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Mark Read
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Schamgefühl: Abgesang auf eine unterschätzte Tugend

Es fühlt sich seltsam an, zu einer aussterbenden Gattung zu gehören. Es bereitet ein wenig Angst vor dem, was sein wird, wenn man selbst eines Tages den Weg alles Irdischen gegangen ist. Die Vermutung liegt nahe, dass eine Welt zurückbleiben wird, in dem wirklich niemandem mehr irgendetwas peinlich ist, und in der nichts so egal ist wie die Bedürfnisse des Nächsten. Eine Welt, in der die Großartigkeit der eigenen Person alles andere überstrahlt und in unzähligen Riten festgehalten wird, die noch eine Generation früher für heftiges Kopfschütteln gesorgt hätten. Eine Welt ohne Schamgefühl.

Fast hat man sich ja schon an den bemerkenswerten Menschenschlag gewöhnt, der auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln deutscher Städte in voller Lautstärke Musik hört – meist ziemlich schlechte – als befände er sich in seinem Wohnzimmer. Fast wundert man sich auch nicht mehr über jene, die jede einzelne ihrer Mahlzeiten fotografieren und ins Internet stellen, um der Welt zu beweisen, dass sie tatsächlich in der Lage sind, den komplexen biologischen Vorgang des Essens durchzuführen. Man nimmt nur wenig erstaunt zur Kenntnis, dass Freunde, die wenige Meter voneinander entfernt wohnen, lieber über Chatnachrichten kommunizieren anstatt sich einfach zu besuchen. Ja, selbst dass man auf Gehsteigen mittlerweile ständig Mitmenschen ausweichen muss, die zombiegleich geradeaus wandeln, den Blick starr auf die Bildschirme ihrer Handys geheftet, ist schon nicht mehr so bizarr wie noch vor zwei Jahren. Fast könnte man darüber lachen, würden sich die Meldungen über in Gleisbette gestürzte und von Zügen überrollte Smartphone-Zombies nicht häufen.

Wir sind nicht nur auf dem Weg in eine extrem selbstverliebte Neurotiker-Gesellschaft, in der all diese Phänomene zum Alltagsbild gehören – wir befinden uns wohl bereits mittendrin. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das Bewusstsein dafür, dass das eigene Handeln Andere stören könnte oder, nüchtern betrachtet, ziemlich peinlich aussieht. Sprich: Das Schamgefühl. Der Begriff "peinlich" kommt nicht umsonst von "Pein verursachen". Es lässt sich allerdings prophezeihen, dass er in einigen Jahren entweder ganz verschwunden sein wird, oder dass sich seine Definition radikaler gewandelt haben wird als Angela Merkels Image seit Beginn der Flüchtlingskrise. Vermutlich wird es in der "Welt 3.0" von morgen als ziemlich peinlich gelten, Zeitungen noch auf Papier zu lesen und nicht digital über die Google-Brille, mit der man parallel seine Blutdruckwerte mit den Freunden bei Facebook teilt. Schämen wird man sich wohl nur noch, wenn man seine Mahlzeiten einfach zu sich nimmt, ohne sie zuvor einer virtuellen Freundesschar im Netz präsentiert zu haben. Ein Stück weit ist es ja heute schon so.

Touristen als Vorreiter der neuen Seltsamkeit

Um das gesamte Ausmaß der neuen Seltsamkeit zu begreifen, muss man sich allerdings an Orte begeben, an denen sich viele Touristen versammeln. Denn Touristen, das sind die, die all diese Entwicklungen auf die Spitze treiben und deren Schamgefühl bereits am weitesten zurückentwickelt ist. Man fahre beispielsweise einmal nach Rom, suche sich einen schattigen Platz vor der Engelsburg, oder – noch besser – vor dem Kolosseum und beobachte das Verhalten der Leute. Es ist auf perverse Weise faszinierend, vermutlich so, als würde man nach einem Verkehrsunfall das brennende Autowrack betrachten.

