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Mark Read
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Über Gedankengut und Gedankenschlecht

Es gab in meinem Leben schon oft Situationen, in denen ich gerne gewusst hätte, was in den Köpfen anderer Leute vorgeht. Zum Beispiel in den Köpfen von Autofahrern, die grundsätzlich mindestens dreißig Sachen schneller fahren als erlaubt. Da habe ich mich schon oft gefragt: Nimmt so ein Sportwagen-Depp, der mit 130 Sachen auf einer kurvenreichen Landstraße fährt, die Schilder überhaupt wahr, auf denen eine schwarze sieben prangt, gefolgt von einer Null, zusammen die Zahl 70 ergebend? Stellt sein Gehirn die Verbindung zwischen der Zahl auf dem Schild und dem Tachometer her? Oder blendet irgendein Filter die Schilder automatisch aus seiner Wahrnehmung aus? Möglich wäre es ja, dass all die Raser in ihren grotesk überteuerten, die Luft unnötig verpestenden Karossen theoretisch wissen, dass sie viel zu schnell unterwegs sind. Warum sie sich freiwillig in Lebensgefahr begeben, ist mir aber nie ganz klar geworden. Möglich, dass es etwas mit einem männlichen Körperteil in der Hose zu tun hat, das mit jedem Stundenkilometer über der erlaubten Geschwindigkeit weiter anschwillt. Andererseits gibt es ja auch Frauen, die fahren wie die letzten Menschen. Jedenfalls: Manchmal würde ich tatsächlich gerne wissen, was sich in den Hirnen von Aggro-Autofahrern abspielt. Beziehungsweise, zunächst einmal ob sich etwas abspielt, und, falls dies der Fall ist, dann: was.

Aber dann gibt es wiederum auch Bevölkerungsgruppen, bei denen sich mein Wissensdurst in sehr engen Grenzen hält. Eher würde ich einen Liter Tomatensaft trinken, als zu erfahren, was für Strohballen durch die Oberstübchen von AfD-Wählern, Pegida-Hassmenschen und Schon-immer-Neonazis-Gewesenen rollen. Man muss dazu wissen, ich hasse Tomatensaft wie die Pest. Aber es ist nicht allein die Vorstellung, tumbe Angstreflexe plastisch vor mir zu sehen, die mich abschreckt. Die, nennen wir sie einmal vorsichtig: Gedanken in rechten Köpfen müssen ja irgendwie entstehen, also aus irgendeinem trüben Teich hervorkriechen. Es ist exakt diese Vorstellung, nämlich live mitzuerleben, wie sich Hassgedanken in deformierten Köpfen bilden, die mich schaudern lässt. Dabei zu sein, wenn sich eine paranoide Angstvorstellung mit einem Vorurteil paart, dreckiger Sex auf dem Boden eines leergefegten Kopfes, und plötzlich liegt der so gezeugte Bastard da, ein sich in braunem Schmutz suhlender Hassgedanke. Nein, bei diesem ekelhaften Zeugungsakt will ich nicht zusehen.
Ich will nicht miterleben, was sich hinter der Hirnrinde des rechten Gesindels abspielt. Wenn die Hassmenschen von Pegida oder AfD das Bild eines ausgemergelten, verzweifelten Flüchtlings sehen, der nach vielen Monaten Fußmarsch und tausend überstandenen Lebensgefahren mit leerem Gesicht in Deutschland ankommt, und sich dann, anstatt Mitleid zu empfinden, denken: "Arschloch!" – dann will ich nicht dabei sein.

Es reicht mir schon, wenn ich tagtäglich im Internet mit Hass konfrontiert werde. Ich muss nicht auch sehen, wie er entsteht. Es ist schlimm genug, dass er da ist, und dass er unser tägliches Leben mittlerweile in einem Ausmaß bestimmt, das noch vor wenigen Jahren unvorstellbar erschien. Nein, man muss nicht alles wissen, und erst Recht nicht muss man Verständnis für derlei Gedankengänge haben. Wenn die Politik behauptet, man müsse diese so genannten "Bedenken" so genannter "besorgter Bürger" ernst nehmen, dann lügt sie und fischt mit einer brüchigen Angel in trüben Gewässern. Ich bin nicht naiv: ein gewisser Populismus gehört wohl – leider – zur Demokratie im 21. Jahrhundert dazu. Aber es gibt Grenzen. Und wer allen Ernstes behauptet, man müsse für menschenverachtendes Gedankengut und Hass Verständnis haben, der ist als Demokrat gescheitert. Und die Gedankengänge, die einen gestandenen Politiker dazu verleiten, sich mit der braunen Brut gemein zu machen – auch die können mir gestohlen bleiben.