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Mark Read
Mark Read

Die Frau Mitterwieser

Ich sag’s Ihnen ganz ehrlich: Ich hab’ es satt. Satt hab’ ich’s! Satt! Dieses ganze Gerede von der Presse und von den scheinheiligen Gutmenschen auf der Straße. Als ob ich ein Verbrecher wäre, ein Mafiosi! Wie ein Aussätziger werde ich behandelt! Ich, der seit dreißig Jahren immer brav die Partei wählt. Ich, der immer Steuern zahlt und oft sogar meine Strafzettel! Ich, der früher mal Ministrant war! Jetzt werde ich hingestellt wie ein Monster – also, dass meine Ex-Frau so etwas behauptet, wundert mich jetzt nicht. Die würde mir sogar dann noch die Cholera an den Hals wünschen, wenn ich sie eigenhändig aus einem brennenden Haus retten würde, beziehungsweise ihren Körper mit dem Bagger herauswuchten würde. So ist die drauf. Damit habe ich ja gerechnet, aber dass mich die anderen Leute auf die Straße, die Normalen quasi, dass die mich jetzt auch schon für einen Unmenschen halten und mir Gemeinheiten hinterher rufen, das pack’ ich nicht. Ganz ehrlich, das macht mich fertig! Und genau darum habe ich diese Schmutzkampagne gegen meine Person so satt!
Wie bitte? Sie fragen, was passiert ist? Das fragen Sie mich ernsthaft! Ja, leben Sie denn hinterm Mond? Oder in der Oberpfalz? Das müssen Sie doch mitbekommen haben, ich bitt’ Sie, das ist doch Stadtgespräch! Ich meine, schlagen Sie wahllos irgendeine Zeitung auf, da werden Sie mein Gesicht sehen. Hier, ich zeig’s Ihnen, hier liegt einen Zeitung, warten Sie … ja, moment … hier nicht … nein, hier auch nicht. Ja, wo bin ich denn? Himmelherrgott, irgendwo muss ich doch sein … Ja, gibt’s denn das? Eine Frechheit ist das, jetzt haben die mich nicht einmal mehr drin in ihrer Scheißzeitung … ah, hier! Na gut, das ist jetzt nur eine kleine Meldung ohne Foto auf der vorletzten Seite, aber ich schwör’ Ihnen, vor ein paar Tagen war ich überall mit Foto zu sehen. Also, natürlich haben die kein vorteilhaftes Bild von mir genommen, sondern eines vom Fasching vor zwei Jahren, wo ich mit dem Hitler-Bärtchen unterwegs war. Ja, des war doch ein Spaß damals! Ich bin doch kein Nazi, ich hab’ nix gegen Ausländer! Also zumindest gegen die, die wo nicht zum Schmarotzen herkommen. Engländer, Belgier, Norweger, alles super Leute, da kann man nix sagen. Ein Freund von mir ist sogar Österreicher, also kann ich ja wohl kaum ein Nazi sein. Aber natürlich haben diese Schweine von der Presse jetzt dieses Foto in ihren Artikel eingebaut, damit ja jeder glaubt, ihr wäre ein Monster und würde ihre Kinder fressen oder was weiß ich.

Um was es in dem Artikel ging? Ach so, des wissen Sie ja nicht, sie sind ja von hinterm Mond. Diese so genannten Journalisten, diese unerhörten, gemeinen Schmierfinken, diese schändliche Bagage behauptet, ich hätte die Frau Mitterwieser aus ihrer Wohnung herausekeln wollen und wäre Schuld an ihrem Tod! Ich! Ich könnte ja noch nicht mal einen Hund treten, wenn er mir ans Hosenbein pinkelt! Friedfertiger als ich kann man kaum sein. Lassen Sie mich die Geschichte mal aus meiner Sicht erzählen. Ja, jetzt tische ich mal die ganze Wahrheit auf! Die Leute von der Zeitung hatten an meiner Seite der Geschichte ja kein Interesse. Dabei war meine Forderung nun wirklich nicht übertrieben. Ich meine, ich bin momentan ein Medienereignis, da hätten sie mir durchaus die dreitausend für das Interview zahlen können. Nach all den Ausgaben, die ich wegen der Frau Mitterwieser und der Wohnung hatte, wäre das ja wohl das mindeste gewesen. Aber wie schon gesagt, man hat mich zum Unmenschen abgestempelt, zum asozialen, hartherzigen Geldgeier, da will man mir halt nicht zuhören. Also, zunächst einmal war die Frau Mitterwieser schon dreiundachtzig Jahre alt, das ist ein Alter, wo man halt irgendwann einmal sagen muss: Das war’s. Klingt jetzt hart, aber so ist der Lauf der Dinge, nicht wahr? Wenn das Herz nicht mehr mitmacht, dann heißt’s halt: Ciao, schnöde Welt! Salopp gesagt, in dem Alter, das die Frau Mitterwieser erreicht hatte, fängt man halt irgendwann das Verrecken an. Bin ich daran jetzt schuld, dass eine alte Frau den Löffel abgibt? Man kann mir viel vorwerfen: dass ich bei rot über die Ampel fahre, wenn’s pressiert, dass ich manchmal die Zeitung aus dem Kasten nehme und vergesse zu bezahlen – mei, ich bin kein Engel. Aber wer ohne Sünde sei und so weiter, Sie verstehen. Jedenfalls bin ich sicherlich nicht dran schuld, dass eine Frau von dreiundachtzig Jahren, die in ihrem Leben weiß Gott genug Schweinsbraten gefuttert hat und vermutlich einen Cholesterinspiegel jenseits von Gut und Böse hatte, das Zeitliche segnet.