Da gibt es natürlich die Selfie-Sticks. Eine Erfindung als Sinnbild für die alles verschlingende Egomanie einer nur mehr auf Selbstdarstellung bedachten Gesellschaft. Erschreckend hoch ist inzwischen die Anzahl an Leuten, die sich nicht entblöden, sich mindestens eine halbe Stunde lang aus etwa vierzig verschiedenen Blickwinkeln vor einer Sehenswürdigkeit abzulichten, ohne diese währenddessen eines ernsthaften Blickes zu würdigen. Denn eines ist klar: Dinge ansehen oder gar bewundern, das genügt heute nicht mehr. Man muss bezeugen können, dass man da war, man muss tausende digitale Erinnerungen daran sammeln, weil man ohne die visuelle Bestätigung durch die eigene Visage offenbar vergisst, dass man tatsächlich vor Ort war. Hektisch rennen also die Gruppen oder Einzelpersonen umher und durcheinander, immer auf der Suche nach dem perfekten Winkel für das Selbstbildnis, dabei die Hilfe der künstlichen Ego-Verlängerung in Anspruch nehmend. Gab es vor dem Selfie-Stick schon einmal eine Erfindung, die derart schamlos niedere Instinkte angesprochen hat? Pro Sekunde wandern jedenfalls tausende Bilder des Kolosseums ins Internet, auf 98 Prozent davon befinden sich pickelige Teenager-Gesichter oder Rentnergruppen auf Kaffeefahrten. Denn das ist ein weiterer erschreckender Faktor: Die Selfie-Sucht umfasst beileibe nicht nur die für peinliche Entwicklungen ja schon seit jeher anfällige Teenagerschicht. Nein, es sind sehr viele erwachsene Leute darunter, Eltern und Großeltern, die sich dutzendfach selbst ablichten, anstatt einfach nur mit eigenen Augen aufzusaugen, was es zu sehen gibt. Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmungsfähigkeit ist offenbar rapide im Abnehmen begriffen, ebenso wie die Lust, sich mit den Dingen, vor denen man sich knipst und knipst und knipst, auch tatsächlich zu beschäftigen. Eine repräsentative Umfrage unter Selfie-Fanatikern vor dem Kolosseum ergäbe vermutlich, dass drei Viertel der Meinung sind, es handele sich hier um Julius Cäsars frühere Sommerresidenz. Cäsar, das war doch der, der gesagt hat: "Ich denke, also bin ich", oder? Oder war das Jesus?

Doch freilich ist es nicht alleine die grassierende Selbstprofilierungssucht, die beweist, dass heutzutage wirklich niemandem mehr etwas peinlich ist. Man muss sich nur vor Augen führen, wie viele Leute den umher schwirrenden Straßenhändlern jeden noch so billig produzierten Plastikschrott abkaufen. Man muss sich vor Augen führen, wie viele Touristen ohne mit der Wimper zu zucken Geldsummen zahlen, um sich mit bierbäuchigen Gladiatoren-Darstellern fotografieren zu lassen, deren Ausrüstung auf den ersten Blick als "Made in China" erkennbar ist. Alles unter der Maxime der bestmöglichen Unterhaltung, ohne die früher noch gebräuchliche Trennung in gut und schlecht, brauchbar oder unnötig, nützlich oder überflüssig, stilvoll oder stillos und so weiter. Als Betrachter steht man daneben und schüttelt fassungslos den Kopf - im Wissen, dass dies immer weniger Leute tun, da gleichzeitig immer mehr damit beschäftigt sind, nach optimalen Standorten für das Mega-Selfie zu suchen. Interessant wäre es, zu sehen, wie sich die Charaktere aus Fellinis "La dolce vita", würde man sie mit dem Anblick sich selbstvergessen und dämlich vor den antiken Denkmälern in Szene setzender Touristen konfrontieren, verhalten würden. Vermutlich würden sie nur kurz irritiert zusehen. Vermutlich würden sie sich schon bald bei einem Straßenverkäufer einen Selfie-Stick kaufen und ordentlich posieren.