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Mark Read
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Fünf Lesetipps zum Welttag des Buches

Heute ist Welttag des Buches. Was viele vielleicht gar nicht gemerkt haben, weil es halt doch kein im großen Stil zelebriertes Datum ist wie der Tag der Menschenrechte oder gar Mutter-/Vatertag. Aber die, die es mitbekamen, haben den heutigen Tag möglicherweise besonders ausgiebig zum Lesen genutzt. Dafür ist der 23. April ja auch da.

Nachdem ich kein Bücherblog im herkömmlichen Sinne betreibe, habe ich bisher nur sehr selten – vermutlich noch gar nicht – über andere Bücher geschrieben als meine eigenen. Der Welttag des Buches bildet einen guten Anlass, dies zu ändern. Denn es ist ja nicht so, dass ich nichts lese. Eher im Gegenteil trifft man mich auch außerhalb des Betts und vor dem Schlafengehen durchaus regelmäßig mit Büchern an. Der modebewusste Mann trägt 2016 nämlich Buch, habe ich mir sagen lassen. Und jetzt, wo das Wetter die miesepetrige Winter-Miene abgelegt hat, sitze ich nach Feierabend oder am Wochenende nur zu gerne in verschiedenen Cafés in Schwabing, Maxvorstadt oder Isarvorstadt und trage mein Trend-Accessoire zur Schau.

Da ich beim Lesen versuche, eine bewusste Mischung aus Neuerscheinungen und Klassikern zu treffen – denn kaum etwas nervt so sehr wie Leute, die alles verdammen, was nach 1930 erschienen ist oder eben selbst ernannte Literaturexperten, die noch nie etwas von Zweig, Hesse, Schnitzler oder Hemingway gehört haben - ist die nachfolgende Liste von fünf herausragenden Büchern, mit denen ich zuletzt das Vergnügen hatte, eine bunte Mixtur aus alt und neu. Vertrauen Sie mir, ich weiß ich tue, oder so ähnlich.

Jonathan Franzen - Unschuld

Franzens im letzten Jahr erschienener Roman um einen früheren DDR-Rebellen, der es zum international gefeierten Whistleblower bringt und um eine junge Frau, die versucht, ihren Platz in der durchgetakteten westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu finden, ist wie alle seine Bücher sehr umfangreich. Doch wie schon "Freiheit" oder "Die Korrekturen" hat auch dieser Franzen-Roman kein Gramm Fett zu viel. "Unschuld" ist erneut meisterhaft erzählt und vor allem sehr spannend. Alle Charaktere bekommen ausreichend Raum, sich zu entwickeln, ihre Lebensgeschichten sind ebenso glaubhaft wie mitreißend. Und als großes Finale hat sich der Autor eine Wendung einfallen lassen, die so nicht vorherzusehen war. Wenn ich mich zwischen den beiden neuesten Franzen-Werken entscheiden müsste, würde ich vermutlich "Freiheit" vorziehen, weil es noch epischer, ausufernder und einen Hauch famoser ist. Das macht "Unschuld" aber keineswegs schlecht. Sicherlich einer der besten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Der Doppelgänger

José Saramago – Der Doppelgänger

Nachdem ich den großartigen Kinofilm "The Enemy" mit Jake Gyllenhaal gesehen hatte und ohnehin eine Reise nach Portugal bevorstand, kaufte ich mir aus Interesse diesen Saramago-Roman, auf dem der Hollywood-Film basiert. Und "Der Doppelgänger" zog mich nicht nur in den Bann wie kaum ein anderes Buch, es öffnete mir auch die Tür zum Werk dieses in Deutschland eher wenig beachteten Nobelpreisträgers. Saramago versteht es meisterhaft, Realität und Fiktion zu vermischen. Seine Sprache ist ebenso zu tragischer Schönheit fähig wie zu feinem Spott oder gar beißendem Sarkasmus – manchmal alles in einem Satz. Ich habe Saramago ja schon einmal einen ausführlicheren Post gewidmet, daher hier mehr zu "Der Doppelgänger". Die Ausgangslage – ein Mann sieht einen Film und stellt fest, dass ein Schauspieler ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist – führt von einem skurillen Beginn hinab in Untiefen der Psychologie. Identitäten verschwimmen, Gewissheiten bröckeln und am Ende steht die große Frage, wer in diesem Buch eigentlich wer ist. Meine Theorie ist ja, dass der Buchstabe "a" in "Saramago" für "Anspruch" steht. Das wäre zumindest eine Erklärung für die Klasse seiner Werke, von denen "Der Doppelgänger" möglicherweise das beste ist.

Der namenlose Tag

Friedrich Ani – Der namenlose Tag

Aus meiner Sicht leidet das Krimigenre an zwei großen Problemen. Da wäre zum einen der von Schweden nach Deutschland geschwappte Trend, alles mit Psychopathen, Psychologen und Blut zuzukleistern. Ein Mörder muss heutzutage schon mindestens mit dem Skalpell Gebärmuttern von ermordeten Frauen aufschlitzen und nebenbei die Augäpfel verspeisen, während jeder Ermittler mit mehreren inneren Dämonen zu kämpfen haben muss, seit seine Frau vor zehn Jahren von einer Klippe stürzte und so weiter. Das zweite Problem ist der genau entgegengesetzte Trend zum gemütlichen Regionalkrimi, bei dem der Hintertupfinger Landwirt Brünftlmaier seinen Konkurrenten Gerstenhuber im Güllefass ersäuft und der bierbäuchige Kommissar Schweindlmoser zwischen Kirchenbesuch und Frühschoppen alles aufklärt. Verkauft sich wie geschnitten Brot, ist aber vom Anspruch und Spannungsgehalt her vergleichbar mit jedem Sieger einer Musik-Castingshow.

