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Mark Read
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Über die gute deutsche Einladungskultur - Eine Polemik

Die schöne Sitte, Einladungskarten zu versenden, ist leider außer Mode gekommen, beziehungsweise findet hauptsächlich noch bei Hochzeiten und Beerdigungen Anwendung. Selbst auf digitalem Weg sind sich heute die meisten Leute zu schade, noch eine formvollendete Einladung zu verfassen. Das ist sehr schade. Aber wir leben nun mal in einer unpersönlichen Zeit. Umso mehr ist also eine Person zu bewundern, die sich noch klar zur persönlichen Einladung als solche bekennt. Eine Person, die weiß, was sich gehört. Eine Person wie unsere Bundeskanzlerin.

Man kann es nur als politisch motivierte Häme abtun, dass Angela Merkel nun von gewissen Gruppierungen verantwortungsloses Handeln vorgeworfen wird, weil sie Millionen Menschen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und anderen Krisenregionen nach Deutschland eingeladen hat und somit Schuld an dem nicht nachlassenden Flüchtlingsstrom sei. Billige Polemik ist das, nicht mehr. Denn objektiv betrachtet kann man diese Frau nur bewundern. Zum einen für ihre Manieren. Dafür, dass sie sich tatsächlich noch die Mühe gemacht hat, die Flüchtlinge persönlich einzuladen und nicht nur eine nichtssagende Facebook-Veranstaltung zu erstellen, darauf hoffend, dass die betreffenden Leute diese in ihrer Timeline aufpoppen sehen.

Welch gigantische Anstrengung hat diese Frau nur auf sich genommen! Wir sprechen hier ja nicht von ein paar lieblos zusammengeschusterten Postkarten, die man knapp nach Leerungszeit in den Briefkasten wirft, damit die ungeliebten Großeltern gerade nicht mehr rechtzeitig die Einladung zur Taufe erhalten. Nein, es geht hier um Millionen von Einladungen, allesamt von der Bundeskanzlerin persönlich ausgesprochen – und dies so überzeugend, dass fast alle der Eingeladenen fürchterliche Strapazen auf sich nahmen, um nach Deutschland zu kommen, dem Tod auf dem Meer trotzend, in schmutzigen Zeltständen unter erbärmlichen Bedingungen ausharrend, nur um es hierher zu schaffen.

Denn eines ist klar: Ohne persönliche Einladung wäre kein einziger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Ich meine: Deutschland – wer will da schon hin, ohne persönlich vom Staatsoberhaupt eingeladen worden zu sein? Sie etwa? Eben. Ein weiterer Grund, den enormen Einsatz von Frau Merkel zu bewundern. Man will sich gar nicht vorstellen, wie viele Wochen und Nächte sie im Kanzleramt gesessen haben muss, an ihrem nur von einer dürren Kerze schwach erhellten Schreibtisch, immer und immer wieder ihre Unterschrift unter die in stilvollem Layout gehaltenen Einladungskarten setzend. Man hat das Bild vor Augen: Joachim Sauer lehnt müde am Türrahmen, sieht der Kanzlerin schweigend zu und fragt endlich: "Willst du nicht doch lieber ins Bett kommen?" "Ich kann nicht", erwidert sie mit schwacher Stimme. "Ich muss die Einladungen fertig kriegen."
"Aber du musst doch schlafen vor dem EU-Gipfel morgen", sagt er. "Eurorettung, Griechenlandkrise, da geht es doch um so wichtige Themen." Doch sie winkt nur ab und wendet sich wieder den Briefbögen zu.

Dabei kannte sie ja all diese Menschen mit den schwer auszusprechenden Namen nicht einmal, geschweige denn die Städte und Dörfer, in denen sie lebten, bevor sie dem Ruf nach Deutschland folgten. Doch die Kanzlerin hat es durchgezogen, ohne zu jammern oder zu klagen. Und mit dem Schreiben der Einladungen war es ja noch nicht getan. Bewundern muss man auch den logistischen Aufwand hinter der Aktion. Alleine das Eintüten der Einladungskarten in Umschläge muss unvorstellbar schwierig gewesen sein, das Frankieren, der Transport von hunderten Säcken voller Kuverts zum Postamt. Niemand von uns kann sich auch nur annähernd vorstellen, was für eine Mammutaufgabe hier bewältigt wurde. Aber anstatt Bewunderung zu ernten, wird Angela Merkel angegriffen, als Vaterlandsverräterin verunglimpft, als Totengräberin des deutschen Abendlandes beschimpft.

Das ist schäbig und niederträchtig, aber typisch für unsere von Neid durchsetzte Gesellschaft, die große Leistungen schon lange nicht mehr anerkennt. Zum Beispiel Franz Beckenbauer: Um die Fußball-WM nach Deutschland zu holen, hat er so vieles vergessen, was er erlebt und gesehen hat. Er hat freiwillig darauf verzichtet, sich an ganze Jahre seines Lebens zu erinnern – nur damit wir ein paar Wochen lang feiern durften! Und dafür muss sich dieser Mann auch noch rechtfertigen. Nein, in einer solchen Gesellschaft kann eine Frau wie Angela Merkel nicht den Lohn für ihre Mühen einfahren. Ich habe aber überhaupt kein Problem damit, zu sagen: Hut ab, Frau Bundeskanzlerin! Chapeau! Niemals zuvor in der Geschichte hat jemand so viele Menschen eingeladen wie Sie. Ja, Sie sind der lebende Beweis dafür, dass gute Manieren noch nicht ausgestorben sind, dass es immer noch Leute gibt, die wissen, was sich gehört – und die sich nicht zu schade sind, sich für das Gute bis an die Grenze der Erschöpfung aufzuopfern.

Natürlich, das sollte man nicht verschwiegen, fühlte sich die Kanzlerin aber bei ihrer Herkulesaufgabe auch der politischen Tradition früherer CDU-Staatsoberhäupter verpflichtet. Denn schon in den Anfangsjahren der Republik pflegten Bundeskanzler auf bemerkenswerte Weise die deutsche Einladungskultur. Wer erinnert sich nicht an Konrad Adenauers und Ludwig Erhards legendäre Gastarbeiter-Touren in den 1950er und 60 Jahren? In den entlegensten Regionen des italienischen Stiefels, in Griechenland, Jugoslawien, Anatolien, ja sogar in Marokko waren diese großen Staatsmänner unterwegs, um persönlich Gastarbeiter zur Stärkung der deutschen Wirtschaft abzuwerben. Keine Sprachbarriere konnte sie aufhalten, keine Strecke durch entlegenes Hinterland war ihnen zu weit, wenn es dem Staatswohl diente. Ohne die damals überbrachten Einladungen wäre das deutsche Wirtschaftswunder kaum so wunderbar wundersam geworden. Aber davon spricht ja heute wieder niemand. Heute wird ja nur noch kritisiert. Heute werden nur noch Whatsapp-Gruppen gegründet und Facebook-Massenveranstaltungen erstellt, heute geht es nur noch um das große Ganze. Ich frage mich: Wer hat Pegida eigentlich auf unsere Straßen eingeladen? Die Kanzlerin mit Sicherheit nicht.