin nachdenken, nein, er wollte im Grunde überhaupt nicht nachdenken. Er wollte in diesem Moment einfach nur die Stimme seiner Frau hören. Doch ein Anruf auf ihrem Mobiltelefon erwies sich als erfolglos – vermutlich befand sie sich gerade in einer Massagesitzung oder auf der Toilette. Oder wurde in der Toilette massiert. Oder massierte den Masseur. Wütend legte Wagmüller auf und setzte sich mit verschränkten Armen auf das Sofa. Wie ein trotziges Kind haderte er nun mit der Welt, die sich gegen ihn verschworen und ihm den schönen Feierabend verdorben hatte.

In der Küche tickte die Uhr. Minutenlang hörte Wagmüller ihr zu und versuchte, sich über das weitere Vorgehen klar zu werden. Er fühlte eine entsetzliche Langeweile in sich aufsteigen. Seiner beiden Hauptkanäle der Zerstreuung beraubt, empfand er die Sinnlosigkeit seiner Existenz mit einem Mal ganz deutlich. Beziehungsweise begann er in diesem Augenblick, seine Existenz überhaupt zum ersten Mal als solche wahrzunehmen. Denn war nun geschah, war außergewöhnlich und ist in der Rückschau nur mit der besonderen Situation zu erklären, der sich Wagmüller an diesem Abend ausgesetzt sah.

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