Und überhaupt: Warum hätte ich denn Zwang anwenden sollen, um die Frau Mitterwieser aus der Wohnung zu kriegen? Ich hab ja quasi gewusst, dass bei der die Uhr tickt, also die biologische Uhr mein ich. Die in ihrer Küche hat natürlich auch getickt, tagein, tagaus, immer und zu jeder Minute, und das hat mich jahrelang wahnsinnig gemacht. Aber auch das kein Grund, die Dame herauszumobben oder gar umzubringen. Ich bitte Sie! Wer mir vorwerfen will, ich wäre auf ihre Wohnung scharf gewesen, um sie weiter zu vermieten oder selbst darin zu wohnen, der vergisst eines: Die Frau hat immer pünktlich ihre Miete gezahlt. Das kann ich beweisen, ich habe alle Kontoauszüge! Gut, da sieht man dann natürlich auch, dass die Miete lächerlich gering war. Ich meine, die Frau ist anno neunundfünfzig eingezogen, da haben wir noch alle Schwarz-weiß gelebt und eine Mark war so viel wert wie heute ungefähr zwanzig Euros. Da waren die Leute froh, wenn der Hamster schnell genug gerannt ist, um Strom für die einzige Glühbirne im Haus zu produzieren. Ha, ha! Kleiner Flachs am Rande. Sie merken, trotz meiner Lage habe ich meinen Sinn für Humor nicht verloren! Also, um das in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Frau Mitterwieser hat eine Miete gezahlt, für die kriegen sie heute im Lehel noch nicht einmal die Fußmatte vor der Besenkammer vom Hausmeister. Mehr als die paar Krümel, die man kaum als Miete bezeichnen darf, hat die mit ihrem bisserl Rente ja auch gar nicht stemmen können, also so gesehen war die Frau sozial im München von heute überhaupt nicht mehr vermittelbar.

Jedenfalls: Dass bei der Frau Mitterwieser kein Wasser mehr aus dem Hahn gekommen ist – daran bin doch ich nicht schuld als Hauseigentümer! Ja, bin ich ein Monteur, oder wie? Wenn die Technik streikt, das ist höhere Gewalt, quasi der liebe Gott persönlich. Natürlich war das sehr bedauerlich, ebenso die Sache mit dem von Außen vernagelten Fenster. Ganz ehrlich, ich verstehe da jeden, der sich aufregt. Hätte ich in der Wohnung wohnen müssen, mir wäre der Kamm geschwollen! Und der Unfall, den ihre Katze hatte – schlimm natürlich. Aber, nennen Sie mich jetzt bitte nicht pietätlos, aber: Das ist halt das Leben. Da draußen passieren jeden Tag schreckliche Dinge, da kann auch mal eine Katze von einem Bagger überfahren werden.

Ich habe den Totenkopf sicher nicht an ihre Tür gemalt, und als Hauseigentümer kann ich so etwas natürlich nicht gutheißen. Was sollen denn die Hausbesucher denken? Die meinen ja, hier wohnt eine Rockerbande, wenn sie das sehen. Das hätte die Frau Mitterwieser ja eigentlich von ihrer Tür entfernen müssen, das ging ja gar nicht. Aber gut, ich habe ein Auge zugedrückt, weil sie schon so lange hier gewohnt hat und weil ja ihr Mann und ihr Sohn am Krebs krepiert sind. Ja, da sehen Sie’s – soviel zum Thema Unmensch, soviel zum Thema Monster! Lassen Sie mich jetzt noch auf den Punkt zu sprechen kommen, dass die Frau Mitterwieser in ihren letzten Tagen kein Telefon und keinen Strom mehr hatte – natürlich traurig, aber: Hätte Sie halt was gesagt! Dass ihre Tür von Außen verriegelt war, kann ich da nur halb gelten lassen. Sie hätte ja einen Zettel unten hindurch schieben können, oder etwa nicht? Also, Sie sehen: all diese Horrorgeschichten, die diese Schmierfinken jetzt in der Zeitung schreiben, sind völlig übertrieben dargestellt. Eine ganz und gar einseitige Berichterstattung, die ich nicht akzeptieren kann. Wenn ich da so Schlagzeilen lese wie: Vermieter-Monster ekelt alte Mieterin (83) in den qualvollen Tod oder so ähnlich, dann muss ich ganz deutlich sagen: Nein! Und das meine ich so, wortwörtlich. Da dürfen Sie mich ruhig zitieren. Mir lag das Wohl von der Frau Mitterwieser sehr wohl am Herzen. Wäre es nach mir gegangen, hätte sie natürlich einen angenehmeren Lebensabend gehabt, in einem schönen Heim oder so. Ich habe es ihr mehrfach angeboten, aber das wollte sie ja nicht, die Dame. Verstehen Sie mich richtig, das ist selbstverständlich ihr gutes Recht. Ich sag’s ja bloß, da hätte es für sie viel weniger Scherereien gegeben – und für mich auch. Denn den Ärger habe ja jetzt wohl ich deswegen. Mein Ruf ist ruiniert, und in der Wohnung, in der die Frau Mitterwieser gewohnt hat, stinkt es immer noch erbärmlich! Ich sage Ihnen, diese Frau hat gehaust wie eine Neandertalerin. Die Wohnung muss ich komplett renovieren lassen, bevor ich die weitervermieten kann. Selbst mit der leider notwendigen Anpassung der Miete von dreihundert auf eintausendachthundert Euro wird es schon eine Zeit dauern, bis ich diese Kosten wieder herinnen habe. Aber ich jammere ja nicht. Das Urteil über mich wurde von der Öffentlichkeit schon längst gesprochen. Ich merke schon: Gerechtigkeit brauche ich in einer so verkommenen Gesellschaft wie dieser nicht zu erwarten.