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Mark Read
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Die spinnen doch! Aber ich, ich bin völlig normal.

Als ich neulich vor der riesigen Auslage einer großen Buchhandlung stand, traf mich eine gewichtige Erkenntnis. Es war keine Erleuchtung transzendentalen Ausmaßes. Aber immerhin hatte ich eine Erkenntnis, was schon einmal mehr ist, als beispielsweise Lutz Bachmann von sich behaupten kann. Konkret wurde mir in der Buchhandlung folgendes bewusst: Wir leben in einer freien Gesellschaft. Das muss man sich ja in diesen Tagen immer mal wieder vor Augen führen. Eine freie Gesellschaft bedeutet allerdings auch, dass offenbar jeder Deutsche ein Sachbuch zu irgendeinem Thema schreiben kann, und stets ein Publikum dafür findet. Das ganze Gerede von der Wirtschaftskrise ist eine einzige große Lüge, denn die breite Masse scheint über unerschöpfliche Geldressourcen zum Kauf von Sachbüchern zu verfügen, egal wie beknackt der Inhalt auch sein mag.

Wobei der Begriff "Sachbuch" hier natürlich in einem sehr weit gefassten Sinn zu verstehen ist. Denn die Rede ist ja hier nicht von Hinweis-Literatur im klassischen Telekolleg-Stil wie zum Beispiel "Holz: Woraus es besteht und was Sie damit anfangen können". Nein, die absolut überwältigende Mehrheit der Sachbücher trägt Titel, die ebenso grell sind wie ihre Covers. Es ist der in Buchform gebrachte kleinste gemeinsame Nenner des von jedem Anspruch gereinigten Massengeschmacks. Bücher, die gefühlt jeder verfassen kann, der über einen Computer verfügt und öfter als einmal pro Jahr das Haus verlässt.

Wie man Sachbücher schreibt, die sich verkaufen wie geschnitten Brot: Ein Ratgeber

Sie wollen selbst erfolgreicher Sachbuchautor werden? Dann greifen Sie doch einfach in die Platitüdenkiste, die das Leben nun einmal jeden Tag aufs Neue füllt. Beispiel: Sie arbeiten als Sachbearbeiter im Kundenservice eines Möbelhauses und haben es zuweilen mit bizarren Kundenanfragen zu tun? Schreiben Sie ein Buch darüber! Ich weiß auch schon einen Titel: "Und wo muss jetzt die Schraube rein? Erfahrungen eines Möbel-Mobbingopfers"

Oder pendeln Sie jeden Tag mit dem Rad durch den Münchner Berufsverkehr? Fassen Sie Ihre Gedanken in Worte! "Helmstadt mit Schmerz: Die tägliche Apokalypse auf Münchens Radwegen". Machen Sie sich nicht allzu viele Gedanken über Inhalt und Aufbau des Werks, diese Faktoren scheinen nämlich höchstens zweitrangig für den Erfolg zu sein. Wichtig ist, dass das Cover mit Schmackes in die Sehnerven stößt. Bücher über den so genannten täglichen Wahnsinn verkaufen sich offenbar immer blendend, wenn nur die Verpackung stimmt. Ansonsten würden die großen Buchverlage sie nicht in derart obszöner Zahl in die Regale der Buchhändler ausscheiden.

Ich will mir nicht anmaßen, den Inhalt all der Bestseller-Sachbücher der vergangenen Jahre zu kennen. Ich bin nicht Denis Scheck. Schon rein äußerlich nicht, ich bin ja viel größer als er. Aber ich behaupte, dass der Erkenntnisgewinn, mit dem die Verlage viele dieser Bücher bewerben, in den allermeisten Fällen gegen Null tendiert. Im Grunde haben wir es hier mit künstlich aufgeblähten und in Buchform gepressten Blogeinträgen zu tun, die vor allem einen Zweck haben: Das Selbstwertgefühl der Menschen zu steigern. Je verwirrender und unübersichtlicher die Welt da draußen wird, desto stärker wollen sich die Leser offenbar versichern, dass sie selbst noch alle Sinne beisammen haben. In Syrien tobt Krieg, den wir durch Waffenexporte mit unterstützen, und jetzt kriegen wir die Quittung in Form einer beispiellosen Welle an Hilfesuchenden, die wir versorgen müssen? Puh, komplexes Thema, moralisches Dilemma. Da tut es gut, etwas so bodenständiges zu lesen wie Berichte über völlig durchgeknallte Anrufer bei Service-Hotlines. Man weiß dann: Die spinnen doch! Aber ich, ich bin völlig normal!

Jetzt fällt mir auf, dass das eigentlich ein großartiger Titel für ein Sachbuch wäre. Hoffentlich klaut mir den keiner. Ich will schließlich auch ein Stück vom Kuchen abhaben. Am besten, ich schreibe ein Buch darüber: "Wie ich einmal den perfekten Titel für ein Sachbuch hatte, ihn aber öffentlich ausplauderte, so dass ihn mir jemand klaute, weil ich ihn mir nicht rechtzeitig das Copyright gesichert hatte, ich Depp." Demnächst in der riesigen Auslage des örtlichen Großbuchhändlers, gleich neben: "Humor: Woraus er besteht und wie er schmeckt".