Friedrich Ani neigt weder zum einen Extrem noch zum anderen. Denn er schreibt in erster Linie große Literatur, halt nur mit Krimi-Motiven versehen. In Anis Büchern lauert die Spannung unter der Oberfläche seiner meist verschlossenen und von ihrer Vergangenheit gezeichneten Charaktere. Keine Effekthascherei, keine blutigen Morde, sondern packende Geschichten, die sich in meisterhafter Weise nach und nach herausschälen. In den meisten Krimis von Friedrich Ani, etwa mit seiner bekanntesten Ermittler-Figur Tabor Süden, wird niemand ermordet. Oft geht es nur darum, vermisste oder verschwundene Menschen wieder zu finden, und jedes Mal entwickeln sich daraus menschliche Abgründe, in die niemand zuvor zu schauen gewagt hat. Auch in "Der namenlose Tag", für das er Anfang diesen Jahres den Deutschen Krimipreis erhielt, stirbt während der Erzählung niemand. Anis neuer Ermittler Jakob Franck – ein pensionierter Kommissar – wird vom Vater eines Mädchens, das vor vielen Jahren Selbstmord begangen hat, aufgesucht und gebeten, den Fall noch einmal aufzurollen. Die These: Vielleicht war es doch kein Selbstmord, vielleicht steckten doch diverse Figuren aus dem Leben der Tochter hinter der Sache. Am Ende ist es, typisch für Friedrich Ani, auch der Ermittler selbst, der am Abgrund steht. Ani agiert sprachlich meilenweit über den meisten "herkömmlichen" Krimiautoren. Er kann ebenso poetisch wie knüppelhart formulieren und seine Figuren Sätze sagen lassen, denen man die seelische Qual abnimmt. Ich sage dies unabhängig vom Sympathiebonus, den er als Münchner Autor, der seine Bücher meist in der schönsten aller Städte spielen lässt, bei mir genießt: Friedrich Ani ist groß.

Imperium

Christian Kracht – Imperium

Wer hat behauptet, es gäbe keine unterhaltsamen, modernen Abenteuerromane mehr? Christian Kracht hat mit "Imperium" genau einen solchen Roman geschrieben – noch dazu einen, der auf wahren Begebenheiten beruht und die Lebensgeschichte des Aussteigers August Engelhardt aufgreift. Dieser war Anfang des 20. Jahrhunderts ins damalige Deutsch-Neuguinea gereist, um sich als bekennender Vegetarier ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren. Kracht strickt daraus eine meisterhafte Parabel über Ideologien, über große und zum Scheitern verurteilte Ambitionen und die Gnadenlosigkeit der Geschichte. Noch dazu würzt er seine Sätze mit einer feinen Prise Ironie, ohne je seine Hauptfigur ins Lächerliche zu ziehen. Müsste ich "Imperium" mit einem Wort beschreiben, wäre es "geistreich". Denn genau das ist dieses Buch – neben "Faserland" das zweite von Christian Kracht, das ich gelesen und für großartig befunden habe. Das genaue Gegenteil von großartig war die 2012 erschienene Kritik von Georg Diez, in der er Krachts "Imperium" eine rassistische Weltsicht vorwirft. Wer in diesem Buch auch nur die leiseste Spur von Rassismus entdeckt – also von richtigem, ideologisch motiviertem und nicht zeithistorisch bedingtem – der möge mir Bescheid geben.

Eine Jugend

Patrick Modiano – Eine Jugend

Ich hatte den Namen Patrick Modiano noch nie gehört, ehe er 2014 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Dieses Versäumnis habe ich anschließend schnell korrigiert und mir zunächst einen, dann in rascher Folge viele weitere Romane des Franzosen gekauft. Denn selten konnte ich der Stockholmer Jury so zustimmen wie bei Modiano. Seine überwiegend sehr kurzen und kompakten Romane sind von einer unglaublichen Dichte und Schönheit. Nie schreibt er verkopft, nie verliert er sich in "hochliterarischer" Schwafelei. Durch die Bank sind seine Bücher traurige Abgesänge auf die Vergänglichkeit der Jugend, immer mit dem Fokus auf die Vergangenheit seiner Charaktere gerichtet. Modiano verklärt dabei aber nie etwas, er zeigt lediglich, dass nichts den Menschen so formt wie das, was er früher getan oder erlebt hat. Neben dem auf wahren Tatsachen beruhenden "Dora Bruder" – der Geschichte eines jüdischen Mädchens im von den Nazis besetzten Paris – hat "Eine Jugend" die nachhaltigste Wirkung auf mich ausgeübt. Wie so oft bei Modiano geht es um den Rausch der Liebe, den ein junges Paar erlebt und der gegen die Widrigkeiten der Zeit kämpfen muss. Traurig und zugleich auf bemerkenswerte Weise unterhaltsam und süchtig machend.